20.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Hans Filbinger (li.) und Günther Oettinger - im Hintergrund der Generalsekretär der Südwest-CDU Thomas Strobl
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Studienzentrum Weikersheim gilt als Sammelbecken rechter Vordenker. Dass Baden-Württembergs Regierungschef Oettinger Mitglied der Denkfabrik ist, ist für die Grünen nicht hinnehmbar.
Die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, fordert angesichts rechter Umriebe in dem vom ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) gegründeten Studienzentrum Weikersheim Konsequenzen. «Ministerpräsident Oettinger muss seine Mitgliedschaft im Trägerverein des Studienzentrums Weikersheim jetzt beenden», sagte Roth im Gespräch mit Netzeitung.de. «Jede weitere öffentliche Unterstützung für ein Zentrum, das offenbar Antisemiten ein Forum bietet, verbietet sich.»
Roth nannte es bezeichnend, dass zu den Gründungsmitgliedern des Studienzentrums der tief in den Nationalsozialismus verstrickte Militärhistoriker und SS-Obersturmbannführer Paul Carell (bürgerlich: Paul Karl Schmidt) gehört hat. «Auch das ist ein Indiz für den Geist, der hier gepflegt wird.»
Überdies kritisierte Roth, dass die Nachwuchsorganisation des Studienzentrums Einladungen an Vertreter der neuen Rechten ausgesprochen hat. «Wenn die Jung-Weikersheimer zu einer Veranstaltung ausgerechnet an dem Tag, an dem Rechtsextreme den so genannten Führergeburtstag feiern, Ex-General Günzel, einladen, der Martin Hohmann unvergessen bei dessen antisemitischen Tiraden zu den Juden als 'Tätervolk' eilfertig beigesprungen ist, dann darf man dahinter eine im ultrarechten Lager beliebte Symbolsprache vermuten», sagte Roth. «Auch der Antisemit Hohmann selbst ist für die Weikersheimer Nachwuchsorganisation offenbar ein willkommener Gast.»
Die Veranstaltung mit dem früheren Chef des Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK), Günzel, sollte nach Informationen von Netzeitung.de am 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, stattfinden. Der Termin wurde aber wegen der Oettinger-Affäre vorerst gestrichen. Die Veranstaltung mit dem ehemaligen Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Hohmann ist für den 25. August geplant.
Auch der Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, kritisierte das Treiben der Nachwuchsorganisation des Studienzentrums scharf. «Wenn in diesem Zentrum nunmehr Personen wie Günzel und Hohmann hoffähig gemacht werden und ihr Gedenkengut zum Besten geben dürfen, sollten Mitglieder wie Herr Oettinger und Vizepräsident Herr Schönbohm sich einmal fragen, ob sie sich in dieser Gesellschaft wirklich gut aufgehoben fühlen», sagte Beck auf Netzeitung.de.
«Ich empfehle Herrn Oettinger, seinen jährlichen Mitgliedsbeitrag für diese Institution eher einer Opferberatungsstelle für rechtsextremistische Gewalt zur Verfügung zu stellen», sagte Beck. Oettinger zahlt als Mitglied des Studienzentrums einen Jahresbeitrag von 100 Euro, Brandenburgs Innenminister Schönbohm ist Vizepräsident der Denkfabrik.
Beck will in dem Studienzentrum auch schwulenfeindliche Tendenzen ausgemacht haben. In der Denkfabrik, die als «erzkonservatives Zentrum und als Tummelbecken der so genannten Neuen Rechten bekannt» sei, werde auch «schwulenfeindliche Hetze geduldet», sagte Beck.
Der Grünen-Politiker bezog sich dabei auf einen Vortrag von Professor Günter Rohrmoser zum Thema «Die Wiederkehr der Geschichte». Der Rechtspublizist ist Gründungsmitglied des Studienzentrums und veröffentlichte den Text in dem Vereinsorgan «Weikersheimer Blätter 2007».
Darin lobt Rohrmoser den russischen Konservativismus als «Gegengewicht gegen die liberale Dekadenz, die sich bei uns ausbreitet» und greift den Grünen-Politiker Beck, selbst bekennender Schwuler, offen an. Mit Blick auf eine Kundgebung homosexueller Demonstranten in Moskau im Mai letzten Jahres, bei der Beck verletzt wurde, erklärt Rohrmoser: «Ich will nicht darüber frohlocken, dass sie den Hauptvertreter des deutschen Schwulentums in Moskau ins Gesicht geschlagen haben, aber ich bin sicher, dass durch diesen Vorgang Russland neue Freunde, wenn nicht zehn, dann 100.000 dazugewonnen hat.»