netzeitung.deAdenauer, der «Alte» – katholisch und humorvoll

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Adenauers Amtsübernahme (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Adenauers Amtsübernahme
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus: Der Nachkriegskanzler und Rosenliebhaber Konrad Adenauer starb vor 40 Jahren.

Verantwortung hat er nie gescheut, im Gegenteil: Konrad Adenauer wollte lenken und gestalten. Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg am Boden lag, wurde er zum «Architekten der Bundesrepublik». Vor 40 Jahren starb Adenauer 91- jährig in seinem Heimatort Rhöndorf bei Bonn. Den Deutschen ist der «Alte» in Erinnerung geblieben wie kaum ein anderer. Vor vier Jahren wählten ihn die Zuschauer der ZDF-Show «Unsere Besten» zum größten Deutschen aller Zeiten. Keine Frage: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus.

Als erster Kanzler gab Adenauer die Richtung vor, in die sich die Bundesrepublik teilweise noch heute bewegt. Er schmiedete Bündnisse mit dem Westen, um die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Isolation zu holen. Dass die Wiedervereinigung mit der DDR zunächst in weite Ferne rückte, nahm er in Kauf. Er wurde zu einem der Gründungsväter der Europäischen Union. Überall auf der Welt hatte sich der erste Bundeskanzler bald einen Namen als Staatsmann gemacht.

Kampf für Bonn
Adenauer war Rheinländer von ganzem Herzen. Erbittert kämpfte er darum, dass der Regierungssitz der neuen Bundesrepublik direkt in seine Heimat kam. Das beschauliche Bonn wurde provisorische Hauptstadt, das viel größere und prestigeträchtigere Frankfurt am Main ging leer aus.

Am 5. Januar 1876 wurde Adenauer als Sohn einer streng katholischen Beamtenfamilie in Köln geboren. Er studierte Jura und Volkswirtschaftslehre, wurde 1917 Oberbürgermeister von Köln. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers wurde Adenauer 1933 seiner Ämter enthoben und von der Gestapo mehrmals kurzzeitig festgenommen. Er zog sich völlig ins Privatleben zurück.

Doch die politische Untätigkeit war nichts für ihn. Entsetzt von den Entwicklungen in Deutschland habe es ihn zurück in die Politik gedrängt, erinnert sich seine jüngste Tochter Libeth Werhahn- Adenauer. «Er sah diese Ruinenlandschaft, das daniederliegende Deutschland mit all seinen fürchterlichen Wunden. Und es war ihm ein Anliegen, den Menschen zu helfen», erzählt die 78-Jährige.

Von Zweifeln geplagt
Unmittelbar nach Kriegsende startete Adenauer seine zweite Karriere. Auf der Wunsch-Liste der Alliierten stand er ganz oben - zunächst eher aus Zufall, denn die Liste war alphabetisch geordnet, sagt Peter Mensing, Historiker im Adenauer-Haus in Rhöndorf. Adenauer wurde Präsident des Parlamentarischen Rates, der im Auftrag der Alliierten das Grundgesetz erarbeitete. 1949 wählte ihn der Bundestag mit nur einer Stimme Mehrheit zum Kanzler - seiner eigenen.

«Seine Zielstrebigkeit, seine Energie und vor allem sein Mut haben ihn stark gemacht», sagt Historiker Mensing. Adenauer wusste, dass er die politischen Strukturen der Welt langfristig verändern konnte. Angst habe ihm das nie gemacht, sagt seine Tochter. «Er war manchmal von Zweifeln geplagt. Er war auch bitter enttäuscht, wenn Dinge nicht so liefen, wie er es wollte. Dann hat er einen großen Spaziergang gemacht, ist alle Argumente noch einmal durchgegangen und hat seine Meinung anschließend mit aller Entschlossenheit vertreten.»

Seine politischen Gegner erlebten Adenauer oft als einen schroffen, unnahbaren Menschen. Seine Familie und die Mitarbeiter beschreiben ihn als warmherzig und liebevoll. Vor allem Humor habe er gehabt, erzählt seine Sekretärin Hannelore Siegel. Zum Karneval habe Adenauer jedes Jahr im Kanzleramt geschunkelt und dabei lauthals rheinländische Lieder gesungen. «Dem Schmitz sing Frau is durchjebrannt» war sein Lieblingslied.

Blick auf die Beete
1963 trat Konrad Adenauer nach 14 Jahren als Bundeskanzler zurück. Die «Ära Adenauer» war damit zwar abgeschlossen, aber zur Ruhe gesetzt hat sich der leidenschaftliche Politiker trotzdem nie. Bis kurz vor seinem Tod war Adenauer Abgeordneter im Bundestag und trat immer wieder als Vermittler bei internationalen Konflikten auf. «Er hatte weiß Gott keine Rentnermentalität. Er wusste, dass er gebraucht wurde, und sein Verantwortungsgefühl gab ihm die Kraft dazu», erinnert sich seine Tochter Libeth.

In den letzten Tagen vor seinem Tod saß der Rosenliebhaber Adenauer in seinem Schlafzimmer häufig an der Tür zum Garten und schaute auf die Beete. «Er hat seinen Garten über alles geliebt. Es war ein großer Trost für ihn zu sehen, dass das Leben in der Natur auch nach seinem Tod weitergehen würde.» Am 19. April 1967 starb Konrad Adenauer in seinem Haus in Rhöndorf. «Nach allem Schweren kommt einmal die Auferstehung, die Befreiung von allem Drückenden», hatte er 20 Jahre zuvor an einen Freund geschrieben. Das war seine Hoffnung, sagt seine Tochter. «Er hat als Christ gelebt, und er ist als Christ gestorben.» (Marc Herwig, dpa)