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Oettinger sorgt auf Filbinger-Trauerfeier für Ärger

11. Apr 2007 19:22, ergänzt 21:02
Hans Filbinger am Tag seines Rücktritts am 07. August 1978
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Filbinger sei kein Nationalsozialist gewesen, meinte Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger bei der Trauerfeier für seinen Amtsvorgänger. Die Äußerung sorgte für Empörung.

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat die Rede von Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger bei der Trauerfeier für Hans Filbinger (beide CDU) scharf kritisiert. Wenn Oettinger sage, Filbinger habe als Marinerichter in der NS-Zeit kein Urteil gesprochen, durch das ein Mensch sein Leben verloren habe, sei das «eine unverfrorene Erfindung», sagte Hochhuth der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. «Ich kann das nicht glauben.»

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Oettinger hatte bei der Trauerfeier für den früheren baden-württembergischen Regierungschef in Freiburg unter anderem gesagt: «Hans Filbinger war kein Nationalsozialist.»

Filbinger war 1978 zurückgetreten, als bekannt geworden war, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs als Marinerichter an Todesurteilen gegen deutsche Soldaten beteiligt war. Er hatte als Richter zwar Todesurteile ausgesprochen; diese wurden aber nicht vollzogen.

Die Tragödie des Matrosen Gröger

Oettinger betonte, Filbinger hätte «nicht die Entscheidungsmacht und nicht die Entscheidungsfreiheit» gehabt, die seine Kritiker ihm unterstellten. Der in Mannheim geborene Jurist sei Gegner des NS-Regimes gewesen, habe sich den damaligen Zwängen aber beugen müssen. Dies müssten auch die Kritiker des langjährigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten einräumen.

Hochhuth hielt Oettinger entgegen, die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen. Diesen habe «Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet». Der Schriftsteller hatte Anfang 1978 Filbingers Tätigkeit als Marinerichter öffentlich gemacht.

«Feuer!»

Hochhuth erklärte, die Briten hätten in ihren Gefangenenlagern den Nazi-Offizieren die Gerichtsbarkeit über ihre Mit-Gefangenen weiter belassen. Deshalb habe Filbinger noch darauf bestehen können, dass das Urteil gegen den Mitgefangenen Gröger wegen Fahnenflucht vollstreckt werden konnte. «Wozu nichts Filbinger genötigt hat als die Tatsache, dass er ein sadistischer Nazi war», sagte Hochhuth.

«Filbinger musste sich denn auch, um diesen 21-Jährigen zu erschießen, von den Briten zwölf Gewehre ausleihen, denn selbstverständlich hatten die Engländer ihre deutschen Gefangenen entwaffnet.» Dann habe Filbinger die Mannschaft für die Erschießung zusammengestellt. «Und sich selber, für den Ablauf dieser im Wortsinne mörderischen Veranstaltung als der «Feuer!» befehlende Vollstrecker, ins Protokoll gesetzt.» Hochhuth sagte weiter, er habe die Akte des Matrosen Gröger im Bundesarchiv in Koblenz gefunden.

Historiker verteidigt Filbinger

Filbinger hatte 1978 einen Prozess gegen Hochhuth vor dem Stuttgarter Landgericht angestrengt. Hochhuth durfte danach aber weiter behaupten, Filbinger sei als «Hitlers Marinerichter» ein «furchtbarer Jurist» gewesen und habe «sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Soldaten mit Nazi- Gesetzen verfolgt».

Nach Angaben des Freiburger Historikers und Filbinger-Biografs Hugo Ott war Filbinger nicht Mitglied in der NSDAP, allerdings habe er der NS-Kampforganisation Sturmabteilung (SA) angehört. Zwar habe Filbinger 1934 bei seiner Immatrikulation an der Universität München angegeben, in der Partei Adolf Hitlers gewesen zu sein. «Er ist aber nirgendwo registriert. Er ist nicht aufgenommen worden», sagte Ott.

Zentralrat der Juden: Oettinger unbelehrbar

«Für uns Nachgeborene ist es schwer bis unmöglich, die damalige Zeit zu beurteilen», sagte Oettinger. «Hans Filbinger ist schicksalhaft in eine Situation hineingeraten, die den Menschen heute zum Glück erspart bleibt.» Als Ministerpräsident habe Filbinger Baden-Württemberg entscheidend geprägt. «Er war ein Landesvater im besten Sinn dieses großen Wortes.»

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärte, Oettinger sei wie Filbinger unbelehrbar. Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann sagte der dpa in Berlin zu Oettingers Rede: «Ich finde die Äußerung grauenhaft und sie transportiert auch die falsche Botschaft, sie bemäntelt die doch vorhandene Schuld eines Mannes wie Hans Filbinger.» Tatsache sei, dass Filbinger an Urteilen mitgewirkt habe, durch die Menschen zu Tode kamen. Nach Graumanns Meinung hat Filbinger das NS-Regime «sehr wohl getragen». «Er hat es bis zum Schluss nicht eingesehen, und offenbar sieht es sein Nach-Nach-Folger auch nicht ein.»

Auch bei den Grünen stieß Oettingers Rede auf Kritik. Der baden- württembergische Grünen-Chef Daniel Mouratidis sagte: «Mir ist es völlig unverständlich, dass Oettinger die deutsche Geschichte verklärt, wenn er einen Helfer des NS-Regimes als Gegner der Nazis bezeichnet. Denn diese wurden in der Regel gefoltert, erschossen oder mussten emigrieren.»

Die Teilnahme des Bundesinnenministers an der Feier und der Beisetzung wurde von der Bundestagsfraktion der Linkspartei kritisiert. Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Ulla Jelpke sagte, Schäubles Anwesenheit in Freiburg sei völlig unangebracht. Filbinger habe sich nie von der NS-Zeit distanziert.

Die Feierlichkeiten fanden unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Fünf Demonstranten aus der linksalternativen Szene erhielten von der Polizei einen Platzverweis. Beigesetzt wurde Filbinger im engsten Familienkreis. Er hinterlässt vier Töchter und einen Sohn, 14 Enkel und zwei Urenkel. (dpa)

Linke kritisieren Schäuble

Filbinger war am Sonntag vergangener Woche im Alter von 93 Jahren in Freiburg gestorben. Der CDU-Politiker hatte das Land von Dezember 1966 bis August 1978 regiert. Im Freiburger Münster hatten sich am Mittwoch vor allem Weggefährten und Freunde des CDU-Politikers zu der Trauerfeier versammelt. Es nahmen unter anderem Filbingers Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Lothar Späth und Erwin Teufel, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowie Unions-Fraktionschef Volker Kauder (alle CDU) teil.

 
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