Oettinger sorgt auf Filbinger-Trauerfeier für Ärger
11.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Filbinger war 1978 zurückgetreten, als bekannt geworden war, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs als Marinerichter an Todesurteilen gegen deutsche Soldaten beteiligt war. Er hatte als Richter zwar Todesurteile ausgesprochen; diese wurden aber nicht vollzogen.
Hochhuth hielt Oettinger entgegen, die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen. Diesen habe «Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet». Der Schriftsteller hatte Anfang 1978 Filbingers Tätigkeit als Marinerichter öffentlich gemacht.
«Filbinger musste sich denn auch, um diesen 21-Jährigen zu erschießen, von den Briten zwölf Gewehre ausleihen, denn selbstverständlich hatten die Engländer ihre deutschen Gefangenen entwaffnet.» Dann habe Filbinger die Mannschaft für die Erschießung zusammengestellt. «Und sich selber, für den Ablauf dieser im Wortsinne mörderischen Veranstaltung als der «Feuer!» befehlende Vollstrecker, ins Protokoll gesetzt.» Hochhuth sagte weiter, er habe die Akte des Matrosen Gröger im Bundesarchiv in Koblenz gefunden.
Nach Angaben des Freiburger Historikers und Filbinger-Biografs Hugo Ott war Filbinger nicht Mitglied in der NSDAP, allerdings habe er der NS-Kampforganisation Sturmabteilung (SA) angehört. Zwar habe Filbinger 1934 bei seiner Immatrikulation an der Universität München angegeben, in der Partei Adolf Hitlers gewesen zu sein. «Er ist aber nirgendwo registriert. Er ist nicht aufgenommen worden», sagte Ott.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärte, Oettinger sei wie Filbinger unbelehrbar. Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann sagte der dpa in Berlin zu Oettingers Rede: «Ich finde die Äußerung grauenhaft und sie transportiert auch die falsche Botschaft, sie bemäntelt die doch vorhandene Schuld eines Mannes wie Hans Filbinger.» Tatsache sei, dass Filbinger an Urteilen mitgewirkt habe, durch die Menschen zu Tode kamen. Nach Graumanns Meinung hat Filbinger das NS-Regime «sehr wohl getragen». «Er hat es bis zum Schluss nicht eingesehen, und offenbar sieht es sein Nach-Nach-Folger auch nicht ein.»
Auch bei den Grünen stieß Oettingers Rede auf Kritik. Der baden- württembergische Grünen-Chef Daniel Mouratidis sagte: «Mir ist es völlig unverständlich, dass Oettinger die deutsche Geschichte verklärt, wenn er einen Helfer des NS-Regimes als Gegner der Nazis bezeichnet. Denn diese wurden in der Regel gefoltert, erschossen oder mussten emigrieren.»
Die Teilnahme des Bundesinnenministers an der Feier und der Beisetzung wurde von der Bundestagsfraktion der Linkspartei kritisiert. Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Ulla Jelpke sagte, Schäubles Anwesenheit in Freiburg sei völlig unangebracht. Filbinger habe sich nie von der NS-Zeit distanziert.
Die Feierlichkeiten fanden unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Fünf Demonstranten aus der linksalternativen Szene erhielten von der Polizei einen Platzverweis. Beigesetzt wurde Filbinger im engsten Familienkreis. Er hinterlässt vier Töchter und einen Sohn, 14 Enkel und zwei Urenkel. (dpa)

