Frauenpower:
Germanys Topmodel ist die emanzipierte Frau
08.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der zweite Frauentyp ist, oberflächlich betrachtet, das genaue Gegenteil des hüftschlanken Models: die unterdrückte Frau im Islam, die Kopftuch tragen muss, dick ist, einen langen Mantel trägt und hinter ihrem Mann hertrottet. Sie wird zwangsverheiratet, und wenn sie nicht so funktioniert, wie ihre Umgebung verlangt, gerät sie schnell in Gefahr. Ehrenmord ist das Stichwort, das in allen Gazetten herumgeistert.
Für mich sind beide Frauen Modelle ein und derselben feministischen Frage: Sind Frauen Herrinnen im eigenen Haus? Dürfen sie selbst über sich und ihren Körper bestimmen? Müssen sie sich vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen haben? Sollen sie so sein, wie Männerköpfe sie denken?
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Nicht jede westliche Frau lebt im Zangengriff solcher Konventionen. Nicht alle Frauen im Islam werden unterdrückt. Die Zuspitzung dient einzig dazu, auf einen Missstand hinzuweisen: weibliche Rechte auf Selbstbestimmung werden immer noch und immer wieder in Frage gestellt.
Dabei sollten wir aus «westlicher Perspektive» mit dem Erreichten nicht zufrieden sein.: Zugegeben, bei der Gleichberechtigung der Geschlechter sind wir in Deutschland und Europa weit gekommen. Aber auch hier hat es mehr als 100 Jahre gedauert, bis die Frauenbewegung die heutigen Rechte erkämpft hat. Es wird doch vielfach vergessen, dass Frauen in der Bundesrepublik Deutschland noch bis in die Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihre Männer um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie beruflich tätig werden wollten.
Zugegeben, in Deutschland und Europa erleben heutige Frauen ihre reelle Chance, in den oberen Etagen von Politik und Wirtschaft eine herausragende Rolle zu spielen. Aber bislang sitzt noch keine Frau im Vorstand eines der 30 Dax-Unternehmen.
Benazir Bhutto wurde Ende der 80er-Jahre Regierungschefin von Pakistan, Khaleda Zia kurz danach Premierministerin des mehrheitlich islamischen Bangladesh zu einer Zeit also, als auch eine Kanzlerin in Deutschland noch kaum denkbar war und Frauen allenfalls Frauenministerin werden konnten.
Zugegeben, trotz dieser Beispiele hat sich die Rolle der Frau in Familie und Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten positiv verändert. Und dennoch: wir erleben gerade eine große gesellschaftliche Diskussion um Krippenplätze. Letztlich geht es dabei nicht, wie oft in den Medien polarisiert, um einen ideologischen Grabenkrieg zwischen vermeintlichen «Rabenmüttern» und angeblichen «Hausmütterchen», sondern einzig um die Frage: Kann es einer Frau erlaubt sein, selbst zu entscheiden, ob sie zuhause bleibt oder arbeiten geht?
Trotz all dieser Fortschritte in Europa: Wir müssen noch viel tun, um eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen und dies gilt, allen Anhängern des «Kampfes der Kulturen» Huntingtons zum Trotz für muslimische wie auch für christliche und atheistische Frauen.
Die so genannte islamische Unterdrückung stellt sich bei Lichte betrachtet als Folge des Patriarchats heraus. Die islamische Religion ist dabei nicht die Ursache, sondern sie wird missbraucht, um hegemoniale Machtinteressen durchzusetzen. Wir müssen aber die wahren Ursachen bekämpfen! Wir müssen die in den meisten Gesellschaften vorhandenen patriarchalischen Strukturen aufbrechen! Frauen sind nach wie vor in der Politik, im Beruf und in der Gesellschaft benachteiligt.
Der einzige Weg, Frauenrechte voranzutreiben, ist das Bekenntnis zu Frauenrechten als universellem Menschenrecht. Über alle Kulturen und Religionen hinweg: Nur gemeinsam, nur über alle ethnischen Grenzen hinweg, können wir uns gegen Bevormundung und Vereinnahmung der Männer wehren. Ich halte es für ganz wesentlich, dass wir uns als Frauenbewegung nicht in einen Widerspruch zu Frauen stürzen, die sich im Einklang mit ihrer Religion emanzipieren möchten. Junge Frauen wollen Tradition und Moderne leben. Und beides geht, wie die internationale Konferenz «Frauen im Islam: Zwischen Unterdrückung und Empowerment» der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, die derzeit in Köln abgehalten wird und deren Schirmherrschaft ich übernommen habe.
Über 30 international bekannte Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt diskutieren mit rund 120 Teilnehmern und Teilnehmerinnen über Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Und sie tragen die Diskussionsergebnisse wieder zurück in ihre Heimatländer.
Wenn es uns um die Rechte von muslimischen Frauen in Deutschland geht, müssen wir müssen Koalitionen bilden zum Beispiel mit islamischen Feministinnen. Ihnen geht es um eine Neuinterpretation des Islam, abseits von chauvinistischen, homophoben oder sexistischen Leseweisen des Koran. Diese Solidarität wird die muslimischen Frauen insgesamt stärken. Wir alle gemeinsam nehmen den ewiggestrigen Machos hüben und drüben die Deutungshoheit über uns Frauen.

