Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Frauenpower: 

Germany’s Topmodel ist die emanzipierte Frau

08. Mrz 2007 13:31
Frauen - selbstbestimmt oder doch nur Objekt der Begierde?
Bild vergrößern
In allen Kulturen haben Frauen gegen ihre Bevormundung und Fremdbestimmung zu kämpfen. Es ist an der Zeit, dass sich alle Frauen dagegen wehren, meint Lale Akgün.

In diesen Tagen beherrschen zwei Frauentypen die öffentliche Bühne: zum einen das Topmodel, das nun in der zweiten Staffel von Heidi Klums Castingshow «Germany’s next Topmodel» wieder über den Laufsteg stöckelt. 90-60-90 sind die Maße der ansonsten maßlosen Veranstaltung. Die Nase bitte nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig. Die Haut gebräunt, nur nicht zu viel. Das weibliche Leben als DIN-Norm. Wer ihr nicht entspricht, fliegt raus. Das Leben – eine einzige Castingveranstaltung.

Der zweite Frauentyp ist, oberflächlich betrachtet, das genaue Gegenteil des hüftschlanken Models: die unterdrückte Frau im Islam, die Kopftuch tragen muss, dick ist, einen langen Mantel trägt und hinter ihrem Mann hertrottet. Sie wird zwangsverheiratet, und wenn sie nicht so funktioniert, wie ihre Umgebung verlangt, gerät sie schnell in Gefahr. Ehrenmord ist das Stichwort, das in allen Gazetten herumgeistert.

Frauen Herrinnen im eigenen Haus?

Beide Frauentypen sind aber zwei Seiten derselben Medaille: Sie sind Objekte, über die gesprochen wird, über die bestimmt und verfügt wird wie über einen Gegenstand. Die jungen «westlichen» Frauen, die in Honig getränkte Wattebausche essen, um ihren aufoktroyierten Schlankheitsmaßen hinterher zu hecheln ebenso wie die «Kopftuchfrau», deren Religion von Männern instrumentalisiert wird, um Machtansprüche zu zementieren.

Für mich sind beide Frauen Modelle ein und derselben feministischen Frage: Sind Frauen Herrinnen im eigenen Haus? Dürfen sie selbst über sich und ihren Körper bestimmen? Müssen sie sich vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen haben? Sollen sie so sein, wie Männerköpfe sie denken?

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Nicht jede westliche Frau lebt im Zangengriff solcher Konventionen. Nicht alle Frauen im Islam werden unterdrückt. Die Zuspitzung dient einzig dazu, auf einen Missstand hinzuweisen: weibliche Rechte auf Selbstbestimmung werden immer noch und immer wieder in Frage gestellt.

Dax-Unternehmen fehlt Frauen als Chefs

Mit dem Verweis auf religiöse Werte und Traditionen – ob christliche oder islamische – werden Rückschritte gerechtfertigt, werden Frauenrechte beschnitten. Die Debatte in Deutschland verengt sich meist auf die Rolle der Frau im Islam. Das Thema beherrscht die Schlagzeilen wie kein anderes, und es entsteht der Eindruck, Frauen muslimischen Glaubens seien per se zwangsverheiratet, im Familienleben unterdrückt, dürften nur verschleiert vor die Tür gehen, und müssten um ihr Leben fürchten, wenn sie sich nicht an die strengen, vermeintlich islamischen Regeln halten.

Dabei sollten wir aus «westlicher Perspektive» mit dem Erreichten nicht zufrieden sein.: Zugegeben, bei der Gleichberechtigung der Geschlechter sind wir in Deutschland und Europa weit gekommen. Aber auch hier hat es mehr als 100 Jahre gedauert, bis die Frauenbewegung die heutigen Rechte erkämpft hat. Es wird doch vielfach vergessen, dass Frauen in der Bundesrepublik Deutschland noch bis in die Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihre Männer um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie beruflich tätig werden wollten.

Zugegeben, in Deutschland und Europa erleben heutige Frauen ihre reelle Chance, in den oberen Etagen von Politik und Wirtschaft eine herausragende Rolle zu spielen. Aber bislang sitzt noch keine Frau im Vorstand eines der 30 Dax-Unternehmen.

Grabenkrieg um Krippenplätze

Ganz nebenbei muss man auch erwähnen, dass manche europäische Staaten das Frauenwahlrecht erst eingeführt haben, als es in manchen muslimischen Ländern bereits Regierungschefinnen gab. In der Schweiz dürfen Frauen seit 1971 auf politischer Ebene mitbestimmen, im Kanton Appenzell-Innerrhoden sogar erst seit 1990 – und das nach Bundesgerichtsentscheid gegen die Stimmen der Bürger.

Benazir Bhutto wurde Ende der 80er-Jahre Regierungschefin von Pakistan, Khaleda Zia kurz danach Premierministerin des mehrheitlich islamischen Bangladesh – zu einer Zeit also, als auch eine Kanzlerin in Deutschland noch kaum denkbar war und Frauen allenfalls Frauenministerin werden konnten.

Zugegeben, trotz dieser Beispiele hat sich die Rolle der Frau in Familie und Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten positiv verändert. Und dennoch: wir erleben gerade eine große gesellschaftliche Diskussion um Krippenplätze. Letztlich geht es dabei nicht, wie oft in den Medien polarisiert, um einen ideologischen Grabenkrieg zwischen vermeintlichen «Rabenmüttern» und angeblichen «Hausmütterchen», sondern einzig um die Frage: Kann es einer Frau erlaubt sein, selbst zu entscheiden, ob sie zuhause bleibt oder arbeiten geht?

Noch viel zu tun

Diese Frage ist völlig unabhängig von der Religion. Dabei ist kontraproduktiv, dass die Diskussion oftmals nur Frauen als Adressaten kennt. Das Aufweichen des alten, angeblich allein seligmachenden Rollenmusters der klassischen Familie – Vater geht arbeiten und Mütter hütet die Kinder – bietet auch jenen Männern eine Chance, die ihrerseits durch die Alleinverdiener-Rolle in ihrer Selbstbestimmung beschnitten werden. Was ist mit Vätern, die ihre Kinder aufwachsen sehen wollen? Bislang werden Männer, die ihre Kinder erziehen möchten, oftmals als vermeintliche «Waschlappen» belächelt. Der Kampf gegen alte Rollenmuster und für mehr Selbstbestimmung kennt Sieger und Verlierer in beiden Geschlechtern.

Trotz all dieser Fortschritte in Europa: Wir müssen noch viel tun, um eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen – und dies gilt, allen Anhängern des «Kampfes der Kulturen» Huntingtons zum Trotz – für muslimische wie auch für christliche und atheistische Frauen.

Die so genannte islamische Unterdrückung stellt sich bei Lichte betrachtet als Folge des Patriarchats heraus. Die islamische Religion ist dabei nicht die Ursache, sondern sie wird missbraucht, um hegemoniale Machtinteressen durchzusetzen. Wir müssen aber die wahren Ursachen bekämpfen! Wir müssen die in den meisten Gesellschaften vorhandenen patriarchalischen Strukturen aufbrechen! Frauen sind nach wie vor in der Politik, im Beruf und in der Gesellschaft benachteiligt.

Frauenrechten sind Menschenrecht

Von politischer Seite benötigt die Frauenbewegung dabei Unterstützung und keine Maßregelungen: Maßnahmen wie die Koppelung des Ehegattennachzuges an Sprachkenntnisse helfen letztlich nicht gegen Zwangsheirat und Unterdrückung in den Familien. Es besteht die Gefahr, dass am Ende wieder nur die Frauen die Leidtragenden sind.

Der einzige Weg, Frauenrechte voranzutreiben, ist das Bekenntnis zu Frauenrechten als universellem Menschenrecht. Über alle Kulturen und Religionen hinweg: Nur gemeinsam, nur über alle ethnischen Grenzen hinweg, können wir uns gegen Bevormundung und Vereinnahmung der Männer wehren. Ich halte es für ganz wesentlich, dass wir uns als Frauenbewegung nicht in einen Widerspruch zu Frauen stürzen, die sich im Einklang mit ihrer Religion emanzipieren möchten. Junge Frauen wollen Tradition und Moderne leben. Und beides geht, wie die internationale Konferenz «Frauen im Islam: Zwischen Unterdrückung und Empowerment» der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, die derzeit in Köln abgehalten wird und deren Schirmherrschaft ich übernommen habe.

Über 30 international bekannte Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt diskutieren mit rund 120 Teilnehmern und Teilnehmerinnen über Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Und sie tragen die Diskussionsergebnisse wieder zurück in ihre Heimatländer.

Wenn es uns um die Rechte von muslimischen Frauen in Deutschland geht, müssen wir müssen Koalitionen bilden – zum Beispiel mit islamischen Feministinnen. Ihnen geht es um eine Neuinterpretation des Islam, abseits von chauvinistischen, homophoben oder sexistischen Leseweisen des Koran. Diese Solidarität wird die muslimischen Frauen insgesamt stärken. Wir alle gemeinsam nehmen den ewiggestrigen Machos hüben und drüben die Deutungshoheit über uns Frauen.

Bild vergrößern
Lale Akgün ist Islambeauftragte und stellvertretende integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Davor arbeitete sie unter anderem als Diplom-Psychologin in der Kölner Familienberatung. Seit 2002 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages.
 
DruckenVersenden
  • Bookmark:
  • Mister Wong Webnews Yigg Linkarena Google My Space Del.icio.us Oneview Facebook Twitter
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
 
Gouverneurin von Alaska tritt zurück: 
Rätselraten nach Sarah Palins Rückzug
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

  •  Berlin 25°
  •  Hamburg 21°
  •  Köln 22°
  •  Frankfurt 24°
  •  Stuttgart 22°
  •  München 21°
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Aus anderen Ressorts
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Anzeigen:
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2009 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.