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Lupe Ex-Muslime wollen ins TV

Mit einer Kampagne werben Islamkritiker für das Recht auf Abkehr vom Glauben. Doch der neu gegründete «Zentralrat der Ex-Muslime» ist auch eine Kampfansage gegen einen omnipräsenten Konkurrenzverband.

Von Tilman Steffen

Der Afghane Abdul Rahman entging nur knapp dem Tod: Weil der als Muslim Aufgewachsene zum Christentum konvertiert war und seinen Glauben auch so praktizieren wollte, verpfiff ihn seine Familie bei muslimischen Würdenträgern. Die afghanische Justiz überließ ihn per Urteil dem Henker. Erst internationaler Einspruch bei Präsident Karsai stoppte die afghanische Justiz – Rahman durfte nach Italien ausreisen.

Was sich wie längst vergangene Zeiten anhört, geschah 2006.
Da die Abkehr vom Islam in vielen muslimischen Ländern bis heute mit dem Tod bestraft werden kann, wollen Kritiker muslimischer Herkunft dies nun von Deutschland aus anprangern. Die Islamkritikerin Mina Ahadi hat den «Zentralrat der Ex-Muslime» gegründet. Vizevorsitzende soll die linke Publizistin Arzu Toker werden, die über das islamische Kopftuch, Islamkritik und Diskriminierung schrieb. Gemeinsam wollen beide unter dem Slogan «Wir haben abgeschworen» mit derzeit rund 40 weiteren Mitstreitern ihre Abkehr vom Glauben öffentlich kundtun.

Kopftuch als Privatsache
Das klingt wie eine Kampfansage. Existiert doch seit Jahren in Deutschland der Zentralrat der Muslime, der als konservativ gilt und knapp 20.000 der in Deutschland lebenden 3,5 Millionen Menschen muslimischer Prägung vertritt. Hinzu kommt der - kleinere - Islamrat.

«Wir sind zufällig in islamische Länder hineingeboren», begründet die 50-Jährige Exil-Iranerin Ahadi im Gespräch mit Netzeitung.de ihr Tun. Für sie kein Grund, unter patriarchalischem Diktat zeitlebens Muslima sein zu müssen. «Freiheit und freies Leben» wünscht sich Ahadi für im Namen des Islam Unterdrückte. «Das Kopftuch bei Frauen soll Privatsache sein.» Auch müssten Kinder völlig frei von religiösem Druck aufwachsen. «Das Kinderkopftuch muss verboten werden».

Polizeischutz
Zudem verficht sie eine vollkommene Trennung von Religion und Schule. «Wir sind gegen den Religionsunterricht.» Für Ahadi, die sich bereits mit 15 Jahren vom Islam abwandte, sind solche Forderungen gewohntes Terrain. Schon 1978 organisierte sie im Iran Proteste gegen den damals verhängten Kopftuchzwang, bis sie von der Uni flog. Ihr gesamtes Umfeld geriet unter Umsturzverdacht, ihren Mann richtete das Regime 1980 hin. Seither weiß sie, wer zur Abkehr vom Islam aufruft, wird als «potenzielle Gefahr» betrachtet und gegebenenfalls liquidiert. Seit der «Focus» vor zwei Wochen über die Kampagne Ex-Muslime berichtete, steht Ahadi unter Polizeischutz. Ihr drohe Mord oder Hinrichtung, befanden die Beamten.

Dass Emanzipation aus der islamischen Welt beargwöhnt wird, spürte zuletzt die Grünen-Politikerin Ekin Deligöz. Nachdem sie an muslimische Frauen in Deutschland öffentlich aufgerufen hatte, auf das Kopftuch zu verzichten, stellte sie die Polizei unter Personenschutz – zu konkret waren die Morddrohungen, zu heftig die Flut der Droh- und Schmähbriefe.

Nicht völlig unriskant
Entsprechend vorsichtig ging man bei der Gründung des Zentralrats zu Werke: Die Webseite www.ex-muslime.de ist auf Michael Schmidt-Salomon angemeldet. Der «Ex-Christ» ist Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, die durch Aufklärungsarbeit religiösem Fundamentalismus den Boden entziehen will. So unterstützt die Stiftung den «Zentralrat der Ex-Muslime», Schmidt-Salomon leitet die PR-Kampagne. «Es wäre zu gefährlich gewesen, die Adresse eines Ex-Muslims hier anzugeben», so der Philosoph. «Auch für uns ist das nicht völlig unriskant.»

Weitere Unterstützung leistet auch der Humanistische Verband in Deutschland, der unter anderem in Ostdeutschland die DDR-Tradition der atheistischen Jugendweihe am Leben hält. Die Medienarbeit unterstützt deren «Humanistischer Pressedienst» in Verantwortung des Hamburger Publizisten Carsten Frerk, bekannt vor allem durch Recherchen und Veröffentlichungen zum Vermögen der Kirchen.

Von der Gründung des Zentralrats erhofft sich Ahadi aber nicht nur Erfolg im Kampf für Menschenrechte. Endlich sieht sie eine Chance, die Übermacht des medienpräsenten «Zentralrats der Muslime», und dessen Vorsitzenden Ayyub Axel Köhler zu brechen. Denn: Köhler sitzt bei «Christiansen», nicht sie. Auch Köhler war im Herbst zur Islamkonferenz bei Innenminister Wolfgang Schäuble eingeladen. Köhler zeigte bereits sein Unverständnis über die «Ex-Muslime»: Schließlich stehe im Statut seines Verbandes, dass jeder Muslim das Recht auf Religionswechsel habe. Ahadi beklagt, Köhler sage im Fernsehen «immer komplett das Gegenteil» dessen, was sie und ihre Anhänger vertreten wollten. Mit dieser Einseitigkeit soll nun Schluss sein. «Wir wollen auch eine Stimme haben».