Glatze trägt jetzt Anzug
Sie haben Springerstiefel gegen Anzug und Pöbeleien gegen gute Manieren eingetauscht. Neonazis halten nach Ansicht von Beobachtern Einzug in die deutsche Gesellschaft und werden mit ihren Ansichten salonfähig. Ein Grund mehr für Kommunen und Bürger, gemeinsam gegen den Vormarsch der Rechten vorzugehen. Das betonten Vertreter von Verbänden und Gemeinden aus ganz Deutschland auf der Tagung «Praxisorientierter Umgang mit rechtsextremistischen Aktivitäten» in Potsdam. Diskutiert wurde um Aufmärsche, angedrohte Grundstückskäufe und den schleichenden Zuwachs rechter Ansichten in der Gesellschaft.
«Die Szene hat sich verändert», sagt Wolfram Hülsemann, Leiter des Brandenburgischen Instituts für Gemeinwesen und einer der Gastgeber. Früher habe es eine eindeutige rechte Jugend-Szene gegeben, die sich durch Kleidung und Musikgeschmack ausdrückte. Mittlerweile nisteten sich die Extremisten auch in anderen Subkulturen ein. «Scheinbar entpolitisiert dringen sie in den Alltag der Menschen ein», beschreibt Hülsemann die Strategie der Rechtsextremen.
Eine Frau aus dem Süden Brandenburgs weiß aus eigener Anschauung, wie die rechte Szene derzeit an einem guten Image arbeitet. Zum Auftakt der Tagung berichtete sie, wie Neonazis sich in ihrem Dorf Besen und Schippe nahmen, um die Straßen zu kehren. «So etwas kommt gut an.» Feuerwehr und Schützenverein würden unterwandert, Jugendliche dafür bezahlt, wenn sie Flugblätter mit Hetzparolen austeilen. Bei sozial schwachen Familien säßen die Extremisten neben der Mutter auf der Couch, wichen nicht mehr von der Seite. «Von den Dörfern aus wollen wir in die Städte wachsen», habe ein Aussteiger gesagt.
«Das Angebot des Landes, dem Grundstücksbesitzer zu helfen, wirkt nur kurzfristig», meint Hülsemann. Das politische Klima in den Kommunen müsse nachhaltig verändert werden. Mit Initiativen, Gesprächen und viel Aufklärung sollten Bürger und Verwaltung den Rechten entgegentreten. «Als Demokratie können wir die ja nicht verbieten, sondern müssen ihnen mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen», erklärt auch ein Vertreter der Stadt Lübben (Dahme- Spreewald). Er klingt nicht resigniert. (dpa)
