netzeitung.deWaschen und rasieren vor Becks Büro

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Lupe Waschen und rasieren vor Becks Büro

Der frisch rasierte Wiesbadener Erwerbslose Frank will SPD-Chef Beck vorläufig nicht mehr um einen Job ersuchen. Dafür ruft eine Erwerbsloseninitiative zum «Waschen und rasieren» vor die Mainzer Staatskanzlei.

Deutschlands derzeit populärster Arbeitsloser, Henrico Frank, verzichtet entgegen ursprünglicher Absichten bei seiner Suche nach einem Job auf die Dienste der Mainzer Staatskanzlei. Stattdessen wollen Erwerbslose aus ganz Deutschland am Tag nach Neujahr vor den Amtssitz des rheinland- pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) ziehen, um sich in aller Öffentlichkeit zu waschen und zu rasieren. Im Gegenzug erhofft sich das in Bonn ansässige Erwerbslosenforum Deutschland Hilfe bei der Arbeitsplatz- Suche für die Teilnehmer des Happenings.

Mit der Aktion wollen sie «gegen die verbale Entgleisung Becks und dessen Diffamierung von Erwerbslosen» protestieren. Der Ministerpräsident hatte bei einer Veranstaltung auf einem Wiesbadener Weihnachtsmarkt einem durch engagierte Zwischenrufe aufgefallenen Arbeitslosen mit Nasenpiercing, Bart und getönter Stirn-Strähne empfohlen, «Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.»

Henrico Frank verhalf diese Empfehlung zu unerwarteter Popularität, der Absender der Botschaft musste dagegen jede Menge Kritik einstecken: Unter anderem von Linkspartei- Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der Arbeitslose durch Becks Worte herabgewürdigt sah. Dem Ministerpräsidenten bescheinigte er, selbst wenn dieser sich rasiere, «hat er nicht das Zeug zum Kanzler».

Arbeitslose Gewehr bei Fuß
Henrico Frank ließ sich unterdessen rasieren und frisieren. Wie der Berliner «Tagesspiegel» berichtet, fühlt er sich allerdings von seinem Friseur betrogen. «Es hieß, ich soll mir die Haare ein bisschen schneiden lassen. Ein bisschen! Nicht dass ich da mit einem Poposcheitel rauskomme», zitiert ihn die Zeitung.

Eigentlich wollte Frank am 2. Januar bei Beck vorstellig werden, um sich auf einen Arbeitsplatz vermitteln zu lassen. Doch Beck wollte ihm zuvorkommen und ihn für diese Woche zu einem Treffen bitten: Frank sagte ab, ohne überhaupt eingeladen worden zu sein. Er warf dem SPD-Chef vor, den Termin in den Medien verbreitet zu haben, anstatt sie ihm erst einmal zuzuschicken. «Das ist der gleiche Umgang wie auf dem Weihnachtsmarkt - Arbeitslose haben Gewehr bei Fuß zu stehen. Ich finde das ziemlich übel», sagte Brigitte Vallenthin von der Wiesbadener Hartz IV-Plattform, die als Franks Sprecherin auftritt.

Rasieren als Lösung
Ein Sprecher der Staatskanzlei in Mainz sagte, sollte kein persönliches Gespräch zwischen Beck und Frank zu Stande kommen, werde ein Mitarbeiter der Landesregierung dem Arbeitslosen die fünf Jobangebote von Unternehmen aus der Region überbringen. Gemeldet hätten sich unter anderem eine Baufirma und ein Malerbetrieb.

Die Mitglieder des Bonner Erwerbslosenforums wollen den SPD-Chef jedoch beim Wort nehmen: «Wir erwarten von Kurt Beck ernsthaft, dass er dann den Teilnehmern dieser Aktion einen Job zusagen kann.» Beck ist für sie der Schlüssel zur gesicherten Existenz: «Es scheint, dass die Lösung der Massenarbeitslosigkeit sich sehr leicht beheben lässt und Hartz IV damit überwunden ist.» Doch das ist für sich nur ein Ziel ihrer Aktion: Zugleich soll die Aktion Anlass sein, um gegen die verbale Entgleisung von Kurt Beck und dessen Diffamierung von Erwerbslosen zu protestieren. Die Politik der großen Koalition lasse keine Gelegenheit aus, um Erwerbslose immer wieder zu verhöhnen und ihnen die Schuld an ihrer Lage zu geben.

Steuer auf Produktivität
Die Erwerbslosen nutzen die unerwartete Aufmerksamkeit jedoch auch, für ihre konkreten Ziele und verlangen mehr Geld zur Existenzsicherung: Es sei ein Skandal, Menschen nur täglich 3,79 Euro für das Essen zu gewähren. «Der Regelsatz muss dringend auf 500 Euro erhöht werden.» Ebenso erforderlich sei eine Arbeitszeitverkürzung und ein gesetzlicher Mindestlohn, sagte ein Sprecher des Erwerbslosenforums.

Um mehr Menschen in die Wertschöpfung einzubeziehen, machen die Erwerbslosen einen bisher unbeschrittenen Weg: Wer viel Waren durch wenig Menschen produzieren lässt, solle dafür zahlen: «Angesichts der hohen Produktivität unserer Wirtschaft wären Überlegungen einer Besteuerung dieser ebenfalls gerechtfertigt», sagte Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosenforums. (nz)