03.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Grünen-Chefin Roth erlebte Staat als «Feind»
Die Grünen-Vorsitzende Roth hat scharfe Kritik am deutschen Staat Ende der 70er Jahre geübt. In der Netzeitung verteidigte sie anarchistische Texte der Rockband «Ton Steine Scherben», deren Managerin sie von 1982 bis 1985 war.
Die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, hat ein vernichtendes Urteil über den deutschen Staat Ende der 70er Jahre gefällt. Der Staat habe seinerzeit Menschen, die gegen Atomkraft oder öffentliche Gelöbnisse waren, «wie Feinde» behandelt, sagte Roth, die von 1982 bis 1985 Managerin der anarchistischen Rockband «Ton Steine Scherben» war, der Netzeitung. Bei Demonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf habe sie selbst «diesen Staat als Feind erlebt».
Songs von «Ton Steine Scherben» wie «Keine Macht für niemand» oder «Macht kaputt, was euch kaputt macht» seien «Ausdruck einer Situation in einer bestimmten Zeit» gewesen, sagte Roth. «Diese Texte haben damals ein Lebensgefühl ausgedrückt. Es war ein Ausdruck von Auseinandersetzung, von Kämpfen und von Brutalität in der Gesellschaft.»
Angesprochen auf die damalige Zeit und ihre Tätigkeit als Managerin der linksradikalen Band sagte Roth: «Ich distanziere mich nicht von meiner Vergangenheit». In dem Song «Keine Macht für niemand» der Gruppe von 1972 heißt es etwa: «Ich bin nur frei zu wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen» sowie «Keiner hat das Recht, Menschen zu regieren». Roth sagte dazu: «Als der Text entstanden ist, hat er genau gestimmt und Gefühle von jungen Leuten ausgedrückt, die keine Perspektive hatten.» Bestimmte Stücke seien zwar irgendwann nicht mehr gespielt worden, weil sie nicht mehr der Auffassung der Band entsprachen. «Ich hätte mich aber auch nicht von dem Text distanziert», betonte die Grünen-Politikerin.
Materiell sei es ihr und der Band «wirklich nicht gut gegangen», schilderte Rot. «Das war manchmal ganz schön heftig, wenn du kein Geld mehr für Gasflaschen hattest oder Haferschleim essen musstest, weil nichts mehr da war. Da waren die Pakete meiner Oma eine echte Überlebenshilfe.» Aber Reichtum habe sich dadurch bemessen, dass «du in einem Zusammenhang gearbeitet und gelebt hast, wo Privates und Beruf identisch waren», so Roth. «Es war der Traum, keiner entfremdeten Arbeit nachzugehen.» Sie wolle junge Leute dazu aufrufen, «so zu leben, wie sie wollen. Der Preis ist hoch, aber es ist ein großer Mehrwert fürs Leben.»
Für das Web ediert von Timo Hoffmann