02.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Der Tatort in Erfurt
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Evangelische Kirche sieht das Verhältnis zu Muslimen nach einem Pfarrer-Selbstmord ungetrübt. Der Theologe hatte Angst vor dem Islam als Motiv für seine Tat angegeben.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat vor einer Überbewertung der öffentlichen Selbsttötung eines ehemaligen Pfarrers in Erfurt gewarnt. «Die Tat wird das Verhältnis von Muslimen und Christen nicht trüben», sagte der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Kähler, der Netzeitung. Ein 73-jähriger Pfarrer hatte sich am Dienstag in Erfurt nahe der Augustinerkirche mit Benzin übergossen und angezündet. Seine Tat begründete der Theologe mit Angst vor Ausbreitung des Islams in Deutschland.
Es gebe in Thüringen derzeit keine Konflikte zwischen der geringen Zahl von Moscheegemeinden und den Kirchen, betonte Kähler, der auch Bischof der Thüringischen Landeskirche ist. Im Bundesland Thüringen lebten etwa 3000 Angehörige des islamischen Glaubens. Die Evangelische Kirche sei um ein gutes Verhältnis mit den Muslimen bemüht: «Wir sind in Deutschland insgesamt dabei, eine Gesprächskultur zu entwickeln und mit muslimischen Organisationen auszuhandeln.» Im Westen Deutschlands seien da bereits Erfahrungen vorhanden.
Kähler sprach sich in diesem Zusammenhang für eine Diskussion über Toleranz der Gläubigen und der Evangelischen Kirche aus: «Echte Toleranz bedeutet, auszuhalten, dass ein anderer etwas anderes glaubt als man selbst.» Diese Auseinandersetzung «müssen wir intern führen, aber auch mit den Muslimen», so der EKD-Rats-Vize. Dabei zieht Kähler jedoch auch Grenzen: «Wir können nicht um der Toleranz willen verhehlen, wer wir sind.»
Tod im KrankenhausDer Bischof der für Erfurt zuständigen Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, sagte, es sei «schlimm, dass ein Mitarbeiter unserer Kirche so einen Weg gegangen ist.» Es wäre bedauerlich, wenn sich Muslime durch das Geschehen in Erfurt verletzt fühlten.
Obwohl Passanten versuchten, ihn zu retten, starb der seit 1989 pensionierte Theologe an seinen Verbrennungen in einer Spezialklinik in Halle. Zuletzt war er Pfarrer im Erfurter Stadtteil Windischholzhausen gewesen.
Psychologen rätselnDie Islamische Religionsgemeinschaft in Berlin reagierte bestürzt auf die Selbstverbrennung. Der Islam sehe sich als friedliebende Religion, vor der kein Mensch - gleichgültig welcher Weltanschauung er anhänge - Angst zu haben brauche, sagte der Präsident der Organisation, Abdurrahim Vural, am Donnerstag in Berlin. Der Pfarrer sei einer Fehlinterpretation erlegen.
Psychologen rätseln über die Hintergründe und das Motiv des Täters. Eine Deutung falle ihm schwer, sagte der Münchener Psychologe Rainer Künstler der Nachrichtenagentur epd. «Ein Akt der Selbstverbrennung hat in meine Augen etwas sehr demonstratives.» Der aus Sicht des Pfarrers rationale Grund könnte Anlass für seine irrationale Tat gewesen sein, sagte der Suizid-Experte Hartwig Wennemar. Allerdings könne die Selbstverbrennung als «Zeichenhandlung» auch auf einen pathologischen Hintergrund deuten. Ohne eine Kenntnis der Persönlichkeitsstruktur des Pfarrers bleibe dies jedoch reine Spekulation. (nz)