netzeitung.deHistoriker Wolffsohn gegen NPD-Verbot

 Herausgeber: netzeitung.de

Michael Wolffsohn (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michael Wolffsohn
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die «extreme Rechte» ist nach Auffassung des Historikers Wolffsohn «eher im Osten als im Westen beheimatet». Im Gespräch mit der Netzeitung plädiert er dafür, sie «offen» agieren und intensiv beobachten zu lassen.

Der Historiker Michael Wolffsohn lehnt ein neues Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme NPD ab. Zwar spräche dafür «manches, aber 'die im Dunkeln sieht man nicht'», schreibt der Professor an der Münchner Bundeswehr-Universität in einem Gastbeitrag für die Netzeitung. Daher sollte man seiner Ansicht nach die Partei «offen agieren lassen und intensiv beobachten».

Wolffsohn plädierte zudem für einen konstruktiveren Umgang mit Rechtsextremisten. Es sei wichtig, «nicht immer nur die Rechtsanfälligen» zu beschimpfen, weil sie das in ihrem «Trotz» bestärke. Man müsse vielmehr zeigen, «was die Nazis nicht 'nur' anderen Völkern, sondern eben auch ihrem eigenen Volk, 'den' Deutschen angetan haben».

Auch auf die Folgen eines möglichen Einzugs der NPD in den Schweriner Landtag nach der Wahl am 17. September müsse hingewiesen werden. «Wer wieder Nazis total will, will ein total zerstörtes Deutschland», so Wolffsohn. «Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.»

In Umfragen hatte die NPD in Mecklenburg-Vorpommern zuletzt bei sechs bis sieben Prozent gelegen. Das Meinungsforschungs- Institut Forsa hielt es gar für möglich, dass die Partei ein zweistelliges Ergebnis erzielt.

Ungeachtet der Umfragen zeigte sich Wolffsohn verwundert darüber, das die derzeitige Debatte über Rechtsextremismus teilweise so geführt werde, als ob das Problem neu sei. Während der Fußball-Weltmeisterschaft habe «es vier Wochen Sonnenschein mit viel Schwarz-Rot-Gold» gegeben «und Braun schien ganz und gar vergessen», analysierte der Historiker. «Jetzt holt uns die Wirklichkeit wieder ein.»

Dass es allerdings in Deutschland «zehn bis 15 Prozent unbelehrbare alte und neue Nazis» gebe, «stimmte leider vor und stimmt nach der WM», stellte Wolffsohn klar. Zu den «Fakten» zähle überdies, «dass die alte-neue, extreme Rechte eher im Osten als im Westen beheimatet ist». Man wisse zudem, «dass diese Wähler eher bei Landtags- als Bundestagswahlen NPD & Co» wählten, fügte der Historiker hinzu. Aus Untersuchungen über Wählerwanderungen wisse man außerdem, «dass diese Rechten oft Wechselwähler sind, sogar von NPD oder DVU zur PDS oder umgekehrt wanderten, also häufig völlig orientierungslos sind».

Vor diesem Hintergrund kritisierte Wolffsohn, dass «wie so oft Politik und Medien gerne nach der Bundestagswahl und WM den Kopf in den Sand gesteckt und nur die wunderschöne Schwarz-Rot-Gold-Welt ohne Braun gesehen» hätten. Die Konsequenz müsse daher sein, dem Thema Rechtsextremismus mit «mehr Realismus» zu begegnen.


Für das Web ediert von Dietmar Neuerer