netzeitung.deDie Nazis im Dunkeln sieht man nicht

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Der Historiker Wolffsohn hält die derzeitige NPD-Debatte in Deutschland für überzogen. In einem Gastbeitrag für die Netzeitung mahnt er Politik und medien zu «mehr Realismus».

Von Michael Wolffsohn

«Die» Deutschen sind schon ein seltsames «Völkchen». Vor der Fußballweltmeisterschaft sorgten sich nicht nur Heye & Co vor den Bösen Deutschen in Ost mehr als in West. Dann gab es vier Wochen Sonnenschein mit viel Schwarz-Rot-Gold und Braun schien ganz und gar vergessen, «man» war wieder ganz «normal» und ganz Deutschland «gut».

Jetzt holt uns die Wirklichkeit wieder ein. Warum immer himmerhochjauzend-zu-Tode-betrübt? Dass wir zehn bis 15 Prozent unbelehrbare alte und neue Nazis haben, stimmte leider vor und stimmt nach der WM, und «die» Ossis müssen nicht beleidigt sein, wenn man die Fakten beim Namen nennt: dass die alte-neue, extreme Rechte eher im Osten als im Westen beheimatet ist.

Wir wissen zudem, dass diese Wähler eher bei Landtags- als Bundestagswahlen NPD & Co wählen. Wir wissen aus Untersuchungen über Wählerwanderungen, dass diese Rechten oft Wechselwähler sind, sogar von NPD oder DVU zur PDS oder umgekehrt wanderten, also häufig völlig orientierungslos sind. Aber extrem autoritär, für knallhartes Recht und Ordnung à la DDR und NS-Deutschland, Hauptsache «Recht und Ordnung», stramm eben.

Wie so oft, haben Politik und Medien gerne nach der Bundestagswahl und WM den Kopf in den Sand gesteckt und nur die wunderschöne Schwarz-Rot-Gold-Welt ohne Braun gesehen. Bitte mehr Realismus.

Was tun? Verbieten? Dafür spräche manches, aber «die im Dunkeln sieht man nicht». Daher offen agieren lassen und intensiv beobachten. Mindestens so wichtig: Nicht immer nur die Rechtsanfälligen beschimpfen (das bestärkt sie im Trotz), sondern zeigen, was die Nazis nicht «nur» anderen Völkern, sondern eben auch ihrem eigenen Volk, «den» Deutschen angetan haben. Motto: Wer wieder Nazis total will, will ein total zerstörtes Deutschland.

Im Klartext: «Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber». Wollt ihr so dumm sein? Dann rufen alle: «Nein!»

Michael Wolffsohn, 1947 in Tel-Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.