Gammelfleisch-Funde: Bund rügt Bayern
01. Sep 2006 18:47, ergänzt 22:09
 |  Döner | Foto: dpa |
|
Die Bundesregierung hat sich im jüngsten Lebensmittelskandal verärgert über die bayerische Regierung gezeigt. Diese habe kaum Informationen geliefert, hieß es aus dem Bundes- Verbraucherschutzministerium.
Die Informationspolitik der bayerischen Behörden im neuesten Gammelfleisch-Skandal ist nach Ansicht der Bundesregierung mehr als unzureichend. Der Fund sei seit einer Woche bekannt, doch die Informationen kämen nur «tröpfchenweise beim Bund» an, kritisierte der Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Gert Lindemann, am Freitag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
Das Ganze habe inzwischen eine Dimension angenommen, die über Bayern hinaus bis ins europäische Ausland reiche, so Lindemann: «Wir sind da ziemlich angefasst.» Nach den Lebensmittelskandalen in den vergangenen eineinhalb Jahren müssten endlich Bayern und auch andere Bundesländer den Bund als zentrale Informationsstelle akzeptieren. Eine Reihe von Bundesländern hätten auch noch nicht die Zahl der Mitarbeiter angegeben, die in der Lebensmittelüberwachung tätig seien.
Schimmel, Erde und Grassamen
Der Bund habe überdies Meldepflichten gegenüber der Europäischen Union, ergänzte der Staatssekretär. Diese könne er nur wahrnehmen, wenn die Informationen aus den grundsätzlich zuständigen Ländern an den Bund ausreichend seien. Lindemann zufolge sind «überlagerte» Lebensmittel inzwischen nach Österreich und möglicherweise auch in andere europäische Länder gelangt.Indes wurden am Freitag nach der Aufdeckung des Dönerfleisch-Skandals weitere 70 Tonnen teilweise verdorbenen Fleisches bei Großhändlern in Bayern sichergestellt. Von 20 inzwischen untersuchten Döner-Proben seien 17 in einem «Ekel erregenden Zustand» gewesen, sagte der Münchner Stadtdirektor Horst Reif: Grünlich vor Schimmel, mit Erde und Grassamen verdreckt und mit Frostbrandspuren. Erste Analysen ergaben aber «keinen Hinweis auf eine Gesundheitsgefährdung», teilte das bayerische Landesgesundheitsamt mit.
Drei Jahre altes Rindfleisch
Nach den zehn Tonnen Döner, deren Haltbarkeit zum Teil bereits vor vier Jahren abgelaufen war, stellten die Ermittler am Freitag 30 bis 40 Tonnen Entenfleisch bei dem Münchner Großhändler sicher. «Das ist noch nicht das Ende der Untersuchungen», sagte Reif.In Niederbayern flog ein weiterer Fleischskandal auf: Bei einer großen Durchsuchungsaktion in den Kühlhäusern eines Deggendorfer Schlacht- und Zerlegebetriebs wurden am Freitag 40 Tonnen Gammelfleisch sichergestellt. Erste Erkenntnisse bestätigten den Verdacht, «dass in der Firma Fleisch, das nicht mehr genussfähig war, in der Vergangenheit in den Handel gebracht wurde», teilte die Staatsanwaltschaft Deggendorf mit. Eine halbe Tonne Rindfleisch aus einem Kühlhaus im Landkreis Passau sei bereits drei Jahre alt gewesen.
Für Verbraucherschützer Thilo Bode sind die bisherigen Gesetze nicht ausreichend, um Verbraucher vor Gammelfleisch zu schützen. «Es müssen endlich Gesetze her, die für mehr Transparenz sorgen. Die Namen der Gammelfleischbetriebe müssen veröffentlicht werden und die Strafen müssen härter werden, sonst wird sich nichts ändern», sagte der Vorsitzende der Verbraucherorganisation Foodwatch im «ZDF- Mittagsmagazin» am Freitag. «Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hier um ein politisches Problem handelt und die Verbraucher viel weniger Rechte haben, als die Nahrungsmittelindustrie», sagte Bode. (nz)