20.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Der Kieler Bahnhof am Samstag
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Ein Ermittlungsrichter hat gegen den festgenommenen Bahn-Bombenleger Haftbefehl erlassen. Fahnder hatten den 21-jährigen Libanesen in einem Kieler Bahnhofs-Restaurant gefasst. Sein Komplize läuft noch immer frei herum.
Es waren wohl die bisher schwersten Schritte seines Lebens: Im Griff von Polizeibeamten verlässt Youssef Mohamad E. H. in Karlsruhe einen Hubschrauber der Bundespolizei in Richtung Bundesgerichtshof, gekleidet in schlichtes Weiß, abgeschirmt von den Blicken der Beobachter. Nach dem Verhör eines Ermittlungsrichters steht fest: Der in Kiel festgenommene mutmaßliche Bahn-Bombenleger soll in Haft. Der 21-jährige libanesische Student wird der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und des versuchten Mordes mit gemeingefährlichen Mitteln in einer Vielzahl von Fällen beschuldigt.
Er sei «dringend verdächtig», zusammen mit weiteren bislang noch unbekannten Mitgliedern einer terroristischen Vereinigung vor drei Wochen versucht haben, zwei Regionalzüge mit Kofferbomben in die Luft zu sprengen, so der Ermittlungsrichter. Fahnder hatten den an der Fachhochschule Kiel eingeschriebenen Mechatronik-Studenten am Samstagmorgen im Kieler Hauptbahnhof gefasst. An einem Imbissrestaurant überraschten die Polizisten den Gesuchten, als er sich nach Hamburg absetzen wollte. Sogar das Essbesteck des Verdächtigen nahmen sie mit.
Zuvor hatten Ermittler auch das Stundentenwohnheim in Kiel durchsucht, in dem der Festgenommene wohnte: Polizei und Bundeskriminalamt filzten Gebäude, unter anderem wird eine Werkstatt gefunden, heißt es in Berichten. Nachbarn beschrieben ihren Kommilitonen als freundlich, immer lächelnd, wenn sie ihm begegneten. Ständig habe der Verhaftete Besuch gehabt, schildert einer dem ZDF. Mit der Zeit habe man sich von ihm entfremdet, die Distanz sei immer größer geworden.
Auch die Umgebung des Wohnheimes erregte das Interesse der Fahnder. Polizisten in Spezialausrüstung tauchen in einen See hinab, nichts wurde unversucht gelassen, um alle Spuren und Hinweise zu sichern. Aus dem Gewässer fischten sie unter anderem einen Personalcomputer.
Am Nachmittag war dann klar: Der Student aus Kiel ist einer der beiden gesuchten Bombenleger, die Ende Juli die beiden Regionalzüge in Nordrhein-Westfalen sprengen wollten. Ein DNA-Vergleich habe alle Zweifel beseitigt, sagt Generalbundesanwältin Monika Harms. Wo sein Komplize steckt, ist nach wie vor unklar. Harms' Ansicht nach gehören die Gesuchten zu einem Netzwerk von Gewalttätern. Wie Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) besorgt betonte, ist die Terrorbedrohung Deutschland so «nah wie noch nie».
Neben der Kieler Station durchsuchten Polizisten am Samstag zwei weitere Bahnhöfe: Nach einer Bombendrohung sperrten Beamte den Hamburger Hauptbahnhof komplett, hoben Alarm aber wieder auf, nachdem sie sämtliche Gebäude erfolglos durchsucht hatten.
In Koblenz riegelte die Polizei bereits am Mittag erneut den Bahnhof ab, nachdem ein verdächtiger Koffer gefunden wurde. Später entwarnten die Sicherheitskräfte es war ein Missverständnis. Der Besitzer des Koffers, ein 23-jähriger Brasilianer, hatte offenbar die Durchsagen im Zug nicht verstanden. Bei einer Untersuchung des Kofferinhalts fand sich nur ein Keyboard.
Erst am Freitag hatte das Bundeskriminalamt die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Sucher nach den Verdächtigen gebeten. Die Fahnder veröffentlichten die Überwachungsvideos der Bahn, auf denen die beiden Hauptverdächtigen Koffertrolleys hinter sich herziehen. Auf der Webseite des Bundeskriminalamts kann die Filme jeder betrachten. Der Mann mit der 13 auf dem Rücken ist der festgenommene Libanese Yussef Mohamad.
Die Bundeskriminologen präsentierten auch Teile der Sprengsätze, die die beiden Gesuchten mittels Koffertrolleys in die Regionalzüge nach Mönchengladbach und Hamm brachten. Kurz vor Dortmund und Koblenz sollten sie explodieren, am 31. Juli in Zügen um 14.30 Uhr. Nur ein handwerklicher Fehler hat laut Bundeskriminalamt verhindert, dass die Hauptladungen explodierten und verheerende Schäden anrichteten. (nz)