27.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Sorge um Scientology-Einfluss bei Nachhilfe
Die seit Jahren im Bildungsbereich aktive Scientology beunruhigt die Kultusminister. Deren oberste Ressortchefin Erdsiek-Rave empfiehlt erhöhte Aufmerksamkeit bei versuchter Einflussnahme.
Den steigenden Einfluss von Scientology im Bildungsbereich sieht die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave (SPD), mit großer Sorge. «Die Kultusminister nehmen die Meldungen über eine zunehmende Einflussnahme von Scientology im Nachhilfebereich sehr ernst», sagte die schleswig-holsteinische Bildungsministerin der Tageszeitung «Die Welt».
Der Deutsche Philologenverband hatte gewarnt, die Zahl der von der Organisation betriebenen Nachhilfeinstitute habe sich innerhalb der letzten zehn Jahre mindestens verdreifacht. Der Verband zählte bisher mehr als 30 solcher Einrichtungen. Die Dunkelziffer liege jedoch viel höher, so Verbandschef Heinz-Peter Meidinger. Bundesweit gibt es rund 4000 private Nachhilfeinstitute.
Sektenähnliche AbhängigkeitScientology steht seit langem unter Verdacht, über gezieltes Engagement im Bildungssektor Anhänger zu rekrutieren. Unabhängige Quellen nennen eine Mitgliederzahl von weltweit etwa 150.000. Die 1954 in den USA gegründete Organisation Scientology selbst spricht von Millionen Anhängern. In Deutschland sollen es zwischen 5000 und 6000 sein, Scientology selbst wiederum verweist auf 12.000 aktive Mitglieder in Deutschland.
Selbst organisiert sich die Vereinigung als «Church of Scientology», die jedoch nur ihrem Selbstverständnis nach eine Kirche ist. Vieles deutet darauf hin, dass sich Scientology-Anhänger der Philosophie ihrer Führer unterordnen, was einem für Sekten charakteristischen Abhängigkeitsverhältnis entspricht. In einigen Bundesländern wurde die Vereinigung vom Verfassungsschutz beobachtet.
Aufmerksam seinKultusministerin Erdsiek-Rave wünscht sich maximale Sensibilität im Umfeld der Schüler. «Es ist wichtig, dass Eltern oder Lehrkräfte, die konkrete Erfahrungen damit gemacht haben, Rückmeldungen geben können.» Wer den Verdacht einer Einflussnahme von Scientology habe, solle sich an kompetente Ansprechpartner wie die Sektenbeauftragten der Länder und der Kirchen wenden.
Der Philologenverband hatte gewarnt, Scientology nutze aus, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten sich oft in einer Identitätskrise befinden und an Minderwertigkeitskomplexen leiden. In den Einrichtungen bleibe es in der Regel nicht bei normaler Lernhilfe. Den Eltern erhielten vielmehr sehr schnell weitere Angebote für Kurse. Hauptthema sei dann die Philosophie von Scientology-Gründer Ron Hubbard.
Besonders häufig beobachtete der Verband dies in Hamburg und Umgebung. Auch in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen sei Scientology verstärkt aktiv. (nz)