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Bischof macht Sürücü-Familie mitverantwortlich

19. Apr 2006 13:54, ergänzt 15:31
Der Sürücü-Mordfall vor Gericht
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Der Berliner Bischof Huber macht die gesamte Familie der ermordeten Deutschtürkin Sürücü für deren Tod verantwortlich. Aus der SPD kommt Kritik an einer «Sippenhaft».

Der Evangelische Bischof Wolfgang Huber hat für den Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü deren Familie verantwortlich gemacht. Dass die 23-jährige von ihrem Bruder wegen ihres Lebensstils erschossen wurde, sei «ein kollektives Verbrechen einer ganzen Familie», sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der «Bild»-Zeitung.

Dem widerspricht die SPD: Es könne nicht angehen, die ganze Familie «in Sippenhaft» zu nehmen, sagte die Islambeauftragte der Bundestagsfraktion, Lale Akgün. Die - auch aus Reihen der SPD - vielstimmig erhobene Forderung nach Abschiebung der Familie Sürücü lehnt sie ab.

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Das Berliner Landgericht hatte am Donnerstag den jüngsten Bruder von Hatun Sürücü wegen Mordes zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Er hatte die junge Frau wegen ihres westlichen Lebensstils erschossen und wollte mit der Tat aus Sicht des Gerichtes die Ehre der Familie wiederherstellen.

Zwei mitangeklagte Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Eine Schwester hatte mit ihrer anschließenden Forderung nach dem Sorgerecht für den Sohn des Opfers breite Empörung ausgelöst. Der Sechsjährige lebt zur Zeit bei Pflegeeltern - ob dies so bleibt, muss demnächst ein Familiengericht klären.

Chance gering

Das Ansinnen der Schwester der Ermordeten macht Huber bestürzt: «Der Gedanke, dass erst die Mutter ums Leben gebracht wird und dass dann die Angehörigen das Sorgerecht beanspruchen, ist ein derartiger Zynismus, dass mir die Worte fehlen», sagt der EKD-Chef.

Nach Ansicht von Juristen stehen die Chancen dafür allerdings schlecht. Wie der Lehrbeauftragte für Familienrecht an der Humboldt-Universität, Max Braeuer, der «Berliner Zeitung» sagte, könne elterliche Sorge nur der Vater tragen, für andere Verwandte gebe es keine derartige Regelung. Die Schwester könnte höchstens einen Antrag auf Vormundschaft stellen. Aber auch diese Chance sei gering.

Ebenso hält es die Berliner Rechtsanwaltskammer für unwahrscheinlich, dass die Familie für das Kind sorgen darf. Ihr Vertrauen in das Familiengericht sei groß, sagte Margarete von Galen, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer, am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur. «Bei der Entscheidung darüber, wer das Sorgerecht erhält, geht es um das Kindeswohl», betonte sie.

Freispruch zu Unrecht

Die SPD-Islambeauftragte Akgün sprach sich gegen ein schärferes Jugendstrafrecht aus. Zehn Jahre Freiheitsstrafe als Höchstmaß für Jugendliche seien in Ordnung, sagte Akgün am Mittwoch im Hörfunk. «Wir sollten nicht anfangen, bei bestimmten Fällen andere Gesetze anwenden zu wollen als üblicherweise.»

Die Rechtsanwältin Galen zeigte sich empört: «Wenn wir anfangen, unsere rechtsstaatlichen Wertvorstellungen nach denen der Türkei auszurichten, wo sicherlich einiges auf dem Wege der Besserung ist, doch aber mit Sicherheit noch einiges zu verbessern ist, dann graust mich das mehr als die Vorstellung, dass hier vielleicht Täter zu Unrecht freigesprochen wurden», sagte von Galen. Aus der CDU heraus war argumentiert worden, in die türkische Justiz lasse es ein höheres Strafmaß zu.

Geld für Sprachkurse

Vor dem Hintergrund der Gewalttat warb Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) für ein neues Verständnis von Integration. Integration sei keine Einbahnstraße, sondern fordere vielmehr beide Seiten. Migranten müssten den Willen und die Bereitschaft mitbringen, in Deutschland heimisch zu werden - «sonst geht das auf Dauer nicht gut». Dazu gehöre etwa auch, die deutsche Sprache zu beherrschen oder zu lernen. Im Gegenzug müssten die Flüchtlinge das Gefühl vermittelt bekommen, hier willkommen zu sein.

Schäuble unterstrich, dass die Bundesregierung jedem Neubürger einen Sprach- und Integrationskurs bezahle. Falls die dafür 2006 bereit stehenden 140 Millionen Euro nicht ausreichten, werde die Regierung mehr Geld zur Verfügung stellen. Die Integrationskurse seien «einmalig in der Welt» und verdeutlichten das Bemühen Deutschlands, alles dafür zu tun, dass die Menschen hier heimisch werden. (nz)

 
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