«Die machen eine Show für die Kameras»
31.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
An dem Ort, an dem die Republik momentan ihre Zukunftsfähigkeit misst, riecht es nach den Abgasen von Rundfunk-Übertragungswagen. Die Rütlistraße in Berlin Neukölln - am ersten Tag nach der öffentlichen Debatte um die Gewaltbereitschaft der Jungendlichen, für die auch am Freitag Unterricht auf dem Plan stand. Durch die Augen der Kameras schaut Deutschland auf eine Schule.
«So extrem sind die sonst nicht», sagt ein Realschüler von nebenan, «ich lerne ja selbst in diesem Gebäude. Nur wegen der Kameras machen sie eine kleine Show.» Kurz vor acht Uhr an der Rütli-Schule. Vorhang auf für die mediale Inszenierung von Deutschlands neuestem Integrations-Drama. Die Vorstellung beginnt mit dem Auftritt von Berlins Schulsenator Klaus Böger. Die Kameraflotte versucht sich mit ihm durch das enge Schultor zu drängen.
Also weg hier und woanders hin. Zu einem Vergleichsobjekt. Das nächstgelegene ist die Karl-Löwenstein-Oberschule, ein Plattenbau einige Querstraßen weiter. «Das ist die Ecke, wo unser Kollege erschossen wurde, da ist auch schon einiges passiert.», sagt ein Polizist. Hundert Meter vor der Schultür hängt ein Kaugummiautomat in dem es außer Süßigkeiten auch Minitaschenmesser gibt.
In der Löwensteinschule ist irgendetwas anders. Es ist die Stille. Keinen Mucks hört man im Gebäude, außer dem Hall der eigenen Schritte. Die Gänge sind mit blauem PVC-Belag ausgelegt. Nicht schön, aber sauber und bemüht wirkt das Gebäude von innen. Keine Schmierereien an den Wänden, dafür Vitrinen mit Specksteinfigürchen und «Mein-Betriebspraktikum»-Plakate. In einer Ecke sind Gipshände ausgestellt. Eine ist mit den Farben der Deutschlandflagge bemalt, Schrauben sind in sie hineingebohrt.
Die beiden reden von ihren letzen Schlägereien. Von Stechereien mit Dönermessern. Er vermisse die Schule schon, sagt der 15-jährige Jaffa, da habe man jeden Tag eine Rauferei gehabt. Nun gammeln sie rum. Um einen Job kümmerten sie sich nicht, sagt Jaffa «wir kommen schon klar wegen Geld.» Sie wohnen noch bei ihren Eltern. Mohammed schreibt eine SMS mit dem geliehenen Handy an seine Freundin: «Du weißt gar nicht, was bei mir zuhause los ist.»
Es gibt offensichtlich einen Wettbewerb um ein Böse-Image in dieser Gegend. Auch 15-Jährige wollen bei diesem Spiel dabei sein. Ihre Rolle wirkt manchmal noch etwas dilettantisch. In ein paar Jahren werden sie es sich bühnenreif antrainiert haben. «Nein wirklich, wir sind sehr brutal», versichert Jaffa. Selbst wenn es stimmen sollte, dass sie die Aufrührer der Schule waren, wäre das doch eher beruhigend. Sie mögen eine Machete zu Hause haben, sich bei Schlägereien in Neuköllns Ecken die Hand brechen und krumme Geschäfte machen. Aber wer außerhalb dieser Kiez-Zwangsgemeinschaft mit ihnen redet, sieht doch vor allem ihren harmlosen Kern.
Mit der Pausenklingel in der Löwenstein-Schule steigt der Geräuschpegel schlagartig. Schüler wechseln mit Bildern in den Händen den Raum. Ein Mädchen hält ihr Blatt sichtbar vor dem Körper. Sie hat eine türkische Flagge gemalt.
In der Halle hängt eine Schulumfrage. Von 169 befragten Schülern finden 148 die Toiletten zu dreckig. Darunter hängen Vorschläge zur Verbesserung, mit Filzstift auf buntes Tonpapier geschrieben.
Der stellvertretende Schulleiter versichert: «Wir haben ein ruhiges Haus». An der Schule herrschen strikte Regeln. Handys sind verboten. Wer dagegen verstößt, dem wird das Mobiltelefon abgenommen. Beim dritten Mal ist es bis ans Ende des Schuljahres weg. Wenn der Unterricht angefangen hat, wird die Schultür abgeschlossen: Zuspätkommer müssen draußen bleiben. Wer nicht zur ersten Stunde Unterricht hat, darf erst in der Pause ins Gebäude. Deshalb ist es so still auf den Gängen, deshalb gibt es kaum eine Möglichkeit die Flurwände zu bekritzeln. «Ich will das nicht so darstellen, das wir hier den Himmel haben und drüben die Hölle ist. Aber ich glaube es gibt immer eine Lösung außerhalb von Schulschließung», sagt der Vize-Rektor.
«Ich schwänze gern die Schule», denkt ein Teufel auf einer Zeichnung, die im ersten Stock des Schulgebäudes hängt. Daneben sagt ein Kücken: «Bitte schlagt mich nicht» und ein Lehrer schreit: «Halt die Schnauze». Laut dem stellvertretenden Schulleiter ist die letzte Messerstecherei hier über 10 Jahre her. «Die Jugendlichen spielen ihre eigene Gefährlichkeit gern auf.»
Im Dönerladen um die Ecke musste der Besitzer gerade die Fensterscheibe austauschen, jemand hatte sie eingeschlagen. An der Schülerkundschaft verdient er wenig: «Die haben ja alle kein Geld, kaufen nur Brot mit Soße für 50 Cent. Und dann werfen die Leute im Laden allen Müll um sich.»
Vor der Schule steigert sich das Theater ins Hysterische. Jugendliche beugen sich aus einem Schulfenster und brüllen den Journalisten zu: «Sie können uns gerne interviewen. Wir sind die Größten der Welt.» Wie die Verhältnisse an der Rütli-Schule wirklich sind, lässt sich in diesen Tagen kaum herausfinden. Schlimmer denn je sind sie zumindest vor der Kamera.

