SPD-Politiker fordert von Böger Aufklärung
30. Mrz 2006 10:39, ergänzt 12:58
 |  Gewalttätigkeiten unter Schülern | Foto: dpa |
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Die Berliner SPD fordert Aufklärung über eskalierende Gewalt an einer Berliner Schule. Die FDP will Polizeikontrollen vor Unterrichtsbeginn. Bildungssenator Böger reagiert zunächst mit einem Maulkorb für die betroffene Schule.
Von Tilman SteffenDie Morgenzeitungen waren noch nicht zu Ende gelesen, da verordnete Berlins SPD-Bildungssenator Klaus Böger der betroffenen Schule Redeverbot. Zu einem Bericht, in dem von anarchistischen Zuständen an der Neuköllner Rütli-Schule die Rede ist, dürfe man sich nicht äußern, sagte eine Schulmitarbeiterin der Netzeitung.
Die Berliner SPD verlangt nun Aufklärung darüber, was Berlin unternahm, die Gewaltausbrüche in den Klassenräumen und Schulfluren zu beenden. Die FDP verlangt Polizeikontrollen vor Schulbeginn. In Neukölln leben überdurchschnittlich viele Zuwanderer.
Der «Tagesspiegel» berichtet, die Rektorin habe die zuständigen Behörden darum gebeten, die Schüler auf umliegende Schulen zu verteilen. Derzeit werde «der Intensivtäter zum Vorbild», heißt es in dem Brief an die Senatsverwaltung für Bildung. Ein geordneter Unterricht finde nicht mehr statt, das Klima sei geprägt von Menschenverachtung und Gewalt. Lehrer würden ignoriert und trauten sich oft nur noch mit Handy in die Klasse, um schnell Hilfe holen zu können. In ihrem Bemühen um Lösungen sei die Schule «am Ende der Sackgasse angekommen», zitiert die Zeitung aus einem Brief an die Behörden. Selbst der verbliebene Rest der 20 Prozent Schüler deutscher Herkunft übernehme den Slang der Migranten, um auf dem Pausenhof nicht aufzufallen, heißt es.
Nur kommissarisch geführt
Nach der Lektüre zieht der Berliner SPD-Migrationspolitiker Thomas Kleineidam die Arbeit des SPD-geführten Bildungssenats in Zweifel. «Da muss man mal nachfragen, ob die Schulaufsicht schnell und ordentlich gehandelt hat», sagte Kleineidam der Netzeitung. Für die Schulaufsicht ist die Senatsverwaltung für Bildung zuständig und damit der zuständige SPD-Senator Klaus Böger. «Bildungssenator Böger muss sich jetzt erklären, er muss darstellen, wie lang das bekannt war und ob da adäquat reagiert wurde», forderte Kleineidam. Der Bildungsexperte sieht vor allem hausgemachte Probleme. So sei die Schule über Jahre hinweg nur kommissarisch geführt worden. Seit Jahresbeginn ist die Leiterin krank, auch für die Stellvertretung hat sich bislang niemand gefunden. «Wir müssen sehen, wie wir das Schulleiterproblem lösen», sagte ein Sprecher von Schulsenator Böger am Donnerstag. Er widersprach aber der Darstellung, die Schule strebe wegen des Gewaltproblems eine Auflösung an, vielmehr gehe es ihr darum, die Schulform Hauptschule zu überdenken.
Migrantenjugendliche unbelehrbar
Laut dem Bericht reagierte das zuständige Bezirksamt mit der Versicherung, künftig stärker auf eine Durchmischung der Schüler zu achten. Doch etwa Schüler aus weniger von Migranten bewohnten dem Nachbarbezirken in Neuköllner Schulen zu integrieren, sei aussichtslos, sagt Kleineidam. «Die Durchmischung ist wünschenswert, aber praktisch nicht durchsetzbar, weil sie spätestens an den Eltern der Nachbarbezirke scheitert.»Kleineidam sieht in den Zuständen auch weniger ein Migrationsproblem, sondern eines bestimmter Bevölkerungsschichten. Die Gewalttäter «sind entwurzelte Jugendliche ohne Perspektive, die die wenigsten Chancen haben». Der Sozialarbeiter, den das Bezirksamt der Schule zuteilen will, dürfte mit der Größe der Aufgabe auch überfordert sein, vermutet Kleineidam. In Berliner Verwaltungsstuben macht sich ob der Probleme zunehmend Verzweiflung breit. Männliche Migranten-Jugendliche seien unbelehrbar, Sozialarbeiter überfordert, die seit Jahrzehnten bekannten Probleme zu lösen, schildert eine Mitarbeiterin, die sich am Telefon die Klagen und Beschwerden Betroffener anhören muss.
Eine Elternvertretung scheint an der Schule nur scheint formell zu existieren. Die würden nur einmal im Jahr erscheinen, hieß es aus der Rütli-Schule. Eine wirksame Interessenvertretung gebe es nicht. Laut Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus, ist die Eskalation an der Rütli-Schule nur durch staatliche Sicherheitskräfte zu verhindern. Während der Krise müsse die Polizei täglich die Schüler auf Waffen und Handys kontrollieren. Auffällige Schüler und deren Eltern sollten zu Kursen in Zusammenarbeit mit Polizei, Pädagogen und Jugendrechtshäusern verpflichtet werden.