15. Mrz 2006 09:42
Selbst im Nachkriegsjahr 1946 wurden mehr Kinder in Deutschland geboren als heute. «Das Minus liegt daran, dass die Eltern nicht da sind», sagt ein Experte.
Die «Welt» hatte die Geburtenzahlen der ersten neun Monate mit den Werten des letzten Quartals 2004 ergänzt. Demnach ist die Geburtenzahl so stark gesunken wie seit 15 Jahren nicht mehr: 2004 wurden noch 706.000 Neugeborene gezählt. Selbst im Nachkriegsjahr 1946 waren es demnach noch 922.000 Geburten. Das Statistische Bundesamt will die endgültige Zahl für 2005 erst im Sommer bekannt geben, wie eine Sprecherin in Wiesbaden sagte. Früheren Schätzungen der Behörde deuten auf einen Wert zwischen 680.000 und 690.000. Birg sagte, der Trend sei seit langem absehbar gewesen. Projektionsrechnungen könnten die Geburtenzahlen relativ exakt vorhersagen.
Den jüngsten Rückgang erklärte Birg mit den Folgen des Pillenknicks in den 1970er Jahren. «Das Minus liegt daran, dass die Eltern nicht da sind», betonte er. Forscher und Politiker zeigten sich besorgt. «Das ist dramatisch, wir laufen in eine Schere hinein», sagte der Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. In Europa weise Deutschland laut Eurostat nach Angaben von 2004 mit 8,5 Geburten je 1000 Einwohner den niedrigsten Wert auf. In Ländern wie Frankreich (12,7) und Großbritannien (12,0) liege die Geburtenziffer jeweils um etwa die Hälfte höher als der deutsche Wert.
Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, forderte einen höheren Stellenwert für die Demographiepolitik. Die Anstrengungen gegen den «freien Fall der Geburten» müssten nach dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und den Abbau einer überbordenden Staatsverschuldung im Zentrum der Politik stehen, erklärte der CSU-Politiker in Berlin. Unter anderem müsse die ökonomische Benachteiligung von Familien mit Kindern abgebaut werden. Schließlich sei auch das Anspringen der Konjunktur von den Geburtenraten abhängig. (nz)