Fall Chrobog: «Sie haben ihr Wort gebrochen»
04.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die Stammesmitglieder sicherten den Geiseln zwar zu, sie als Gäste zu behandeln und ihnen nichts zu tun. Als das jemenitische Militär aber zwei Tage später offenbar den Belagerungsring um das Geisel-Versteck enger zog, stürmten die «Gastgeber» in den Raum. «Sogar die Jüngsten, die Acht- bis Zehnjährigen, sind jetzt bewaffnet», ist in den Notizen zu lesen.
Er und seine Familie seien mit der Zeit zu Vermittlern zwischen Kidnappern und Regierung geworden, schreibt Felix Chrobog. Er habe zwischen Hass und Mitgefühl geschwankt, bekennt er. «Ich merke, dass eine emotionale Beziehung entsteht - der Gedanke, den Menschen hier könne Schlimmes widerfahren, ist nach 49 Stunden Zusammenleben schwer zu ertragen.»
Die Stimmung kippte gänzlich, als ein Streit innerhalb des Stammes die angekündigte Freilassung der Chrobogs verhinderte. «Scheiß auf die emotionale Bindung, die ich zu den Leuten gefühlt habe - sie haben ihr Wort gebrochen, und Worthalten ist eine der wichtigsten Tugenden in der arabischen Welt. Wenn die Armee wirklich eingreift, werden viele sterben, aber wir können nichts mehr dagegen tun», heißt es in dem Tagebuch.
«Es gab immer wieder Momente, in denen etwas hätte schief gehen können», sagte der Wochenzeitung. «In bestimmten Situationen bestand die Gefahr von Irrationalität und von falschen Reaktionen auf beiden Seiten.» (nz)

