Bildungsexperten uneins über neue PISA-Studie
31. Okt 2005 13:29
 |  Schüler | Foto: dpa |
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Die Ergebnisse der neuen PISA-Studie werden von Bildungsexperten unterschiedlich bewertet. Strittig ist, ob soziale Ungleichheit tatsächlich über den Schulerfolg entscheidet.
Die neue PISA-Studie, wonach die Chancenungleichheit des deutschen Bildungswesens sich in den letzten Jahren noch verschlimmert haben soll, hat eine Diskussion unter Bildungsexperten ausgelöst. Während die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die «starke Benachteiligung von Arbeiter- und Migrantenkindern» als «Achillesferse und Schandfleck des deutschen Schulsystems zugleich» bezeichnete, warnte der Philologenverband vor «tendenziöser Interpretation».
Der Deutsche Lehrerverband äußerte sich ebenfalls kritisch über die neue Studie. Die Debatte um eine soziale Ungleichheit des deutschen Bildungssystem gehe «völlig in die Irre», sagte Verbandsvorsitzender Josef Kraus. «Nicht die soziale Herkunft entscheidet über den Schulerfolg, sondern die Bildungswilligkeit.» Unabhängig vom sozialen Hintergrund könne in Deutschland jeder Abitur machen, «man muss es eben nur wollen».Nach den bekannt gewordenen neuen PISA-Ergebnissen entscheidet in Deutschland immer stärker die soziale Herkunft über die Schulerfolge eines Kindes. Selbst bei gleichem Wissensstand und Lernvermögen hat ein 15-Jähriger aus reichem Elternhaus eine vier Mal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen und damit das Abitur zu erlangen, wie ein Gleichaltriger aus einer ärmeren Familie. Im Vergleich zur ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 haben sich die Probleme sogar noch verstärkt.
Brachliegende Talente
Der GEW-Chef Ulrich Thöne und GEW-Pisa-Expertin Marianne Demmer wiesen hingegen darauf hin, dass einerseits die vielen brachliegenden Talente die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bremsten und für sozialen Brennstoff sorgten. Andererseits vertrage sich ein «benachteiligtes Schulsystem nicht mit einer demokratischen Gesellschaft und dem Menschenrecht auf Bildung. «Wir brauchen aber die Talente eines jeden jungen Menschen», sagten Thöne und Demmer.Die beiden GEW-Funktionäre forderten ein integratives Schulsystem, zusätzlich zu einem konsequenten Ausbau der Ganztagsangebote und der frühkindlichen Bildung. Das deutsche Schulsystem verschärfe mit seiner frühen Auslese die Chancenungleichheit. «Die integrativen Schulsysteme der PISA-Siegerländer machen deutlich, dass Chancengleichheit und hohes Leistungsniveau zwei Seiten einer Medaille sind», erklärten die Gewerkschafter. «Jetzt brauchen wir die Verständigung auf nationale Ziele und länderübergreifende Förderprogramme, statt eitler Kleinstaaterei.»
«Tendenziöse Interpretation»
Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, wandte sich gegen eine «tendenziöse Interpretation der PISA-Studie 2003». Tatsache sei, dass die Reformen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität an den Gymnasium und Realschulen bereits gegriffen hätten, wie die Leistungszuwächse von PISA 2000 zu PISA 2003 zeigten.Dagegen sei es noch nicht gelungen, die Haupt- und Gesamtschulergebnisse sowie die Leistungen von Migrantenkindern entsprechend zu verbessern. Die damit gestiegene Leistungsdifferenz dürfe man aber nicht als größere soziale Chancenungerechtigkeit werden, warnte Meidinger. Im Gegenteil: «Die Übertrittsquoten zu den weiterführenden Schularten sind in den letzten drei Jahren gestiegen und nicht gesunken», sagte der Verbandsvorsitzende.
«Akuter Handlungsbedarf»
Ausdrücklich nahm Meidinger das bayerische Schulsystem in Schutz. Der im Juli vorgelegte Ländervergleich habe gezeigt, dass es Bayern viel besser als anderen Ländern gelinge, auch Arbeiterkinder und Kinder aus Migrantenfamilien in Haupt- und Realschulen zu guten Schulleistungen zu führen. Mit der beabsichtigten Schulreform in Bayern gebe es dann einen zweiten Weg zur Hochschulreife neben dem Gymnasium. Weiterhin «akuter Handlungsbedarf» bestehe aber bei der notwendigen besseren Förderung von Migrantenkindern, deren Anteil an Gymnasien viel zu gering sei. (nz)