30.08.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Satellitenbild von "Katrina"
Foto: Nasa/Jeff Schmaltz, Modis Land Rapid Response Team
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In den USA beginnt nach «Katrina» der Wiederaufbau, in Deutschland die Wahlkampfdebatte über die US-Klimapolitik. Kritik des Bundesumweltministers an den USA wies Unions-Umweltexpertin Hasselfeldt als «unerträglich plump» zurück. Thema: Hurrikan "Katrina" USA könnten Benzin aus Europa anfordern Touristen sollen Hurrikan-Region meiden Chronologie des Hurrikans «Katrina» Versicherer nehmen «Katrina» gelassen Bush sagt Hurrikan-Opfern schnelle Hilfe zu
Nachdem die größte Gefahr vorüber ist, werden Forderungen nach einer Trendwende in der US-Klimapolitik erhoben. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) warf den USA vor, zu wenig für den Klimaschutz zu tun. Die Häufung von Naturkatastrophen wie Hurrikan «Katrina» könne man nur mit der von Menschen verursachten Erderwärmung erklären, sagte Trittin im ZDF.
«Unerträglich plump»Umweltschützer forderten eine Abkehr von der US-Umweltpolitik. «Will Bush nicht immer öfter Katastrophenalarm ausrufen, muss er die Klimavorsorge endlich ernst nehmen», verlangte der Präsident von Friends of the Earth USA, Brent Blackwelder.
Die Unions-Wahlkampfbeauftragte für Umweltpolitik, Gerda Hasselfeldt (CSU), nannte Trittins Anschuldigungen an US-Präsident Bush «unerträglich plump». Trittin mache damit wieder einmal «Wahlkampf auf dem Rücken der betroffenen Menschen», sagte die stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag.
«Wir brauchen eine konstruktive, grenzübergreifende Zusammenarbeit im Klimaschutz - keine bloße Schuldzuweisung.», sagte Hasselfeld. Die Union stehe für den parterschaftlichen und konstruktiven Dialog. «Wir werden mit unseren Partnern reden, anstatt sie zu beschimpfen».
Merkel will KyotoDie USA verweigern den Beitritt zum Kyoto-Protokoll, in dem sich die großen Industrienationen zu einer wesentlichen Reduktion des Kohlendioxidausstoßes verpflichtet haben. Kohlendioxid gilt als Mitverursacher der Erderwärmung. In Deutschland steht der Bundesverband der Industrie der Vereinbarung kritisch gegenüber.
Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel sagte dem Wirtschaftsmagazin «Capital», sie wolle «an Kyoto festhalten». Damit stehe sie gegen die Forderung des BDI, das 1997 von ihr als Umweltministerin mit ausgehandelte Klimaschutz-Protokoll von Kyoto nicht zu verlängern.
Im Gegensatz zu Merkel wolle der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Vorreiterrolle der EU beim Klimaschutz nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 nicht fortgesetzt wissen, schrieb «Capital». Die Industrie fürchte Wettbewerbsnachteile, weil die USA und China als größte Emittenten des Treibhausgases CO2 dem Protokoll nicht beitreten wollten.
«Katrina» folgenschwerster HurrikanUnterdessen forderte der umweltpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Paziorek, sogar eine Ausweitung des Kyoto-Protokolls. Die bestehenden Klimavereinbarungen sollten zu «einer Kyoto-PLUS-Initiative weiterentwickelt werden, in der auch die weltgrößten CO2-Produzenten sowie die Schwellen- und Entwicklungsländer eingebunden sind», erklärte Paziorek unter Hinweis auf den Hurrikan «Katrina» in den USA und das jüngste Hochwasser in den Alpen, die beide Anzeichen für eine weltweite Klimaveränderung seien.
Für Deutschland schlug der CDU-Abgeordnete vor, eine «Klima-Allianz» solle den Klimaschutz auch auf nationaler Ebene vorantreiben und einen generationenübergreifenden Klimaschutz fördern.
Menschen saßen auf DächernHurrikan «Katrina» wird als eine der folgenschwersten Naturkatastrophen in die Geschichte eingehen. Binnen weniger Stunden stieg die Zahl der Hurrikan-Toten am Dienstag auf mehr als 80. Die Behörden gingen jedoch von deutlich höheren Zahlen aus. Gleich in drei Südstaaten der USA hinterließ der Wirbelsturm eine Schneise der Verwüstung.
Allein in Biloxi an der Golfküste des Bundesstaates Mississippi wurden Dutzende Menschen unter einem Wohnhaus begraben. In den überfluteten Straßen der Südstaatenmetropole New Orleans saßen zahlreiche Menschen auf den Dächern und riefen um Hilfe.
Hilferufe im DunkelnDie versicherten Gesamtschäden durch den Hurrikan könnten 12 bis 26 Milliarden Dollar (21 Milliarden Euro) betragen, schätzt die auf die Risiko-Analyse von Katastrophen und Wetter spezialisierte US-Firma AIR Worldwide Corporation. Damit sei «Katrina» möglicherweise die teuerste Naturkatastrophe der USA. Zum Vergleich: 2004 hatten dort vier Hurrikans insgesamt Versicherungsschäden von 22,9 Milliarden Dollar verursacht.
Am zentralen Pontchartrain-See in New Orleans brach ein Damm auf etwa 50 Metern Länge. Das Wasser schwappte in die Straßen und stieg immer höher. 80 Prozent der Stadt glichen einem See. Ganze Häuserzeilen verschwanden bis zu den Dächern in den Fluten. Hilfstrupps mussten alle Rettungsversuche wegen der gefährlichen Stromleitungen unter der Wasseroberfläche vorübergehend einstellen.
Bild des Grauens«Man hörte die Stimmen in der Dunkelheit um Hilfe rufen und konnte nichts tun», berichtete eine Reporterin des US-Nachrichtensenders CNN. Fotografen beobachteten, wie Menschen mit Stangen und Werkzeugen verzweifelt Löcher in die Dächer hackten, um den steigenden Wassermassen zu entkommen.
Bei einem spektakulären Rettungseinsatz wurden Patienten aus einem überfluteten Krankenhaus von Hubschraubern in Sicherheit gebracht, ein Teil auch in das Footballstadion «Superdome», in dem bereits rund 10.000 Menschen Zuflucht fanden. . In New Orleans verbliebene Bewohner wurden aufgefordert, wegen der Seuchengefahr nur noch abgekochtes Wasser zu trinken. «Die Zahl der Toten wird sich noch erhöhen, dies war einer der verheerendsten Hurrikans an der Golfküste in den vergangenen 50 Jahren», berichtete CNN.
Ein Bild des Grauens bot sich den Überlebenden in Biloxi, das von einer mehr als sechs Meter hohen Flutwelle überschwemmt wurde. Ganze Appartementanlagen wurden weggespült. Mindestens 30 Menschen ertranken oder wurden beim Einsturz der Häuser verschüttet,
berichtete die Tageszeitung «Clarion-Ledger» unter Berufung auf die Behörden. Mit weiteren Toten müsse gerechnet werden.
Kein Strom, kein Telefon«Da ist nichts mehr», berichtete die ehemalige Bewohnerin Suzanne Rodgers. «Der Appartementkomplex, in dem ich lebte, wurde dem Erdboden gleich gemacht. Alles was ich von mir noch gefunden habe, war ein Schuh.» «Meine Frau, meine Frau», jammerte ein Mann, der mit zwei Kindern orientierungslos durch schlammbedeckte Straßen irrte. Seine Frau habe er seit Montag nicht mehr gesehen. Sein Haus sei wie von einer Axt in zwei Teile gerissen worden. «Ich habe nichts mehr, ich weiß nicht wohin.»
Von Restaurants und Pubs an der Uferpromenade von Biloxi blieben nur Schutt und Trümmer übrig. Das neue Hard Rock Casino, das kommende Woche eröffnet werden sollte, muss vollständig neu gebaut werden. Der Hafen ist nach Augenzeugenberichten nicht mehr vorhanden. Weitere Menschen starben durch umstürzende Bäume oder bei Verkehrsunfällen. In Florida hatte der Wirbelsturm zuvor bereits sieben und in Louisiana am Montag drei Menschenleben gefordert.
«Wie von einer Keule»In weiten Landstrichen des Katastrophengebietes war die Stromversorgung auch am Dienstag noch unterbrochen. In 1,3 Millionen Haushalten, Geschäften und Unternehmen in Louisiana, Mississippi und Alabama blieb es dunkel. Tausende Telefone funktionierten nicht mehr, Bewohner konnten nicht einmal mehr um Hilfe rufen. Über das vollkommen dunkle Mobile (Alabama) wurde eine Ausgangssperre verhängt. Zehntausende Häuser standen meterhoch unter Wasser. In New Orleans und Gulfport (Mississippi) wurden Plünderer gesichtet. Über diese Küstenstadt war eine bis zu 6,70 Meter hohe Flutwelle hereingebrochen.
Ölpreis auf RekordhochDer Gouverneur des Bundesstaates Mississippi, Haley Barbour, sagte, die Küste entlang des Golfs von Mexiko sei «wie von einer schweren Keule» getroffen worden. US-Präsident George W. Bush erklärte Teile von Louisiana und Mississippi zu Katastrophengebieten, um schneller Bundeshilfe auszahlen zu können. «Katrina» wurde inzwischen zum Tropensturm herabgestuft, der über den Norden von Mississippi in den Bundesstaat Tennessee weiterzog.
Der Hurrikan wird die internationale Versicherungsbranche nach Einschätzung der Münchener Rück teuer zu stehen kommen. «Wir schätzen den versicherten Marktschaden auf 15 bis 20 Milliarden Dollar», sagte ein Sprecher des weltgrößten Rückversicherers. Zugleich verursachte «Katrina» auch einen Sturm auf dem Ölmarkt und trieb den Ölpreis auf neue Rekordhöhen. Wegen des riesigen Wirbelsturms mussten zahlreiche Ölplattformen, Häfen, Raffinerien und petrochemische Werke am Golf von Mexiko geschlossen werden. (nz)