Bund-Szenario:160.000 Vogelgrippe-Tote
18. Aug 2005 14:00
 |  Abtransport getöteter Vögel | Foto: dpa |
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Sachsen-Anhalt hat für nur 4,5 Prozent seiner Bewohner Vogelgrippe-Impfstoff, in anderen Bundesländern sieht es nur wenig besser aus. Dabei ist eine Wandlung des asiatischen Grippeerregers zu einer für Menschen gefährlichen Variante keinseswegs ausgeschlossen.
Von Isabell Scheuplein, APEs klingt wie ein Horrorszenario aus einem Science-Fiction-Film: Eine tödliche Seuche breitet sich weltweit aus, sorgt selbst in hochzivilisierten Ländern für Chaos und kostet Millionen von Menschen das Leben.
Die Weltgesundheits- organisation WHO hält es nur für eine Frage der Zeit, bis eine neue, tödliche Grippewelle um die Erde rollt. Sorge bereitet den Experten vor allem der seit Jahren in Asien grassierende Vogelgrippe-Erreger H5N1, der sich derzeit über Russland in Richtung Europa bewegt. Nach Infektionen mit dem Virus H5N1 starben neben hunderttausenden Vögeln mindestens 60 Menschen. Das Zahlenverhältnis zeigt bereits, dass sich der Erreger vor allem unter Tieren rasant ausbreitet, für den Menschen aber kaum ansteckend ist - was sich allerdings rasch ändern könnte, wie Experten befürchten. H5N1 könnte sich demnach mit einem menschlichen Grippe-Virus zu einer tödlichen und hochansteckenden neuen Variante verbünden, die sich dann mit Leichtigkeit von Mensch zu Mensch übertragen würde. Die Folge: Eine Epidemie.
Virus bedroht Europa
Während der letzten weltweiten Grippewellen, im Fachdeutsch Grippe-Pandemie genannt, kamen vergangenes Jahrhundert jeweils mehr als eine Million Menschen um, zuletzt im Jahr 1968. Besonders schlimm wütete von 1918 bis 1920 die Spanische Grippe, die laut Schätzungen zwischen 20 und 50 Millionen Menschen tötete. Die Erreger kamen stets aus der Tierwelt. Die sehr gefährliche Variante des Virus H5N1 bedroht derzeit Europa. Vor einigen Wochen befiel es Hühner in Kasachstan und Sibirien, erste Anzeichen der Krankheit gibt es zudem aus dem Ural, der als geographische Grenze zu Europa gilt. Zwar wurden inzwischen Importverbote für Vogelprodukte aus den betroffenen Gebieten erlassen. Eine Übertragung über Zugvögel aber lässt sich damit nicht verhindern. Auch die Warnung des Bundesverbraucherministeriums an Reisende, in den betroffenen Ländern den Kontakt zu jeglichem Federvieh zu vermeiden, wird dagegen nichts ausrichten können.
Forscher forschen an Impfstoff
Ministerin Renate Künast (Grüne) schließt beim Schutz Deutschlands vor dem Virus « keine einzige Maßnahme aus.» Möglicherweise müssten Geflügelzüchter ihre Tiere in Ställe sperren, wenn Zugvögel Anfang September von Osten aus nach Deutschland zögen. Unter enormem Zeitdruck arbeiten Forscher weltweit an Impfstoffen gegen H5N1, erste Erfolgsmeldungen kommen unter anderem aus Deutschland: Am Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems entwickelten Forscher einen Impfstoff für Tiere, der vor seiner Zulassung allerdings noch weitere Tests durchlaufen muss. Anfang August vermeldeten Wissenschaftler aus den USA einen bedeutenden Fortschritt bei Impfstoffen für den Menschen. Bis zum fertigen Serum allerdings werden wohl noch mehrere Monate vergehen.
Streit über Medikamenten-Vorrat in Deutschland
Deutschland wie auch zahlreiche andere Länder decken sich deshalb mit so genannten antiviralen Medikamenten ein, die den Ausbruch der Grippe zumindest verzögern sollen. In einem Pandemie-Plan haben Bund und Länder auf rund 100 Seiten genau festgelegt, was zu tun ist - jetzt und im Falle des Falles. Das Berliner Robert-Koch-Institut hat ausgerechnet, dass der Medikamentenvorrat für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung - in Deutschland 16 Millionen Menschen - reichen sollte.Die Menge entspricht Erfahrungen bei vergangenen Pandemien, wie die Sprecherin des Instituts, Susanne Glasmacher, sagt. Versorgt werden sollen vor allem ältere und kranke Menschen sowie Ärzte, Krankenschwestern, Rettungshelfer und Polizisten, damit die Zahl der Todesfälle gering bleibt. Trotz einer Pandemie soll die öffentliche Gesundheitsversorgung und Ordnung aufrecht erhalten bleiben, bis ein Impfstoff entwickelt ist.
160.000 Tote in Deutschland
Die Bundesländer aber scheuen offenbar die millionenschweren Investitionen und besorgen die nur wenige Jahre haltbare Arznei derzeit lediglich für wenige Prozent ihrer Bürger. Das im Vergleich zu anderen Bundesländern noch spendable Nordrhein-Westfalen etwa hat für 15 Prozent seiner Bürger antivirale Medikamente bestellt, was das Landesgesundheitsministerium nach Auskunft eines Sprechers für völlig ausreichend hält. Die Medikamente im Wert von über 30 Millionen Euro kommen den Angaben zufolge im Dezember. Ähnlich sieht es in Baden-Württemberg und Bayern aus.Hamburg sorgt für nicht einmal zehn Prozent seiner Bevölkerung vor, in Bremen und Sachsen-Anhalt sind es gerade 4,5 Prozent. Die Länder verweisen darauf, dass sie sich im Notfall gegenseitig aushelfen könnten. Dem liegt allerdings die Annahme zu Grunde, dass die Grippe-Pandemie nicht flächendeckend und gleichzeitig über Deutschland hereinbricht. Das Robert-Koch-Institut hält den Medikamenten-Vorrat der Länder laut seiner Sprecherin für zu gering, zwingen könne man die Bundesländer aber nicht, sagt Glasmacher. Wie Hochrechnungen des Instituts für den Ernstfall zeigen, ist alleine in Deutschland mit bis zu 600.000 Kranken und 160.000 Toten zu rechnen.