netzeitung.de«Wir sind alle schaulustig»

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Sharon Stone: Schönes Interview, frei erfunden (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sharon Stone: Schönes Interview, frei erfunden
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Halbwahrheiten, als Artikel getarnte PR-Meldungen, gefälschte Interviews: Der Anreiz zum Schummeln in den Medien ist gestiegen, sagt Journalismus-Professor Russ-Mohl. Ein Grund dafür seien ökonomische Interessen.

Exklusiv-Interviews mit Prominenten wie Brad Pitt, Kim Basinger oder Sharon Stone machten den Journalisten Tom Kummer berühmt – und berüchtigt. Denn seine Interviews waren erfunden. Schöne Geschichten, aber kein Journalismus.

Tom Kummer dürfte im deutschen Journalimus keine Chancen mehr haben. Die Chefredakteure, die seine erfundenen Geschichten indessen ins Blatt gehoben haben und dabei zum Teil Warnungen leichtfertig in den Wind geschlagen haben, haben die Skandale unbeschadet überstanden.

«Ursachen für Fehlverhalten von Journalisten sind ökonomische Interessen, kaum wirksame Kontrollen und nur selektiv wirksame Sanktionen», sagt Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medien-Management an der Universität von Lugano.

Netzeitung: Herr Russ-Mohl, warum erwischt es immer nur die Kleinen, warum fallen die Chefredakteure immer wieder auf die Füße?

Stephan Russ-Mohl: Meine Vermutung ist: Wenn den Chefredakteuren keine persönliche Schuld nachzuweisen ist, wenn sie nicht selbst gefälscht haben, dann drückt man unter Kollegen eher ein Auge zu – auch weil man im Gewerbe weiß, wie fehleranfällig die Arbeit ist. Man hält üblicherweise zusammen. Das ist nicht nur bei Journalisten so – versuchen Sie mal, einem Arzt einen Kunstfehler nachzuweisen.

Es gibt Redaktionen, wo ganz klar hohe Maßstäbe zählen, wo man versucht, erfundene Geschichten und als Artikel getarnte PR-Meldungen zu verhindern. Es gibt aber auch Redaktionen, wo das ziemlich egal ist.

Netzeitung: Der Fall Tom Kummer - ein Einzelfall?

Russ-Mohl: Nein, er war vielmehr Beispiel für eine bestimmte Haltung. Den Chefredakteuren von Zeitgeist-Magazinen wie »Tempo« oder dem »SZ-Magazin« war es offenbar nicht so wichtig, ob eine Geschichte wahr war oder eben nicht. Sie musste nur gut sein. Es reichte völlig, wenn sie wahr sein könnte. In diesem Umfeld nahm man Fälschungen, wie die erfundenen Promi-Interviews von Kummer, willentlich in Kauf.

Netzeitung: Die verantwortlichen Redakteure arbeiten jetzt für seriöse Zeitungen oder Zeitschriften. Sehen Sie die Gefahr, dass der schöne und spannende, aber erfundene Artikel Vorrang bekommt vor dem vielleicht weniger spannenden, aber wahren Artikel?

Russ-Mohl: Ich denke (und hoffe), dass die seinerzeit Beteiligten dazu gelernt haben. Bedrohlich sind für die Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht die rundum erfundenen Geschichten - sie sind erfreulicherweise rar. Halbwahrheiten und um der Sensation willen aufgebauschte Storys sind das eigentliche Problem. Und wohl auch der Herdentrieb-Effekt, der immer wieder dazu führt, dass manche Themen groß aufgeplustert werden und andere, die genauso wichtig wären, völlig untergehen.

Netzeitung: Wird heute mehr geschummelt als früher?

Russ-Mohl: Das ist schwer zu sagen, es gibt da keine empirischen Daten. Doch es gibt heute mehr Anreize zu schummeln als früher. Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Redaktionen geschönte PR-Texte so perfekt aufbereitet bekommen, dass der Reiz sehr hoch ist, sie einfach weiterzuverwenden, und die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verwischen, auch weil viele freie Journalisten sich durch PR-Arbeit ein Zubrot verdienen müssen.

Netzeitung: Worin sehen Sie den Grund für diese Entwicklung?

Russ-Mohl: Institutionen, und dazu gehört auch die Politik, haben gemerkt, dass es für sie von Vorteil ist, in den Medien präsent zu sein – und zwar auf eine Art und Weise, die sie im Idealfall weitgehend bestimmen können. Außerdem: Wer seine Themen im redaktionellen Raum unterbringt, spart mitunter die Kosten für eine Anzeige. Da geht es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen.

Netzeitung: Sind spezielle Medien oder spezielle Publikationen besonders anfällig?

Russ-Mohl: Ganz klar ja. In erster Linie habe ich das bei den Privatradios festgestellt. Aber auch Special-Interest-Publikationen wie Modezeitschriften und Pharmamagazine, vor allem für Ärzte, füllen so ihre Seiten. Da werden Texte als redaktioneller Inhalt verkauft, über denen »Anzeige« stehen müsste.

Netzeitung: Warum wehren sich die Redakteure nicht gegen diese Entwicklung – oder fördern sie sie vielleicht sogar?

Russ-Mohl: Der Beruf des Redakteurs hat sich gewandelt. Die Kapazitäten wurden ausgedünnt, sie tun etwas anderes als vor 20 Jahren, es gibt mehr PR-Material als früher.

Die meisten Redakteure sind an dieser Entwicklung eher schuldlos. Sie sind eher Opfer - Opfer der Medien-Manager und des gnadenlosen Wettbewerbs in der Branche. Indem sich die Redaktionen der Materialien bedienen, die von der PR gratis geliefert werden, sparen sie Ressourcen – auch in Form von Journalisten.

Dem Medien-Management ist es oftmals egal, in welchem Umfang recherchiert wird. Die Redaktionen werden personell so ausgestattet, dass sie nicht anders können, als mit Fremdmaterial zu arbeiten. Außerdem fallen viele Stellen für Festangestellte weg. Diese werden durch freie Mitarbeiter ersetzt. Und die können bei den heute vielfach üblichen Hunger-Honoraren gar nicht anders, als ihre Recherche herunterzufahren.

Netzeitung: Kann sich der Konsument vor Fälschungen schützen?

Russ-Mohl: Es ist für den Leser, Zuschauer oder Zuhörer kaum möglich zu erkennen, wie viel PR oder journalistische Recherche in einem Artikel steckt. Ich hoffe darauf, dass die seriösen Medien mehr Aufklärungsarbeit leisten. Der Medienjournalismus war auf dem richtigen Weg. Doch dann kam die Medienkrise, und dieser Bereich war der erste, wo eingespart wurde. Dass hier Stellen wegrationalisiert wurden, ist sehr bedauerlich. Die Folge: Die Aufklärungsarbeit funktioniert zurzeit immer noch unzureichend.

Netzeitung: Haben Schummeleien Konsequenzen für die Betrüger?

Russ-Mohl: In Einzelfällen ja. Yellow-Press-Magazine, die Gegendarstellungen auf der Titelseite abdrucken mussten, haben das an rückläufigen Auflagen gespürt. Das ist insoweit überraschend, als man in diesen Publikationen nicht unbedingt Wahrheit erwartet. Auch der »Stern« hat lange gebraucht, um über die Pleite mit den angeblichen Hitler-Tagebüchern hinwegzukommen.

Netzeitung: Ist der Journalismus noch ernst zu nehmen?

Russ-Mohl: Wie man nicht jedem Arzt oder Wunderheiter vertrauen sollte, gilt das auch für Journalisten und Publikationen. Es bleibt dem Konsumenten nichts anderes übrig, als genau hinzugucken. Es gibt Redaktionen, wo der Esprit de Corps einen sauberen und seriösen Journalismus fordert – und es gibt Bereiche, wo dies nicht so ist.

Der Leser ist immer irgendwo Komplize. Er trägt zum Erfolg der Schummler bei. Keine Zeitung, keine Fernsehsendung kann auf Dauer am Markt vorbei produziert werden. So lange es jemanden gibt, der es genau so haben will, wird er es auch bekommen. Aber in den wenigsten Fällen wird gezielt betrogen. Wir sind alle irgendwie schaulustig – sei es beim Sterben des Papstes oder bei den Schäden des Tsunami.


Für das Web ediert von Peter Trzka