netzeitung.deFischer: Diplomaten-Protest ist Störmanöver

 Herausgeber: netzeitung.de

Wolfgang Gerhardt (FDP) (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wolfgang Gerhardt (FDP)
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

FDP-Fraktionschef Gerhardt hat Berichte zurückgewiesen, wonach er Diplomaten zur Kritik an Außenminister Fischer aufgefordert haben soll. Fischer selbst beharrt auf der von ihm geänderten Gedenkpraxis im Auswärtigen Amt.

Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hat seine umstrittene Änderung der Gedenkpraxis im Auswärtigen Amt öffentlich verteidigt. Nachdem die «Bild»-Zeitung den Protestbrief eines aktiven Botschafters veröffentlicht hatte, sagte Fischer der Zeitung, es bleibe dabei, dass es keine ehrenden Nachrufe für gestorbene Mitarbeiter mehr gebe. Die wachsende Kritik an seiner Amtsführung führte Fischer auf ein «parteipolitisches Störmanöver» zurück.

Die derzeitige Debatte über die Abschaffung des ehrenden Totengedenkens habe nichts mit seiner über sechsjährigen Arbeit als Außenminister zu tun, so Fischer. «Die Zusammenarbeit mit den allermeisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist auf allen Ebenen exzellent. Allerdings nehme ich zur Kenntnis, dass der Bundestagswahlkampf 2006 schon begonnen hat.»

Nur noch neutrale Todesnachrichten
Fischer hatte im September 2003 angeordnet, dass es für Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, die in
der Nazi-Zeit Mitglieder der NSDAP waren, keinen internen ehrenden Nachruf gibt. Ehemals führende Diplomaten hatten dagegen protestiert. Daraufhin hatte Fischer die Gedenkpraxis Mitte März geändert. Künftig sollen intern nur noch neutrale Todesnachrichten veröffentlicht werden.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt wies unterdessen Berichte zurück, wonach er die Diplomaten zur öffentlichen Kritik an Fischer aufgerufen habe. «Ich habe aber Verständnis dafür, dass sich einige Diplomaten Sorge machen und dazu äußern, weil sie unter der Belastung der Visa-Affäre leiden», sagte Gerhardt der Nachrichtenagentur dpa. Fischer habe intern nicht den nötigen politischen Stil des Umgangs gepflegt.

Der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer (FDP), griff Fischer in der Tageszeitung «Die Welt» scharf an: «Er hat das Amt zutiefst in seiner Seele verletzt», so Hoyer und weiter: Die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hätten zunehmend das Gefühl, «dass Fischer das Ministerium
ruiniert».

Unbewältigte Vergangenheit im Amt
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth unterstützt dagegen die Änderung der Nachrufpraxis. Sie sei ein «Signal für einen bewussten Umgang mit unserer eigenen Geschichte», sagte sie der dpa.

Der Osnabrücker Historiker Hans-Jürgen Döscher sieht den Streit über Nachrufe für ehemalige NSDAP-Mitglieder im diplomatischen Dienst als eine Folge der unbewältigten Vergangenheit des Auswärtigen Amts. Das Ministerium habe seine Rolle im Dritten Reich anders als andere Ministerien nie selbst aufgearbeitet, so Döscher in der «Financial Times Deutschland». (nz)