20.02.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Westerwelle bestürzt über Papst-Äußerungen
FDP-Chef Westerwelle hat einen Vergleich des Papstes zwischen Holocaust und Abtreibung scharf kritisiert. Auch in Italien sorgen einzelne Passagen aus dem neuen Buch von Johannes Paul II. für Aufregung.
Der Vorsitzende der FDP, Guido Westerwelle, hat den vom Papst formulierten Zusammenhang zwischen Holocaust und Abtreibung als »bestürzende moralische Fehlleistung« bezeichnet. «Wer wie die katholische Kirche Verhütung verdammt, hat kein Recht, Frauen in Not zu kriminalisieren», so Westerwelle in einer Mitteilung.
Die umstrittenen Passagen finden sich in dem neuen Buch von Papst Johannes Paul II. «Erinnerung und Identität - Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden», das von Mtttwoch an zu kaufen sein wird. Der Papst meint darin, zwar habe die Vernichtung der Juden nach dem Sturz des Nazi-Regimes aufgehört. «Was jedoch fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen.»
Befremden in ItalienJohannes Paul II. äußert sich auch zur Schwulenehe. Er wirft in diesem Zusammenhang dem Europäischen Parlament eine schwere «Verletzung der Gesetze Gottes» vor, weil es darauf dränge, «homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als alternative Form der Familie (...)». Man müsse sich zu fragen, «ob nicht hier -vielleicht heimtückischer und verhohlener - wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen». Westerwelle sagte dazu: »Neue Formen des Zusammenlebens, in denen Menschen Verantwortung übernehmen, sind keine 'Ideologie des Bösen', sondern ein Ausdruck der christlichen Hinwendung des Menschen zum Menschen.«
In Italien wurde der Holocaust-Vergleich aus dem Papst-Werk ebenfalls mit Befremden aufgenommen, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Dies seien «harte Worte», schreibt demnach die römische Zeitung «La Repubblica». Das Buch wende sich zudem gegen »nihilistisches Denken« und warne vor dem Kommunismus. Vor allem betone der Papst darin die Gefahr, die bestehe, wenn sich der Mensch vom «Gesetz Gottes» abwende und selbstständig entscheide, was das Gute und was das Böse sei.
Vatikan: Literarischer DialogDas neue Buch von Papst Johannes Paul II. erscheint weltweit am 23. Februar 2005. In Deutschland verlegt Weltbild das Buch. Die «Bild»-Zeitung druckt ab Mittwoch Auszüge aus dem Werk. «Bild»-Chef Kai Diekmann würdigte das Buch als «Vermächtnis des Papstes an der Schwelle eines neuen Jahrtausends». In einer Zeit, in der Kriege und Katastrophen viele Menschen zweifeln ließen, zeige der Heilige Vater, dass letztlich das Gute über das Böse siege, so Diekmann. «Es sind Gedanken eines Jahrhundert-Menschen, die tief bewegen und uns optimistisch in die Zukunft blicken lassen.»
»Erinnerung und Identität« basiert auf Gesprächen, die Papst Johannes Paul II. in Castel Gandolfo mit zwei polnischen Philosophen führte. Diese Gespräche hat der Papst überarbeitet und aktualisiert. »Es ist ein literarischer Dialog, der nach den Wurzeln und dem Sinn der Geschichte sucht«, sagte ein Sprecher des Papstes. (nz)