netzeitung.deDeutschland laut Umfrage kinderfeindlich

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Furcht um die Arbeit, die Unabhängigkeit und den Wohlstand, ein kinderfeindliches Klima und Pefektionismus bei der Partnersuche sind die Gründe für Kinderlosigkeit in Deutschland.

«Nur» neun Prozent der Kinderlosen und 21 Prozent der Eltern wollen keine (weiteren) Kinder, weil es an Betreuungsmöglichkeiten fehle, interpretieren «FAZ» und «Welt» eine jüngst vorgestellte Forsa-Umfrage: Der Hauptgrund der Kinderlosigkeit sei, dass 44 Prozent der Kinderlosen der «richtige» Partner fehle. Die «Süddeutsche» dagegen hält den Ausbau der Kinderbetreuung in einem Leitartikel für unabdingbar, stimmt aber den eher konservativen Zeitungen in ihrer Einschätzung zu, dass es an der finanziellen Zuwendung des Staates allein nicht liegen kann.

Die Grundlage des so unterschiedlichen «Spins» der Medien ist eine von der Zeitschriften «Eltern» und «Eltern for Family» in Auftrag gegebene Erhebung, deren Ergebnisse bei näherem Hinschauen eindeutig sind. Tatsächlich ist Beziehungs-Perfektionismus der von den Befragten am häufigsten genannte einzelne Grund für Kinderlosigkeit, der «richtige» Partner für die Familiengründung fehlt 44 Prozent der Befragten. Die nächstgenannten Gründe aber lassen sich zu einem Mehrheits-Stimmungsbild zusammenfassen, denn sie beziehen sich alle auf die gefühlte persönliche wirtschaftliche Lage, die Karriere, die persönliche Unabhängigkeit und die mangelnde Kinderfreundlichkeit der Gesellschaft.

Kinderfeindliches Klima
So verzichten rund 40 Prozent der 349 befragten kinderlosen Frauen und Männer aus Unsicherheit über ihre berufliche Zukunft auf Nachwuchs. Bei 34 Prozent der Befragten stehen der Verlust der persönlichen Unabhängigkeit sowie höhere Kosten (29 Prozent) im Vordergrund. Selbst 75 Prozent der Kinderlosen empfinden laut Umfrage das Klima in Deutschland als kinderfeindlich. In Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln und Restaurants würden Kinder oft als störend empfunden, meinen sie.

Auch in manchen Unternehmen, klagt die Hälfte der 1186 Befragten mit Kindern, hätten es Eltern schwer. Viele Chefs reagierten mit Unverständnis, wenn es um Überstunden gehe. Für 42 Prozent der Mütter sind Kinder «Karrierehemmer». Vor allem Akademikerinnen fühlen sich durch Kinder oft im Job benachteiligt. «Es ist in Deutschland nicht sexy, Kinder zu haben», zitiert die Nachrichtenagentur dpa die «Eltern»-Chefredakteurin, Marie-Luise Lewicki. «Deshalb brauchen wir nicht nur Krippen und Ganztagsschulen für Familien, sondern vor allem einen gesellschaftlichen Aufbruch.» Familien, so die Chefredakteurin, müsste wieder das Gefühl vermittelt werden, mit ihren Kindern in Deutschland willkommen zu sein.

Familienfreundliches Steuersystem
«Erforderlich sind Korrekturen im Steuerrecht und ein langfristig angelegter Umbau des Rentensystems», sagt der Volkswirt Martin Werding vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. Als Beispiel nennt der Sozialexperte unter anderem die Anerkennung der Kinderbetreuungskosten als Werbungskosten. Derzeit können berufstätige Eltern bis zu 1500 Euro als außergewöhnliche Belastung von ihrer Steuerschuld abziehen, weitere 1500 Euro werden pauschal anerkannt. Die realen Kosten betragen nach ifo-Angaben oft mindestens 4000 Euro.

Um junge Familien noch mehr finanziell entlasten zu können, schlägt «Eltern» vor, den Kinderfreibetrag von 3648 Euro langfristig auf das Existenzminimum eines Erwachsenen - derzeit 7664 Euro - anzuheben. «Eine Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern müsste dann kaum noch Steuern zahlen», sagte Lewicki. Als Alternative zur Anpassung des Kinderfreibetrags empfiehlt das ifo Institut ein
Familiensplitting nach französischem Vorbild: Dort wird das zu versteuernde Einkommen rechnerisch gleichmäßig auf alle Familienmitglieder verteilt - und nicht wie in Deutschland üblich nur auf die Ehegatten. Mit jedem Kind würde danach die Steuerlast kleiner. (nz)