19.11.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Türkische Familien vor dem Berliner Schloss Bellevue
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Multi-Kulti ist gescheitert, tönt es von allen Seiten. Nicht nur in den Niederlanden, sondern auch hier. Aber ist das die ganze Wahrheit? Eine Suche nach Details in Berlin-Kreuzberg.
Von Sarah ElsingDirekt neben den Gründerzeitbauten steht eine Festung. Defensiv einige Meter in die Häuserzeile gerückt, wirkt sie uneinnehmbar wie eine irische Burg. Ein Gitter versperrt den Weg zum Innenhof. Und doch freut sich der Hausherr über jeden Gast.
Die Gemeinde der Liebfrauenkirche in der Wrangelstraße lebt in der doppelten Diaspora. Eine katholische Kirche im protestantischen Berlin mitten in Kreuzberg. «Wir sehen uns ein bisschen als Leuchtturm. Auf vorgeschobenem Posten zwischen den tobenden Wellen. Aber leider ist das auch unser Verhängnis. Zum Leuchtturm geht ja auch keiner», sagt Pfarrer Olaf Polessek. Was ihn viel mehr reizt, ist das Zusammenleben mit den vorwiegend muslimischen Migranten im Kiez. «In unserer Kita sind 60 Prozent türkische Kinder. Wir feiern die christlichen Feste gemeinsam, sprechen aber auch über den Islam», erzählt Polessek. Sprachprobleme gebe es unter den Kindern keine. Denn, sobald der kleinste gemeinsame Nenner die deutsche Sprache sei, sprächen auch alle Deutsch.
Die Kontakte zwischen Deutschen und Türken gehen oft nicht über Alltägliches hinaus: Der Einkauf beim türkischen Gemüsehändler, der Döner Kebab für 1,50 Euro und morgens ein Gruß an den Hausmeister. «Man lebt etwas aneinander vorbei», meint der Pfarrer. Die Kontakte mit den Moscheen in der Nachbarschaft bestehen im Austausch von offiziellen Briefen zum Fastenbrechen oder zu Ostern.
Nach dem 11. September haben sie gemeinsam gebetet, aber danach hat sich nicht mehr ergeben. Dass Muslime heute von vielen pauschal für Fundamentalisten gehalten werden, ärgert den Pfarrer. «Wir haben ja auch oft das Problem, dass der Papst irgendeine schrille Lehre verkündet, die jedem einzelnen Katholiken vorgeworfen wird, obwohl wir nicht dahinter stehen», beklagt Polossek.
Beten in der Holzbaracke«Wir haben mit den Muslimen einiges gemeinsam. Vor hundert Jahren war diese Kirche, was heute die Moschee ist: Ein Gebetshaus für Migranten», erzählt der Pfarrer. Im Kiez lebten damals vor allem Migranten, die im protestantischen Preußen Arbeit gefunden hatten. Sie waren aus Schlesien gekommen. Die Stadt gab ihnen einen alten Kohleplatz am Stadtrand, auf dem sie eine Holzbaracke als Gotteshaus errichteten. Katholische Kirchen sollten im Stadtbild möglichst nicht auffallen. Glocken darf die Kirche bis heute nicht haben.
Die Merkez Moschee in der Wiener Strasse ist zwar keine Holzbaracke. Aber der Flachbau im zweiten Hinterhof des unscheinbaren Gebäudes am Görlitzer Bahnhof wirkt etwas provisorisch. Ein Minarett gibt es hier nicht. Großzügige Spender für einen größeren, repräsentativen Neubau sind schon gefunden. Ihre Namen hängen im Gebetsraum an der Wand, aber ein Termin für den Baubeginn steht noch nicht fest.
Eine evangelische Gemeindegruppe aus Wilmersdorf besucht die Moschee. Winterschuhe stapeln sich in den Regalen, nylonbestrumpfte Füße huschen über den Teppich, und mit einigem Stöhnen setzt man sich auf den Boden. Die üblichen Fragen: «Warum müssen Eure Frauen Kopftuch tragen und in einem Extra-Raum beten? Warum sagt Ihr, Christen seien ungläubig? Warum sind so viele Muslime Terroristen?»
Hüssein Mirik, der Vorsitzende des Moscheevereins, freut sich über solche Fragen. Denn so kann er den Deutschen zeigen, dass der Islam gar nicht so ist, wie sie überall hören. «Für uns seid Ihr Christen genauso gläubig wie wir. Unser Glaube ist mit Eurem verwandt, nur dass für Euch Jesus eine größere Rolle spielt als bei uns. Wieso sollten wir Euch also bekämpfen? Fanatiker gibt es überall», erklärt er. «Es ist gut, wenn die Leute, die alle Muslime für Terroristen halten, unterscheiden lernen. Ihr Gemüsehändler an der Ecke ist ja auch kein Bombenleger.» Wieder in den Schuhen und auf sicherem Boden, meint eine ältere Dame: «Jetzt, wo ich mal eine Moschee von innen gesehen habe, brauch' ich ja keinen Bogen mehr um die Türken zu machen.»
Personifizierte IntegrationErem Ünsal, die Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, ist eine beliebte Partnerin für Interviews und Podiumsdiskussionen. Gewandt und in perfektem Deutsch analysiert sie die Kernprobleme der Integrationsdebatte. Die elegant gekleidete junge Frau nennt sich selbst «vielleicht überintegriert». Aber als gutes Beispiel nach dem Motto, «wenn man will, dann schafft man es auch», will sie sich nicht instrumentalisieren lassen.
Dass sich unter türkischen Migranten in Deutschland eine Parallelgesellschaft entwickle, weist Ünsal entschieden zurück: «Von der soziologischen Bedeutung des Begriffs her trifft er auf die türkische Gemeinschaft in Deutschland nicht zu. Es gibt hier keinen Staat im Staat.»
Es sei allerdings eine Tatsache, dass unter Migranten eine stärkere Hinwendung zum Islam zu beobachten sei. Wie autonome Linke und rechtsradikale Deutsche würden sich einige Muslime in ihre Nische zurückziehen. Die Ausgrenzungsmechanismen der Mehrheitsgesellschaft führten bei vielen Mirgranten zu einem so genannten «roll back», einem Rückzug in die Tradition. «Aber eine Parallelgesellschaft ist das nicht. Schließlich halten sich alle an deutsche Gesetze und beherrschen die Sprache der Mehrheitsgesellschaft.»
Vielfalt als ChanceErem Ünsal ist es unverständlich, dass der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowski es problematisch findet, wenn Migranten im Alltag vorwiegend ihre Muttersprache sprechen wollen. «Warum sieht man in der Heterogenität einer Gesellschaft immer nur ein Problem und nicht eine Chance? Wenn es türkische Lebensmittelgeschäfte, Reisebüros, Kindergärten und Ärzte in Deutschland gibt, kann das doch nur von Vorteil sein. Menschen, deren Muttersprache Türkisch ist, fühlen sich von einem türkischen Arzt einfach besser betreut», sagt Ünsal.
Der SPD-Politiker Buschkowski hatte die Integration großer Teile der nicht-deutschen Bevölkerung für gescheitert erklärt. Was die Integrationspolitik der letzten 40 Jahre angeht, stimmt Erem Ünsal ihm zu. Sie spricht von einer Politik, die seit Jahren an der Lebensrealität der Menschen vorbei gemacht wird. Das neue Zuwanderungsgesetz mache Migranten und Einheimische unzufrieden. Um Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere und Konflikte um die Religion im Bezirk kümmere sich die Regierung nicht.
Die Gefahr, dass es in Deutschland zu ähnlichen Spannungen zwischen Muslimen und Einheimischen kommt wie in den Niederlanden, sieht Erem Ünsal nicht. Aber als von Grund auf optimistischer Mensch will sie sich so etwas auch gar nicht vorstellen. «Wir haben das Glück im Unglück, aus dem schlechten Beispiel Holland zwei Botschaften lernen zu können: Erstens, dass man nicht aus falsch verstandener Toleranz blind wird für demokratiegefährdende Tendenzen in der Gesellschaft, wie zum Beispiel den islamistischen Terrorismus. Zweitens, dass man lernt zu differenzieren. Fremdenfeindliche Pauschalisierungen sind Gift für das Zusammenleben.»
Erem Ünsal erwartet von den Medien einen sensibleren Umgang mit Migranten, um eine öffentliche Angstdebatte zu vermeiden. In Deutschland sei man in dieser Hinsicht immer noch sehr unbedarft. Die Politik müsse auf Deeskalation bedacht sein und Verantwortung für Probleme übernehmen, die sie mit verschuldet habe. Der gescheiterten Integrationspolitik zum Trotz sei es vor allem dank des Engagements der Bürger größtenteils gelungen, gut zusammen zu leben, meint Ünsal. Das zeigten die Beispiele vieler sehr erfolgreicher, gut integrierter Migranten, die Vielzahl interkultureller Begegnungsstätten, die aus Bürgerinitiativen entstanden sind, und nicht zuletzt die vielen von Einwanderern gegründeten und betriebenen Unternehmen. Dies Engagement müsse von der Politik stärker unterstützt werden.
Acht Jahre in der Wohnung eingesperrtRada Grubic vom interkulturellen Frauenhaus Berlin dagegen kennt Parallelgesellschaften aus den Erzählungen ihrer Schützlinge. Im Frauenhaus und den Wohnungen der Interkulturellen Initiative e.V. in Berlin-Zehlendorf finden vor allem Ausländerinnen Schutz. Hier leben muslimische Frauen, von denen einige jahrelang in ihren Wohnungen eingesperrt waren, eine für acht Jahre. «Die haben zwar in Deutschland gelebt, aber Rechte wie deutsche Frauen hatten sie nicht. Manche Frauen sprachen kein einziges Wort deutsch und kannten noch nicht einmal ihre Nachbarinnen. In diesen Familien herrschten die Gesetze des Mannes. Für mich ist das ein eindeutiges Zeichen für eine Parallelgesellschaft», sagt die Leiterin der Beratungsstelle.
Vor Jahrzehnten war sie selbst aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen und konnte eine «schleichende Islamisierung» unter Migrantinnen beobachten. «Noch in den Siebziger und Achtziger Jahren war es für Musliminnen aus meiner Heimat undenkbar, Kopftuch zu tragen. Das galt auch für viele Türkinnen. Heute sind gerade in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet und auch hier in Berlin sogar schon kleine Mädchen verschleiert. Familien schicken ihre Kinder auf eine Koranschule in Deutschland, damit sie bei einer Rückkehr die Schule überhaupt fortsetzen können.»
Die deutsche Gesellschaft habe hier viel zu wenig hingeschaut, meint Grubic. Das Land Berlin habe seit der Ankunft der ersten Gastarbeiter bewusst eine Gettoisierungspolitik betrieben. «Ich habe Pässe von Jugos gesehen, in denen vermerkt war, dass sie nur in Kreuzberg, Wedding oder Neukölln wohnen dürfen. Dass es in diesen Bezirken heute Parallelgesellschaften gibt, ist ein Resultat», sagt Grubic.
Zeitweilige Flucht zum InfoabendRada Grubics iranische Kollegin Louise Baghramiau, eine quirlige attraktive Frau mit tiefem Ausschnitt, Minirock und Stiefeln, macht diese Entwicklung Angst. Sie habe am eigenen Leibe erfahren, erzählt sie, was es heißt, als Frau in einem islamischen Staat zu leben: «Der Islam erlaubt es Männern je nach Auslegung, ihre Frauen zu schlagen und zu demütigen. Wenn wir mehr islamistische Männer haben, haben wir auch mehr gewaltbetroffene Frauen, an die wir kaum herankommen», sagt sie.
Zu den ehrenamtlich organisierten Infoabenden der Initiative in Neukölln kommen jetzt zwar immer mehr Frauen. Sie haben von Nachbarinnen von den Veranstaltungen gehört und schleichen sich mit einer Ausrede aus dem Haus. Aber ob Gewaltopfer tatsächlich den Schritt tun und mit ihrem Kindern die Beziehung verlassen, sei eine andere Frage. Denn für Migrantinnen breche damit ihr gesamtes soziales Netz zusammen, berichtet Baghramiau.
Ohne Spenden und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen müsste der Verein das Frauenhaus mit seinen 25 Plätzen und die zwei Häuser für längerfristiges Wohnen schließen. Von den drastischen Mittelkürzungen der Senatsverwaltung Berlin für Frauenprojekte sind sie konkret betroffen. «Das ist keine Politik, die der aktuellen Entwicklung entgegenwirkt», klagt Rada Grubic.
Das alltägliche Zusammenleben Die Kürzungen treffen auch den Nachbarschaftsverein Kotti e.V. ins Mark. «Statt vier vollen Stellen können wir heute nur noch anderthalb finanzieren. Viele arbeiten ehrenamtlich weiter, aber sobald jemand in der Familie arbeitslos wird, geht das nicht mehr», sagt die Leiterin des Familiengartens in der Kreuzberger Oranienstrasse. Hier trifft sich die internationale Nachbarschaft. Auch streng muslimische Frauen kommen mit der Erlaubnis ihrer Ehemänner zu den Familienfrühstücken oder Diskussionsrunden. Im Angebot sind allgemeine Sozialbetreuung, Rechtsberatung, regelmäßige Frühstücke für Frauen und ein Seniorentreff. Außerdem finden hier Integrationsseminare, Tagungen, und vieles mehr statt. Auf einem Sofa sitzen zwei türkische Frauen mit Kopftuch und schaukeln einen Kinderwagen. An der Theke bedient eine junge Deutsche, während im Hintergrund drei Jugendliche die Bühne für das abendliche Jazzkonzert vorbereiten.
Die Kitas des Vereins haben 113 Plätze. Hier wird das Konzept der interkulturellen Erziehung praktiziert. Darunter verstehen Pädagogen nicht nur, dass die Erzieherinnen und Kinder unterschiedlicher Nationalität sind. Die Kinder sollen sich mit ihren Betreuerinnen in ihrer Muttersprache austauschen können und außerdem die Sitten, Bräuche und Religionen aller in der Gruppe vertretenen Kulturen kennenlernen. In den Kitas von Kotti e.V. sind die Erzieherinnen zur Hälfte türkischer, zur Hälfte deutscher Herkunft. Aber nur 40 Prozent der Kinder kommen aus deutschen Familien. Seit einigen Jahren werden neben türkischen auch immer mehr arabische und Kinder aus anderen Ländern angemeldet. «Eine Ausgewogenheit wäre natürlich besser für die Kinder, aber so ist eben die Bevölkerung in unserer Nachbarschaft», sagt die Leiterin des Familiengartens.
Völlig verfehlte Bildungspolitik «Es war reichlich naiv zu glauben, dass die multikulturelle Gesellschaft wirklich existieren kann.» Dieses Fazit zieht Pfarrer Polessek von der Liebfrauenkirche aus den Entwicklungen in seiner Nachbarschaft. Der Ausländeranteil beträgt 40 Prozent, unter Kindern und Jugendlichen von 6 bis 18 Jahre kommen sogar 70 Prozent aus einer Migrantenfamilie.
«Deutsche Familien ziehen weg, sobald ihre Kinder ins Grundschulalter kommen», sagt der Pfarrer. In einer Schule, wo 86 Prozent der Schüler nicht Deutsch als Muttersprache haben, sehen sie keine Entwicklungschancen für ihr Kind. Der Leiter einer Grundschule in der Nähe rate deutschen Eltern sogar davon ab, ihre Kinder an seiner Schule anzumelden, weiß Polessek. Viele Eltern aus der Liebfrauengemeinde, die ihr Kind trotzdem dort eingeschult hätten, gäben spätestens nach zwei Jahren auf.
An der Eberhard-Klein-Schule in der Skalitzer Strasse, einer Oberschule mit Haupt- und Realschulzweig, beträgt der Ausländeranteil an der Schülerschaft 100 Prozent. Die einzigen Deutschen hier sind die Lehrer. Die Schüler sind überwiegend Türken, es gibt auch Araber und Albaner. «Bei vielen Schülern ist die deutsche Sprache nur sehr rudimentär ausgebildet. Es kommt durchaus vor, dass Kinder bis auf den Unterricht in der Schule den ganzen Tag nur türkisch oder ihre jeweilige Muttersprache sprechen. Kein Wunder, dass dann schon Probleme bei der Aufgabenstellung aufkommen», sagt der Lehrer Hagen Gaukler. Er unterrichtet Mathematik und Erdkunde. Zum Glück nicht Deutsch, wie er sagt.
In der Pause haben die Lehrer es schwer, die Halbstarken auf dem Schulhof unter Kontrolle zu halten. Die 14-jährige Funda steht mit ihren Freundinnen Merve und Canan (beide 15) in einer Ecke. Sie findet es nicht schlimm, dass sie keine deutschen Klassenkameradinnen hat. «Ich sprech' doch trotzdem Deutsch! Und außerdem reden wir Deutsch mit den Arabern und Albanern.» Aber nicht allen fällt es leicht, im Unterricht auf Deutsch mitzukommen. In ihrer 9. Klasse, erzählen die Mädchen, haben sie drei Jungen, die nicht lesen können.