netzeitung.deDer Mann, der gegen Bush klagt

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Kurt Julius Goldstein (l.) 1985 am Gedenktag zur Befreiung des KZ Buchenwald (Foto: Archiv K. J. Goldstein<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kurt Julius Goldstein (l.) 1985 am Gedenktag zur Befreiung des KZ Buchenwald
Foto: Archiv K. J. Goldstein
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Berliner Kurt Julius Goldstein ist einer der Sammelkläger gegen die US-Regierung und die Familie des US-Präsidenten Bush. Porträt eines Aktivisten.

Von Joachim Widmann

«Ich kämpfe gegen den Faschismus, wo immer er auftritt», sagt Kurt Julius Goldstein. Zur Bekräftigung schlägt der Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Bewegung zeigt, wie viel Energie in dem Mann steckt, der im November 90 Jahre alt wird. Er ist Aktivist, als Auschwitz-Überlebender und als Kommunist. Kurt Julius Goldstein ist der Mann, der die USA und die Bush-Familie im Rahmen zweier Sammelklagen dafür belangen will, dass das Vernichtungslager Auschwitz nicht bombardiert wurde und US-Unternehmen an Nazi-Verbrechen profitierten.

Gegen die USA hat Goldstein 40 Milliarden Dollar eingeklagt, und gegen den Vater des US-Präsidenten, Expräsident George H. W. Bush, in einer weiteren Sammelklage 400 Millionen. «Punitive Damage» lautet der amerikanische Fachbegriff dafür, er beinhaltet Schadensersatz und Strafzahlung.

«Für mich ist die Klage etwas, zu dem ich mich verpflichtet fühle. Wegen der 400.000 Menschen», die in Auschwitz nicht hätten ermordet werden können, wenn die Verkehrswege zum Vernichtungslager 1944 bombardiert worden wären, «und weil ich gegen Faschisten in der ganzen Welt etwas habe. Von den Milliarden will ich keinen Cent haben, für mich ist die Klage eine politische Aufgabe», sagt Goldstein im Gespräch mit der Netzeitung. So trägt die Klage neben dem der Sammelklagen-Initiative IPAS seinen Namen, und er selbst holte einen westdeutschen Résistance-Veteranen, dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde, als zweiten Mann dazu: «Weil ich ein Ossi bin, dachte ich, dass wir noch einen Wessi brauchen.»

Hochrangiger Funktionär
Goldstein ist nicht einfach irgendein «Ossi» – er hat zur Zeit des Kalten Krieges, dessen Vorläuferkonflikt um die Unterstützung der Sowjetunion im Krieg gegen Deutschland innerhalb der US-Eliten den historischen Hintergrund der Klagen bildet, aktiv auf der sowjetischen Seite gestanden. Er war in den Fünfzigerjahren hochrangiger SED-Funktionär und später leitender Mitarbeiter, schließlich Chefredakteur und bis zu seiner Pensionierung 1978 Intendant des Ost-Berliner Deutschlandsenders, der späteren «Stimme der DDR».

Goldstein geht gebeugt, doch festen Schritts. Er ist ein gepflegter alter Herr mit würdig-faltigem Gesicht, der den Blick geradeaus auf seinen Gesprächspartner gerichtet hält, während er nahezu druckreif aus seinem Leben berichtet. Gelegentlich überspielt er selbstironisch, dass er einen Namen nicht sofort präsent hat. Er strahlt die Autorität des Lebenserfahrenen aus, gerade weil er sich nicht für unangreifbar hält. Und seine Sache auch nicht. «Das Unglück ist, dass dieser Stalin der vielleicht edelsten Sache der Welt – es waren die edelsten Menschen, die dafür ihr Leben gegeben haben – durch seine echten Verbrechen so geschadet hat. Niemand sonst hat uns so geschadet», sagt Goldstein, der heute PDS-Mitglied ist und in Berlin lebt.

Er mochte keine Autobiografie schreiben, um sich nicht nachher vorhalten lassen zu müssen, er habe «etwas geschönt», sagt Goldstein. Natürlich wurde sie doch geschrieben, von anderen, auf der Basis von Interviews. Das Buch endet Anfang der Fünfzigerjahre, als er SED-Funktionär und im ZK-Apparat zuständig für die «Westarbeit» war. «Westarbeit» hieß seinerzeit, über Verbindungsleute bei der KPD und in den Gewerkschaften in der Bundesrepublik Streikbewegungen und die Propagandaarbeit zu unterstützen. Goldstein arbeitete eng mit Parteichef Walter Ulbricht, dem starken Mann der DDR, zusammen, er lernte dessen «Licht- und Schattenseiten gut kennen», wie er sagt.

Seit 1929 Kommunist
Goldstein war einer der wenigen in der DDR, die mit ihrer Biografie für deren antifaschistischen Gründungsmythos einstehen konnten. Er gehörte nicht zu den «Moskauern», den re-immigrierten Berufsfunktionären, denen die Sowjets nach dem Krieg ihre Besatzungszone überließen, um durch sie zu regieren.

«Schwer enttäuscht von der SPD», die wankelmütig eine Wiederbewaffnung der Weimarer Republik anstrebte und damit eigene Versprechungen brach, war er schon als Fünfzehnjähriger in die KPD eingetreten. Ein literaturinteressierter Schüler war er, Sohn eines für sein Kaufhaus stadtbekannten Dortmunder Kaufmanns, der 1920 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben war.

Aus Goldsteins Worten geht hervor, dass Max Reimann, der örtliche KP-Chef, so etwas wie ein väterliches Vorbild für ihn war. Und ein strenger Erzieher. Seine erste «revolutionäre Tat», erinnert sich der alte Mann in leichtem, aber unverkennbarem Ruhrpott-Tonfall, war die Verteidigung des Kommunismus, indem er bei einem politischen Streit mit seinem sozialdemokratischen älteren Bruder jähzornig seinen Teller mitsamt Mittagessen an die Wand warf und in seinem Elternhaus eine Glastür eindrückte. Reimann brachte ihn dazu, sich in aller Form zu entschuldigen – was die bürgerlich-liberale Mutter des jungen Heißsporns dazu anregte, fortan heimlich den Kommunisten Geld zu spenden.

Erbe ausgeschlagen
Goldstein musste im Februar 1933 aus Deutschland fliehen, weil er als Neunzehnjähriger einen antisemitisch herumpöbelnden SA-Mann in einer Kneipe mit einem Aschenbecher bewusstlos geschlagen hatte. Da hatte er bereits einen Schulverweis wegen seiner Parteizugehörigkeit und seiner Reden auf politischen Versammlungen hinter sich; nur auf Umwegen war er zum Abitur gekommen.

Er floh zu seinem Onkel nach Luxemburg. Der hätte in Julius Goldstein gern einen Erben für seine weitverzweigten Unternehmungen gefunden. Doch der 19-jährige Aktivist Kurt Berger – den Decknamen hatte er als Schüler angenommen – lehnte es aus kommunistischer Überzeugung ab, Unternehmer zu werden. Zur größten Überraschung seiner Familie.

Goldstein bemühte sich lieber darum, im Parteiauftrag junge Zionisten in Frankreich und Palästina für den Kommunismus zu gewinnen. Er kehrte aus Palästina nach Europa zurück, um in den Internationalen Brigaden in Spanien an der Seite der Republikaner gegen Franco in Spanien zu kämpfen. Er wurde nach Francos Sieg in Frankreich interniert und vom französischen Vichy-Regime zur Deportation nach Auschwitz den Deutschen übergeben. Im Bergwerk Jawischowitz, einem Außenlager des Vernichtungslagers, leistete er Zwangsarbeit, wurde Kapo und Vorarbeiter und übte Sabotage, indem er buchstäblich Sand ins Räderwerk der Kohlentransportanlagen streute. Er überlebte den Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald, und er überlebte Buchenwald.

Bomben auf Auschwitz
Auschwitz sei die Hölle gewesen, sagt Goldstein. «Ich habe mir gewünscht, dass Auschwitz bombardiert wird, aber weniger die Kohlengrube als das Buna-Werk.» Das Werk war kriegswichtig, es sollte durch die Synthetisierung von Kraftstoffen die Kriegsmaschine Deutschlands unabhängig vom internationalen Ölmarkt am Laufen halten. «Das haben sie auch bombardiert. Ab Ende 1943 hatten sie die Möglichkeit, alle Zugangswege nach Auschwitz zu bombardieren. Die Nazis hätten 400.000 Juden aus Ungarn nicht nach Auschwitz bringen können, wenn die Amerikaner die Bahn bombardiert hätten», sagt Goldstein. Auf dieser Unterlassung gründet seine Sammelklage gegen die US-Regierung.

«Ich habe alle Hochachtung vor den amerikanischen Soldaten, die an der Front gekämpft haben. Ich habe auch alle Hochachtung vor allen im amerikanischen Establishment, die beschlossen haben, in den Krieg gegen Deutschland einzutreten», sagt Goldstein. «Aber ich weiß auch, dass es in Amerika nicht nur (den offen nazi-freundlichen Flugpionier Charles) Lindbergh gab, sondern dass es gerade in den Konzernspitzen in den USA Freunde von Hitlerdeutschland gegeben hat. Die haben Hitlerdeutschland noch bis zum Kriegsende Zehntausende Tonnen Öl jedes Jahr zukommen lassen. Das ist dieselbe Bande, die verhindert hat, dass die Zugangswege nach Auschwitz bombardiert wurden. Gegen die vorzugehen, halte ich für richtig.» Aus seiner Sicht gehörte auch Prescott Bush zu dieser «Bande», der Großvater des Präsidenten, der seinerzeit unter anderem mit dem deutschen Thyssen-Konzern Geschäfte machte und so den Grundstein für das Vermögen der Bush-Dynastie legte. Daher die Klage gegen die Bushs.

«Shame on you»
Goldstein schreckt auch vor heftiger Kritik am American Jewish Committee (AJC) nicht zurück. Ursprünglich hatte seine Sammelklage gegen die US-Regierung auch den AJC eingeschlossen. Das erlangte jedoch keine Rechtskraft, weil die Kläger auf Zustellung der Klage verzichteten.

Goldstein: «Der damalige (amerikanische) Oberrabiner (Stephen) Wise hat (am 8. Dezember) 1942 ein Gespräch mit US-Präsident Roosevelt geführt, und im Ergebnis dieses Gesprächs sollten die Zugangswege nach Auschwitz bombardiert werden. Das ist nicht geschehen. Da hätte das AJC bei Roosevelt die Einlösung der Zusage reklamieren müssen. Das hat er nicht getan.» Und er werfe dem AJC noch etwas anderes vor: «Nach dem Krieg hat er das Märchen in die Welt gesetzt, die europäischen Juden hätten sich wie die Lämmer in die Gaskammern führen lassen, ohne Widerstand zu leisten. Wer sich das richtig ansieht, und Arno Lustiger hat das erforscht, sieht: Es hat kein Ghetto und kein Lager gegeben, wo es keinen organisierten Widerstand gegeben hat.» In den meisten Fällen hätten jüdische Kommunisten an der Spitze dieses Widerstands gestanden. «Das hat dem AJC nicht gepasst. Lieber haben sie diese verleumderische Aussage in die Welt gesetzt.»

«Das American Jewish Committee hat mir einen Brief geschrieben, der mit den Worten 'shame on you' endet», erzählt Goldstein – «Schande über Sie». Das lag auch an seiner scharfen Kritik an Israel. Goldstein nennt Israels Premier Ariel Scharon «einen der schlimmsten Kriegsverbrecher» und kritisiert die Bush-Regierung: «Die soll dafür sorgen, dass sich Israel an die Menschenrechte hält. Mir tut das richtig weh – diese jungen Palästinenser, die sich da in die Luft sprengen und junge Juden mit ins Grab nehmen, die nichts getan haben. Ich halte das für unglücklich, es ist auch politisch schädlich für ihre eigene Sache. Aber wenn ich an mich denke, der in Auschwitz in der Grube gesessen hat und seine Genossen aufrief, Sabotage zu üben – was wir dort gemacht haben, war sinnvoll, es war unsere Front gegen die Nazis, aber die jungen Palästinenser sind in derselben Lage wie wir. Sie wissen nicht mehr, was sie tun können.«

Goldstein sagt das mit lebhaften Gesten, jedes Wort wird mit einem Schlag auf den Tisch unterstrichen. Er ist hier ganz kommunistischer Antizionist und Widerständler, und er glaubt, dass nur ein Deutscher so reden kann, der Auschwitz überlebt hat.

Viele Kinder
Doch neben dem Kämpferischen gibt es noch ein persönliches Momentum, das diesen Mann immer angetrieben hat. Er sah, wie jede Woche Zwangsarbeiter aus der Kohlegrube in die Gaskammern »selektiert« wurden, weil sie zu schwach für ihre harte Arbeit bei schlechter Verpflegung waren. Und er musste vielen seiner Männer die Nachricht von der Ermordung ihrer Frauen und Kinder überbringen. Er hatte in Auschwitz ein »Morgen- und Nachtgebet«, erzählt er: »Goldstein, dich kriegen die verdammten Nazis nicht kaputt. Wenn du das überlebst, nimmst du dir eine Frau und setzt mit der viele Kinder in die Welt für die, die da jetzt vergast werden.« Nach dem Krieg machte er sich gezielt auf die Suche nach dieser Frau. Seine erste Frau starb 1946 nach der Geburt seines ersten Kindes, mit seiner zweiten Frau, Margot, hat er fünf Söhne: »Wir sind seit 54 Jahren ein Paar.«

Nach dem Krieg baute Goldstein die kommunistische Jugendorganisation FDJ in Thüringen auf und eckte mit seinen populären Solidaritätsaktionen – Feuerholzsammeln für Kriegerwitwen – bei den Funktionären in Berlin an, denen politische Kaderpolitik lieber gewesen wäre. Die Partei delegierte ihn zurück ins Ruhrgebiet, wo er KPD-Bezirkssekretär wurde und am Aufbau der West-FDJ mitwirkte. 1951 kehrte er in die DDR zurück, um an der Parteihochschule in Kleinmachnow bei Berlin, »durch die Wolf gedreht« zu werden – »die Leiterin Anna Wolf war eine schlimme Frau«, erinnert er sich. Dann übernahm er die »Westarbeit« im ZK-Apparat der SED: »Ich hatte meine Finger in den Streiks in Schleswig-Holstein.«

»Viele Fragen« beantwortet
Die von Moskau angeregte Hatz auf Juden im Parteiapparat Anfang der Fünfzigerjahre ging an Goldstein vorüber. Er führt das darauf zurück, dass gelegentlich »Sowjets, vielleicht KGB« Fragen über die Lage im Ruhrgebiet an ihn richteten – »viele Fragen, die ich beantwortete« –, und auf seine enge Zusammenarbeit mit Ulbricht.

1957 wurde Goldstein aus dem ZK-Apparat entfernt. Einer seine Verbindungsleute im Westen war vom BND erwischt worden und hatte geplaudert. Ulbricht setzte sich für ihn ein. Goldstein lehnte seinen Vorschlag ab, eine akademische Karriere einzuschlagen. »Mein Wunsch war, als Redakteur zum Deutschlandsender zu gehen.« Der Wunsch wurde erfüllt, und Goldstein rückte in den folgenden Jahren an die Spitze des Senders auf.

Kritik an Stalin
Er habe sich dort nicht wie ein Stalinist benommen, sagt Goldstein. Es habe für ihn auch nicht der bitteren Erkenntnisse von 1956 bedurft, als Chruschtschow die stalinistischen Verbrechen aufdeckte. Schon 1950, an dem Abend im Berliner »Palais am Festungsgraben«, als er seine zweite Frau kennen lernte, habe sie ihm erzählt, dass sie die Tochter eines deutschen Kommunisten ist, der unter Stalin in der UdSSR ermordet wurde: »Mir brauchte keiner mehr von den Verbrechen Stalins zu sprechen. Einer der Faktoren, die mich an diese Frau gebunden haben, war mein Glaube, ich müsse wiedergutmachen, was meine Genossen ihrem Vater und damit ihr angetan haben.«

Goldstein war auch bis zu dessen Tode mit Götz Berger befreundet, einem anderen Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs. Der Jurist Berger hatte zunächst in hoher Position am Aufbau des sozialistischen Justizwesens mitgewirkt – mit allen ideologischen Tiefen der »sozialistischen Gesetzlichkeit« –, um sich in den Sechzigerjahren mit Grausen von seinem Werk abzuwenden und als Verteidiger in politischen Strafsachen Bürgerrechte einzufordern. Wegen seines Engagements als Anwalt des Bürgerrechtlers Robert Havemann verlor Berger 1976 schließlich seine Zulassung. »Der Havemann hat früh gesehen, was so Leute wie ich erst später gesehen haben. Ich habe zehn Jahre mehr und länger dafür gebraucht«, sagt Goldstein.

Seine Konsequenz aus dieser Erkenntnis war aber eine andere als die Havemanns, der als gefeierter Wissenschaftler und Funktionär von Anfang der Sechzigerjahre an offen den Alleinregierungsanspruch der SED in Frage stellte, Presse- und individuelle Freiheiten sowie politischen Pluralismus für die DDR forderte – mit der Konsequenz, dass er aus der Partei geworfen und, von allen Funktionen entkleidet, zur »Unperson« erklärt wurde.

Von der Stasi »ferngehalten«
Goldstein blieb im Amt, aber: »Von den Leuten von der Sicherheit« – so nennt er die Mitarbeiter der gefürchteten Staatssicherheit – »habe ich mich ferngehalten.« Auf sein Betreiben, beteuert er, sei niemand am Sender aus politischen Gründen »gestraft worden«. Er habe die kollegiale, ja väterliche Bindung zu seinen Mitarbeitern beim Deutschlandsender gesucht und nach der Devise gehandelt: »Wir sind alle Kollegen an einem Arbeitsstück.« Das, sagt Goldstein, seien »nicht die Beziehungen, wie sie Stalinisten gepflegt haben«.

Natürlich hatte Goldstein dienstlich mit der Stasi zu tun, weil er auch Dienstreisen von Radioleuten in den Westen zu genehmigen hatte. Er habe sich gegen gelegentliche Zweifel »der Sicherheit« für Kollegen eingesetzt, die sonst nicht hätten reisen können, »und die sind auch alle zurück gekommen«. Er habe sie dann in seinem Sekretariat Berichte über die Umstände ihrer Reisen schreiben lassen – ausdrücklich ohne Durchschlag »für die Sicherheit« und mit der Ansage: »Wenn ich einen erwische, der denen Bericht erstattet, wird er von der Liste der Reisekader gestrichen. Die sollen sich ihre Informationen aus der Bundesrepublik selbst beschaffen. Diesen Vortrag habe ich jedem gehalten. Ob sie sich alle daran gehalten haben, weiß ich nicht.«

Spitzname »Partisantschik«
Tatsächlich sagen ehemalige Bürgerrechtler und DDR-Radiojournalisten, dass ihnen zum Ende der DDR keine belastenden Informationen über Goldstein zur Kenntnis gelangten. »Er wird einer der anständigen Menschen gewesen sein, die es in Funktionen gab«, meinte ein früherer Nachrichtenredakteur, der allerdings erst nach Goldsteins Pensionierung bei dem Sender gearbeitet hat, im Gespräch mit der Netzeitung.

In den Fünfzigerjahren schon habe man ihm im Zentralkomitee den Spitznamen »Partisantschik« gegeben, sagt Goldstein: »Ich habe mir Mielkes Leute vom Hals gehalten, sowohl bei der Westarbeit wie auch später im Rundfunk.«

Dazu war die Kritik am Stalinismus das eine Motiv, ein anderes mag zuvor schon den kommunistischen Aktivisten Goldstein dagegen immun gemacht haben, an den groben Übergriffen der Macht in der DDR gegen deren Bürger teilzunehmen - eine Erkenntnis aus der Zeit der Verfolgung: »Die alte kommunistische Sicht, dass alle Kapitalisten Verbrecher sind, ist ein Irrtum. Die sind Menschen. Menschen, die ihre Licht- und Schattenseiten haben.« Er habe in Spanien einen deutschen Arzt, einen Deutschnationalen, kennen gelernt, der ihm klar gemacht habe, dass unter den Gegnern der Nazis »viele bürgerliche Leute« seien. »Meine Front«, sagt Goldstein, »geht von meinen Genossen bis zu den reichen katholischen Bauern in Westfalen, die Juden versteckten, und weit darüber hinaus«.

»Es hat eine Vielfalt von menschlichen Handlungen gegeben.« Das ist Goldsteins Antwort auf die Frage, wie er in seiner Amerika-kritischen Haltung dazu steht, dass seine Sammelklage gegen die US-Regierung zu Anfang ausgerechnet die aktive Unterstützung des US-Präsidenten Bill Clinton genossen hatte. Im Übrigen wisse er nicht viel über Clinton, sagt er: »Sympathisch ist er mir nicht. Ich bin ein Konservativer, was die Ehe angeht.«

Das Foto stammt vom Einband des Buches: »Nr. 58866: 'Judenkönig'. Aus dem Leben des Kurt Julius Goldstein« von Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch, erschienen bei PapyRossa, Köln.