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Lupe Wolffsohn übt scharfe Kritik an seinen Kritikern

Der Historiker Michael Wolffsohn meint, Ton und Ausmaß der Kritik an seinen Äußerungen über die Anwendung der Folter in extremen Situationen könne «nur dem Juden gegolten haben».

Der Historiker Michael Wolffsohn hat gegen seine Kritiker und die Bundesregierung schwere Vorwürfe erhoben. In einem komplex argumentierenden Text in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung» stellt Wolffsohn rückblickend auf die Intensität und die Richtung der Diskussion über seine Äußerungen zur Anwendung von Folter in Extremsituationen fest: «Das kann nur dem Juden gegolten haben». Einzelne Sätze seien «manipulativ aus dem Zusammenhang gerissen und der Bevölkerung eingehämmert» worden.

Der Historiker von der Bundeswehr-Universität München machte auch Mitglieder der Bundesregierung für die «Hetzjagd» auf ihn verantwortlich. Er sei «zum Abschuss freigegeben» worden. Wolffsohn führt unterschiedliche Standpunkte in der Folterdebatte auf unterschiedliche historische Erfahrungen zurück. «Wie die Deutschen aus der Geschichte lernten, nie wieder Täter sein und Gewalt anwenden zu wollen, so haben wir Juden gelernt, dass wir Gewalt anwenden müssen, um nicht und nie wieder Opfer zu sein.»
Verständnis von Theologen
Wolffsohn stellte damit auch seine eigenen Worte in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv noch einmal in einen größeren Zusammenhang. «Als eines der Mittel im Kampf gegen den Terrorismus halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim», hatte er am 5. Mai bei «Maischberger» gesagt.

Verständnis für seine Äußerungen zur Folter in extremer Notwehr hätten auch christliche Theologen und Geistliche gezeigt, so Wolffsohn in der «FAZ», und auch der jüngste Kommentar zum Grundgesetz enthalte ähnliche Erwägungen: «Kaum jemand hat sich über jene Gedanken und Handlungen der erwähnten Nichtjuden aufgeregt. Nur mein Nachdenken löste eine Haupt- und Staatsaktion aus.» Seine «Jäger» seien bereit gewesen, «sich sogar über Artikel 5 des Grundgesetzes hinwegzusetzen, der die Meinungsfreiheit sowie die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert».

«Ewige Nazis und Islamisten»
Tatsächlich war von Politikern aller Couleur gefordert worden, Wolffsohn seine Professur zu entziehen. Bundesverteidigungsminister Struck ließ die Prüfung disziplinarischer Maßnahmen prüfen und ließ es so aussehen, als ob er Wolffsohn in seinen Diensträumen zur Maßregelung «einbestellte». Wolffsohn spricht dagegen von der Einladung zu einem Gespräch, in dem Struck bedauerte, was seine Distanzierung ausgelöst hatte: «Für Ewige Nazis und Islamisten war jene letztlich gesetzeswidrige Treibjagd in den erwünschen existenziellen Abgrund eine willkommene Gelegenheit, mich mit Liebesbekundungen einschließlich zahlreicher Morddrohungen und vulgärer Antisemitismen zu beglücken», so Wolffsohn.

Wolffsohn räumt ein, dass Deutschland und die Deutschen sich zum Besseren gewandelt hätten. Doch habe ihre Kehrtwende zur Gewaltfreiheit seit dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen ähnlich weit von den Juden entfernt wie zuvor, unter «ganz anderen Vorzeichen». Auch bei der Linken erkennt Wolffsohn einen solchen Wandel, stellt ihn jedoch moralisch in Frage am Beispiel Joschka Fischers, der Ende der Sechzigerjahre Yassir Arafat als Befreiungskämpfer «bejubelt» und in den Siebzigerjahren Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung für zulässig gehalten hatte.

Fischer mit Globke verglichen
Fischer engagiere sich heute wie kaum ein anderer für Israel, lobt Wolffsohn, doch «muss man auch darauf hinweisen, dass jemand, der vor rund dreißig Jahren auf einen am Boden liegenden Polizisten brutal einschlug, heute als Personifizierung von Recht, Moral und polizeilich staatlicher Bekämpfung rechtsextremistischer und anderer Gewalttäter nicht sonderlich überzeugend ist. Weshalb? Weil die Botschaft an die gegenwärtigen Nazis lautet: heute Gewalttäter, morgen oder übermorgen Bundesminister», schreibt Wolffsohn und vergleicht Fischer mit dem «einst braunen Staatssekretär der Adenauer-Ära, Hans Globke: projüdische und proisraelische Politik als Wiedergutmachung des vorangegangenen Kontrastprogramms».

Wolffsohn unterstellt der Bundesregierung und den Politikern, die ihn angegriffen hatten, nicht den traditionellen, groben Antisemitismus von früher. Doch konstatiert er, dass tote jüdische Ruhestörer als befruchtend für die deutsche Gesellschaft gesehen würden, während «lebende jüdische Ruhestörer ... auszuschließen» seien, «so die Sicht der nichtantisemitischen nichtjüdischen Entscheidungsträger, oder gar abzuschießen, so die ewige Sicht der Ewigen Antisemiten.» «Ich klage an», schließt Wolffsohn seinen Text, der mit «J'accuse!» überschrieben ist, in bewusster Anlehnung an Emile Zola, der mit seiner unter dieser Überschrift publizierten Kritik an der Affäre um die ungerechtfertigten Strafmaßnahmen gegen den jüdischen Soldaten Dreyfus 1898 eine Staatskrise in Frankreich ausgelöst hatte. (nz)