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Lupe Bastian war nicht Stasi-IM

Der friedensbewegte Ex-General Gert Bastian stand gegen Ende seines Lebens und darüber hinaus in dem Verdacht, IM der DDR-Staatssicherheit gewesen zu sein. Die «Rosenholz»-Akten entkräften dies.

Von Joachim Widmann

Petra Kelly und Gert Bastian waren in den 80er Jahren die wichtigsten Verbündeten der DDR-Friedensbewegung in der bundesdeutschen Linken. Während sich die SPD nach dem alten Rezept «Wandel durch Annäherung» mit der SED einließ und die Mehrheit der Grünen nicht so recht wusste, wie sie sich zum anderen deutschen Staat stellen solle, näherten sich Kelly und Bastian dem Wandel in der DDR an, wo er tatsächlich geschah. Sie reisten häufig nach Ost-Berlin, verschafften der Friedens- und Bürgerbewegung Material und Technik für ihre Publikationen und, wichtiger noch, Popularität im Westen.

Ständiger Begleiter
Der frühere Bundeswehr-General Bastian, in der Bundesrepublik durch seinen Seitenwechsel eine so umstrittene wie respektable Persönlichkeit, trat in den mit dürftigen Mitteln halbwegs wohnlich gestalteten Altbau-Wohnküchen der Opposition in Ost-Berlin eher als der ständige Begleiter Petra Kellys in Erscheinung. Während Kelly sich an den lebhaften Debatten dort sehr stark beteiligte, wirkte Bastian «immer etwas müde», erinnert sich Katja Havemann, eine der Gründerinnen von «Frauen für den Frieden» und des «Neuen Forums». Kelly, eine ungewöhnlich lebhafte, warmherzige und eloquente Frau, war auf internationalen Friedenskonferenzen eine starke Botschafterin der DDR-Friedensbewegung. Auf jenen Konferenzen pflegte die DDR mit Repräsentanten vertreten zu sein, die den Sozialismus gemäß seiner Selbstdarstellung als «Friedensmacht» darstellten.

Wie heute bekannt ist, hatten West-Mitarbeiter der Stasi den Auftrag, der Friedensbewegung in der Bundesrepublik einen antiamerikanischen Einschlag zu geben. Das war leicht angesichts der martialisch auftretenden Reagan-Regierung. Die nichtstaatlichen «Frauen für den Frieden», die «Initiative für Frieden und Menschenrechte» und die vielen kleineren Gruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche in der DDR dagegen sahen keinen Unterschied zwischen den in der DDR stationierten sowjetischen «SS 20»-Raketen und den «Pershings» der USA in der Bundesrepublik. Sie wurden zu den internationalen Konferenzen der Friedensbewegung eingeladen, durften jedoch nicht reisen, zuletzt nicht einmal mehr ins sozialistische Ausland.

Popularität im Westen
Prominente Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley und Gerd Poppe waren auf Kelly als Vertreterin ihrer Sache angewiesen. Sie verschaffte ihnen auch jene Popularität im Westen, die sie, wenn schon nicht vor Schikanen der Staatsmacht, so doch vor politischen Strafverfahren schützte.

Die DDR wagte es nicht, mit populären Bürgerrechtlern so umzugehen, wie sie mit Unbekannten zu verfahren pflegte: Kriminalisierung, Haft. Sie war auf internationale Anerkennung angewiesen, schon wegen ihrer wachsenden ökonomischen Probleme. Als Bärbel Bohley in Haft genommen wurde, war es Petra Kelly, die im Westen gegen diese Maßnahme Stimmung machte und sogar Regierungen zu Appellen mobilisierte.

Bohley wurde ohne Prozess ins Ausland abgeschoben, später aber wieder in die DDR gelassen - eine Sensation ohne Beispiel. Das Regime fürchtete eine Neuauflage des vernichtend schlechten Bildes, das zehn Jahre zuvor nach der Ausbürgerung des kritischen Liedermachers Wolf Biermann und durch den Hausarrest gegen den Bürgerrechtler Robert Havemann in aller Welt von der DDR gezeichnet worden war.

«Zersetzung»
Kelly stieß mit ihrem Engagement auf viel Kritik und Unverständnis in der westeuropäischen Linken. Das Gerücht, ihr Lebensgefährte Bastian sei ein Spitzel, tauchte schon Ende der 80er Jahre auf, möglicherweise zur «Zersetzung» gestreut von Stasi-IM in Oppositionskreisen. Dort wurden Inoffizielle Mitarbeiter eingesetzt, um Freundschaften und politische Verbindungen durch derlei Desinformation zu zerrütten. In manchen Oppositionsgruppen waren gegen Ende der 80er Jahre die IM in der Mehrzahl. Einige von ihnen gehörten aus Tarnungsgründen - oder weil sie «gespaltene Persönlichkeiten» waren, wie Alt-Oppositionelle heute mutmaßen - zu den profiliertesten Akteuren der Bewegung, etwa Ibrahim Böhme oder Wolfgang Schnur.

Als die Stasi-Akten zugänglich wurden, begann auch die Suche nach Hinweisen auf eine Stasi-Mitarbeit Bastians. Die Spekulationen über ihn erhielten neue Nahrung durch das mysteriöse Ende des Ex-Generals und seiner Lebensgefährtin: Bastian tötete Kelly am 1. Oktober 1992 und richtete die Waffe dann gegen sich selbst. Er habe das getan, weil er die Offenlegung außerordentlich peinlicher Wahrheiten fürchte, mutmaßten nicht wenige. Die Nachforschungen führten aber mangels Akten zu nichts.

Intensiv ausgeforscht
Die vom amerikanischen Geheimdienst verschleppten, seit 2003 wieder in Deutschland verfügbaren und nunmehr offenen so genannten «Rosenholz»-Akten über die West-Aktivitäten der Staatssicherheit entkräften den Verdacht gegen Bastian. Laut einem Bericht der «Welt» geht aus den Akten hervor, dass die Stasi Bastian seit 1965 intensiv ausgeforscht hatte. Bastian war auch Mitglied der mit jährlich 100.000 DM (rund 51.000 Euro) durch die Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit geförderten Organisation «Generale für den Frieden», einer Gründung von 1981, die angeblich auf Initiative östlicher Geheimdienste entstand. Laut «Welt» geht aus den Rosenholz-Akten jedoch klar hervor, dass Bastian zwar der Aufklärung halber ständig unter Beobachtung stand, niemals jedoch der Stasi Bericht erstattete oder als Mitarbeiter geführt wurde.

Für ehemalige DDR-Oppositionelle bedeutet diese Nachricht eine Genugtuung. Die Stasi hatte so viele ihrer vermeintlichen Freunde korrumpiert, dass Beweise für Bastians Mitarbeiterschaft eine weitere traurige Gewissheit gebracht hätten. Dass er, wie sie sagen würden, «echt» war, ist dagegen ein kleiner Sieg gegen Mielkes Truppen.