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«Zentralrat der Juden muss sich den Liberalen öffnen»

12. Apr 2004 20:00, ergänzt 13. Apr 2004 07:55
Julius Schoeps, Vize-Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin
Nach Ansicht des Vize-Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlin, Schoeps, sollten alle jüdischen Gruppen in Deutschland öffentliche Mittel erhalten. Sonst drohe die Spaltung des deutschen Judentums, sagte er der Netzeitung.

Thema: Streit um Förderung
Der Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Julius Schoeps, hat den Zentralrat der Juden in Deutschland aufgefordert, sich den liberalen Gemeinden zu öffnen. Im Gespräch mit der Netzeitung sagte er: «Wenn man das Prinzip der Einheitsgemeinde künftig noch vertreten will, so darf man sich nicht abschotten«.

Das Interview im Wortlaut:

Netzeitung: Herr Schoeps, der Bund hat sich vertraglich verpflichtet, den Zentralrat der Juden in Deutschland mit drei Millionen Euro jährlich zu fördern. Die liberalen Juden in Deutschland, die nicht dem Zentralrat angehören, sind von dieser Unterstützung ausgeschlossen. Ist das fair?

Julius Schoeps: Wenn ich den Sachverhalt richtig beurteile, dann waren und sind die Vertreter des Bundes der Ansicht, dass auch die liberalen Gruppierungen an den Geldern beteiligt werden sollen. Der entstandene Konflikt scheint mir unnötig zu sein. Er könnte ohne weiteres behoben werden, wenn man sich dazu durchringen würde, sich an einen Tisch zu setzen und miteinander zu reden.

Netzeitung: Die «Weltunion der progressiven Juden» beklagte inzwischen schriftlich gegenüber dem Bundeskanzler eine Diskriminierung des liberalen Judentums. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Schoeps: Ich würde das nicht Diskriminierung, sondern ein klassisches Missverständnis nennen, das zwischen dem Zentralrat und den 13 liberalen Gemeinden mit ihren zirka 3000 Mitgliedern aufgebrochen ist. Der Zentralrat erklärt, er vertrete das Prinzip der Einheitsgemeinde, während die Liberalen der Ansicht sind, sie würden vom Zentralrat ausgegrenzt.

Netzeitung: Wie ist es zu erklären, dass Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats, einerseits sagt, der Zentralrat stehe für ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Richtungen im Judentum, andererseits der «Union» vorwirft, nur liberale Juden zu vertreten, orthodoxe und konservative aber auszuschließen?

Schoeps: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Zentralrat erklärt, er würde alle Gruppierungen des Judentums vertreten, akzeptiert aber nicht die in den letzten Jahren entstandenen liberalen Gemeinden. Die Versuche dieser Gemeinden, mit dem Zentralrat in ein Gespräch einzutreten, wurden seitens des Zentralrats in den letzten Jahren abgeblockt. Dahinter steckt meines Erachtens die Obsession, die Mitglieder der liberalen Gemeinden seien eigentlich keine Juden. Das halachische Religionsprinzip, so wird argumentiert, könnte auf sie nicht zur Anwendung gebracht werden, demnach Jude nur ist, wenn die Mutter Jüdin ist.

Netzeitung: Paul Spiegel hat in der «Jüdischen Allgemeinen» geschrieben, die «Union» schließe qua religiösem Selbstverständnis orthodoxe und konservative Juden aus. Hat er Recht?

Schoeps: Das stimmt einfach nicht. Ein Orthodoxer käme niemals auf die Idee, Mitglied einer liberalen Gemeinde werden zu wollen. Liberale hätten mit der Aufnahme Orthodoxer, oder Konservativer aber kein Problem. Sie erklären sich offen für alle Strömungen im Judentum.

Netzeitung: Spiegel sieht aber deutliche Gegensätze: Er nennt die Rabbinerausbildung, die an der «Hochschule für jüdische Studien» in Heidelberg in der Trägerschaft des Zentralrats durchgeführt wird. Diese Ausbildung, sagt er, stünde im Gegensatz zu der am liberalen «Abraham Geiger Kolleg» in Potsdam durchgeführten Ausbildung allen Richtungen offen. Was sagen Sie dazu?

Schoeps: Die Rabbinerausbildung am «Abraham Geiger Kolleg» steht für eine Ausbildung von liberal bis konservativ. Jeder, der in Potsdam eine Ausbildung absolviert, kann sich nach dem Abschluss entscheiden, für welche Richtung er optiert. Auch hier, so meine ich, bestehen Missverständnisse, die der Klärung bedürfen. Fest steht, das ist wohl auch die Ansicht von Paul Spiegel, dass eine Rabbinerausbildung in Deutschland notwendig ist. Wenn sie an verschiedenen Stellen erfolgt mit jeweils unterschiedlichen Ausrichtungen, umso besser. Wenn der Zentralrat eine Rabbinerausbildung in Heidelberg etablieren will, so ist das zu begrüßen. Konkurrenz belebt, wie es so schön heißt, das Geschäft.

Netzeitung: Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, wie ist es dann zu erklären, dass Paul Spiegel dennoch deutliche Unterschiede sieht?

Schoeps: Wie schon gesagt, ich bewerte das als ein großes Missverständnis. Wenn Paul Spiegel sich einmal die Mühe machen würde, die Universität Potsdam zu besuchen, dann würde er zum einen feststellen können, dass dort mehr als 400 Studenten aus aller Welt, «Jüdische Studien» studieren und dass die Studenten, die sich für eine Ausbildung zum Rabbiner entschieden haben, sich nicht sehr unterscheiden von den Studenten, die an der «Hochschule für Jüdische Studien» in Heidelberg studieren. Interessant ist, dass in den letzten Jahren zahlreiche Studenten von Heidelberg nach Potsdam, übergewechselt sind.

Netzeitung: Besteht das Dilemma des Streits vielleicht auch darin, dass Paul Spiegel gar nicht einsehen mag, dass sich die «Union progressiver Juden» ausgegrenzt fühlt, weil er der Ansicht ist, der Zentralrat vertrete Liberale ebenso wie Orthodoxe?

Schoeps: Das Problem scheint mir zu sein, dass die Gemeinden sehr unterschiedlich strukturiert sind. Es gibt große Gemeinden wie Berlin, die alles abdecken - von liberal und egalitär bis orthodox. Dann gibt's aber ganz kleine Gemeinden in Deutschland, die sich nur orthodox oder traditionell definieren. Dort ist kein Platz für Liberale. Vor einer vorschnellen Einschätzung sollte man sich hüten. Es gibt Orte in Deutschland, wo zwei Gemeinden in einer Stadt sind. Hameln beispielsweise. Dort gibt es eine Einheitsgemeinde aber auch eine liberale Gemeinde. Große Unterschiede gibt es zwischen den beiden Gemeinden nicht.

Netzeitung: Angesichts des Konflikts zwischen Zentralrat und «Union» fragt man sich aber schon, worin sich die liberalen Juden, die im Zentralrat organisiert sind von denen, die der «Union» angehören, unterscheiden?

Schoeps: Die liberalen Juden in Deutschland haben in der Einheitsgemeinde nur sehr bedingt einen Platz, weil sich die Einheitsgemeinde zunehmend mehr als eine traditionelle Gemeinde versteht. Sie ist also stärker orthodox ausgerichtet, was bedeutet, dass die Liberalen zunehmend am Rand stehen. Die gegenwärtigen Proteste müssen auf diesem Hintergrund gesehen werden. Die an den Bundeskanzler und den Bundesinnenminister gerichteten Protestschreiben der «Weltunion progressiver Juden», in der immerhin 1,8 Millionen Juden, organisiert sind, sollten ernst genommen werden.

Netzeitung: Wenn die Liberalen keinen Platz in der Einheitsgemeinde haben, wie sollen sie dann an den staatlichen Mitteln beteiligt werden?

Schoeps: Genau darüber wird momentan gestritten. Ich halte den Streit aber für lösbar, wenn beide Seiten bereit sind, darüber miteinander zu sprechen. Es wäre fatal, wenn die Politik in Deutschland es künftig mit mehreren Ansprechpartnern zu tun hätte. Wenn die Liberalen den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erhalten - die Anträge laufen ja, dann hat nicht nur der Zentralrat sondern auch die Politik ein Problem. Die Konsequenz wäre, dass dann nicht mehr der Zentralrat der alleinige Ansprechpartner ist, sondern dass verschiedene Ansprechpartner geben wird. Das ist eine Entwicklung, die ich für problematisch halte.

Netzeitung: Der Grünenpolitiker Volker Beck hat vorgeschlagen, die liberalen Juden ganz unbürokratisch an den staatlichen Zuwendungen zu beteiligen, indem der Zentralrat liberale Gemeinden oder Landesverbände auch ohne Körperschaftsstatus aufnimmt. Was halten Sie davon?

Schoeps: Das kann man ohne weiteres machen. Das ist überhaupt kein Problem.

Netzeitung: Warum sträubt sich dann der Zentralrat so sehr?

Schoeps: Das sind verhärtete ideologisch-religiöse Positionen, um die es hier geht. Ich bin der Auffassung, wenn man das Prinzip der Einheitsgemeinde künftig noch vertreten will, so darf man sich nicht abschotten.

Netzeitung: Wie kann denn nun eine Lösung aussehen? Man hat den Eindruck, das Judentum in Deutschland steht kurz vor der Spaltung.

Schoeps: Ja, in der Tat, wenn nichts passiert, könnte es zu einer Spaltung kommen. Berücksichtigt man, dass sich seit 1990 die Zahl der in Deutschland lebenden Juden vervielfacht hat und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die am schnellsten wachsende in der Welt ist, so es ganz normal, das es zu Ausfächerungen der verschiedenen existierenden Strömungen im Judentum kommt.

Netzeitung: Die «Union» befürchtet, dass der Zentralrat das Problem aussitzen will...

Schoeps: ...andererseits ist die Politik daran interessiert, dass es zu einer Regelung kommt und das Geld seitens des Bundes anteilmäßig auch für die Liberalen zur Verfügung gestellt wird. Man muss sich beispielsweise anschauen, was in dem Staatsvertrag steht. Da ist unter anderem von der Pflege des deutsch-jüdischen Erbes die Rede. Die Liberalen stehen, das muss man deutlich sagen, stärker in der Tradition des deutsch-jüdischen Erbes als der Zentralrat.

Netzeitung: Verstößt der Bund, wenn er sich in den Streit einmischt, nicht gegen das Grundgesetz?

Schoeps: Die Mittel, die nach dem Vertrag zwischen Bundesregierung und Zentralrat jährlich ausgereicht werden, sollten allen Gruppierungen zustehen. Hier ist meines Erachtens vom Zentralrat etwas falsch verstanden worden.

Netzeitung: In dem Vertrag zwischen Bund und Zentralrat ist nicht explizit die Rede davon, dass die liberalen Juden gefördert werden müssen, in der Begründung des Gesetzestextes und in den Protokollen des Bundestages aber schon....

Schoeps: ... ganz eindeutig. Allerdings ist mehrfach von Innenminister Schily im Zuge der Verhandlungen geäußert worden, dass er das so verstünde.

Netzeitung: Noch im April soll es ein Gespräch geben zwischen Bundeskanzler Schröder, Innenminister Schily und Paul Spiegel. Was kann da erreicht werden?

Schoeps: Die Politik sollte darauf drängen, dass man eine Lösung in dem Sinne findet, dass man sich zusammensetzt und miteinander redet. Ich bin sehr dafür, das der Zentralrat auch weiterhin alleiniger Ansprechpartner der Politik sein sollte, aber dann muss er sich auch öffnen gegenüber kleineren Gruppierungen, wie den Liberalen. Die Politik steht auch unter einem gewissen Druck, denn wenn ich die Medienberichte verfolge, wird zur Zeit heftig interveniert aus den Vereinigten Staaten.

Netzeitung: Sie haben also noch die Hoffnung, dass die «Union progressiver Juden in Deutschland» nicht ihre Drohung wahr macht und die Bundesregierung verklagt?

Schoeps: Ich habe die Hoffnung, dass alle vernünftig genug sind, eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Mit Julius Schoeps sprach Dietmar Neuerer

 
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