Antisemitismus-Studie gegen Willen der EU veröffentlicht
03.12.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Cohn-Bendit sagte, eine Nichtveröffentlichung des Berichts wäre schädlicher als eine Veröffentlichung, Demokratie brauche Transparenz und keine aus welchem Grund immer ausgeübte Zensur.
Auf der Basis von Experten- und Betroffenenbefragungen, offiziellen Statistiken und Medienauswertungen in den Staaten der EU kommt die Studie zu dem Schluss, dass der Antisemitismus wachse. Besorgniserregende Entwicklungen gebe es vor allem in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien, wo Juden - auffällig häufig von als Arabern erkennbaren Jugendlichen - körperlich angegriffen und Anschläge auf jüdische Einrichtungen unternommen wurden. In Deutschland und Italien wurden vor allem Verbalattacken in Flugblättern, Hass-Briefen und Telefonanrufen sowie antisemitische Schmierereien registriert.
Ein besonders hohes antisemitisches Potenzial verortet die Studie außer bei Rechtsextremen bei Moslems arabischer Herkunft, «die oft selbst Opfer von gesellschaftlicher Ächtung und Rassismus sind». So waren in den Niederlanden etwa besonders Marokkaner aufgefallen, die für die Palästinenser demonstrierten. Seit 2000 gebe es Anzeichen für die Vernetzung der extremen Rechten mit islamischen Extremisten übers Internet. Auffällige antisemitische Tendenzen erkennen die Verfasser auch bei linken Globalisierungsgegnern und Israelkritikern.
Schon vor ihrer Veröffentlichung hatte die Studie für Debatten gesorgt. Israels Ministerpräsident Ariel Scharon sagte nach ersten Berichten über die Erhebung, die EU müsse stärker gegen antisemitische Tendenzen besonders unter Moslems in ihren Grenzen vorgehen. Scharon bezog sich bei seinen Kommentaren zum Antisemitismus in Europa auch auf eine weitere für ihre Methodik umstrittene Erhebung der EU, derzufolge zahlreiche Europäer Israel für eine Gefahr für den Weltfrieden halten. Er stellte dies in einen Zusammenhang mit der Kritik höchster politischer Kreise in der EU an der neuerdings nahezu vollständig mit Zaun und Mauer befestigten Grenze zwischen Israel und den Palästinensergebieten.
Inzwischen heißt es bei der Wiener Behörde, dass die Informationen, die zu diesen Schlüssen führten, nicht seriös erhoben worden seien.
Tatsächlich problematisieren die Verfasser der Studie das selbst: Es gebe keinen Standard für die Registrierung antisemitischer Vorfälle in den europäischen Staaten; es sei oft schwer, zwischen Antisemitismus und gegen Israel gerichteten Meinungsäußerungen zu differenzieren; und in verschiedenen Staaten seien die Daten auf verschiedene Weise erhoben worden.

