netzeitung.deWallraff weist Stasi-Vorwurf zurück

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Der Journalist Günter Wallraff beteuert, niemals aktiv für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Er spricht von einer Kampagne des Springer-Verlags.

Der Schriftsteller Günter Wallraff setzt sich gegen neue Stasi-Vorwürfe zur Wehr. Die von der «Welt» in ihrer Montagsausgabe erhobenen Vorwürfe, er sei als IM der Stasi für Desinformationskampagnen im Westen eingesetzt worden, seien «absoluter Unfug», sagte Wallraff am Montag der Nachrichtenagentur AP.

Die «Welt» hatte über eine neu aufgetauchte Karteikarte berichtet, auf der Wallraff als aktiver Mitarbeiter der Stasi-Auslandsspionage registriert worden sei. Ein Sprecher der Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen in Berlin sagte am Montag, man habe weiterhin keine Veranlassung zu der Annahme, dass Wallraff Mitarbeiter der Stasi gewesen sei. Schon Mitte der Neunzigerjahre hatte es derlei Vorwürfe gegeben.

»IM mit Arbeitsakte«
Die «Welt» berichtet, auf einer Karteikarte mit der Nummer XV/485/68 seien Wallraffs Klarname sowie sein Geburtsdatum und seine Registrierungsnummer vermerkt. In der zentralen Stasi-Datei (Sira) finde sich unter dieser Registrierungsnummer ein «inoffizieller Mitarbeiter mit Arbeitsakte».

Nach Darstellung der «Welt» war Wallraff im April 1968 als aktiver Mitarbeiter angeworben worden. Bis 1971 habe er unter dem Decknamen «IM Wagner» Unterlagen der Bundeswehr-Offiziersschule Hamburg-Wandsbek und Informationen über biologische und chemische Waffen in Westdeutschland an die DDR weitergegeben, schrieb die «Welt» unter Berufung auf die Stasi-Unterlagen.

Keine Stasikontakte
Wallraff bestreitet, solche Informationen jemals besessen zu haben. Auch habe es nie Anwerbe-Versuche von Seiten der Stasi gegeben. Treffen mit DDR-Offiziellen hätten nur stattgefunden, als er im Rahmen einer Recherche zu NS-Kriegsverbrechen bei einem ostdeutschen Archiv angefragt hatte. Er habe dabei keinen Zweifel daran gelassen, dass er der DDR ablehnend gegenüberstand: «Ich haben denen gesagt, dass ich im Gefängnis oder im Irrenhaus sitzen würde, wenn ich in der DDR leben müsste.»

Tatsächlich gilt es als schwer nachweisbar, wie genau die Staatssicherheit sich bei der Registrierung und »Führung« inoffizieller Mitarbeiter (IM) an die eigenen, der Papierform nach eindeutigen Regeln hielt. Während die Akten die Realität im Rahmen menschlicher Fehlbarkeit korrekt widerspiegeln, so weit sie Fakten erfassen, ist die Zuordnung dieser Informationen zu bestimmten Quellen gelegentlich aus Gründen interner Geheimhaltung schwierig.

»Wirr«
Die klare Bewertung einer IM-Registrierung lässt allein die Dokumentation der IM-Tätigkeit zu, wenn die Informationen, die vom fraglichen IM stammen sollen, ihm nicht eindeutig zugeordnet werden können. In den einschlägigen Akten wurden die Treffs eines IM mit seinem Führungsoffizier, dessen Einschätzung des IM sowie Aufträge an den IM und dessen eigene »operativ verwertbaren« Vorschläge für seine inoffizielle Mitarbeit dokumentiert.

Wallraff beruft sich auf die Stasi-Einschätzung, er hänge wirren anarchistischen Vorstellungen an und sei vom marxistisch-leninistischen Standpunkt nicht zu überzeugen. Diesen Vermerk habe er schriftlich. Dem Springer-Verlag warf Wallraff eine «Rufmordkampagne» vor. Offenbar wolle man alte Rechnungen begleichen. «Bei denen bin ich als Feindbild gespeichert, das grenzt schon fast an Paranoia.»

»Bild« unterwandert
Wallraff hatte in den Siebzigerjahren unter einem falschen Namen in der »Bild«-Redaktion als Reporter gearbeitet und seine Erfahrungen mit den seiner Schilderung nach manipulativen Praktiken des Boulevardjournalismus, wie ihn »Bild« damals betrieb, in einem vielzitierten Buch veröffentlicht.

Der oppositionelle Liedermacher Wolf Biermann hatte nach seiner erzwungenen Ausbürgerung aus der DDR 1976 einige Zeitlang in Wallraffs Wohnung in Köln gelebt, bis er sich schließlich in Hamburg niederließ. (nz)