Ganz ohne Staub aufzuwirbeln, werden in Deutschland derzeit zwölf Kernkraftwerke abgerissen. Dabei weiß niemand, wohin 300.000 Tonnen hochgiftiger Atommüll entsorgt werden sollen.
Männer in gelben Anzügen, mit Handschuhen, Helmen und Stulpen über den Schuhen putzen, reiben, bürsten. Sie spritzen den Beton ab, schaben Farbe von den Wänden, fräsen Stahlträger blank. Alles wird durchgepflügt, Mülltrennung fast wie in der Küche daheim: Der Abfall wandert jedoch nicht in den gelben Sack oder die Biotonne, sondern in Castorbehälter. Das Atomkraftwerk Kahl wird abgerissen.
Die Novelle des Atomgesetzes vom vergangenen Dezember regelt den Atomausstieg in Deutschland. Doch schon längst sind die Abrisskolonnen an der Arbeit. Zwölf Kernkraftwerke werden derzeit in Wiesen umgewandelt. Die Arbeit ist gigantisch. Deutschland wird in den kommenden Jahren zur weltweit größten Müllkippe verschrotteter Atomkraftwerke, die Gesamtkosten summieren sich zum wohl teuersten Abrissprogramm aller Zeiten.
Fast 36 Milliarden Euro haben die privaten Energiekonzerne in den vergangenen Jahrzehnten an steuerfreien Rücklagen gesammelt. Ob das für den Rückbau ausreicht oder ob am Ende vielleicht sogar Geld übrig bleibt, ist völlig unklar.
Grüne Wiese bleibt übrig
Das Problem dabei: Für Forschungsreaktoren und das atomare DDR-Erbe müssen die Steuerzahler direkt aufkommen, von 3,8 Milliarden Euro aus Bundesmitteln ist zur Zeit die Rede. Insgesamt 36 Atomkraftwerke haben in Deutschland seit den sechziger Jahren Strom produziert: - Zwei Forschungsreaktoren, sind bereits vollständig verschwunden. Staatliche Gelder finanzierten den Abriss. - Zwölf Kernkraftwerke werden derzeit abgebaut. Für neun davon zahlt die öffentliche Hand. - Zwei weitere Atomruinen sind vorübergehend zubetoniert, ihre Strahlen für die nächsten 20 bis 30 Jahre im sicheren Einschluss versteckt. Die Sicherung eines dieser Reaktoren lastet auf den Steuerzahlern. - 20 Meiler sind offiziell noch in Betrieb, bis auf einen speisen alle weiterhin Strom in die Netze.
Nicht nur die Laufzeit, auch der Rückbau der Kernkraftwerke zieht sich über Jahre hin. Beispiel Atomreaktor Kahl: Grundsteinlegung 1958, nur drei Jahre später läuft der Meiler auf Hochtouren. Der 1988 begonnene Abriss dagegen benötigt 17 Jahre, 2005 soll nichts als grüne Wiese bleiben. «Bei anderen Kernkraftwerken braucht der Abriss nur noch etwa acht bis zehn Jahre», erklärt Sicherheitsexperte Walter Hackel. «In Kahl erproben wir noch die Techniken». So üben Spezialisten das Zerlegen und Zerkleinern des Kraftwerks und seiner Einzelteile an Modellbauten. Betonhülle und Stahlträger werden zerhackt und zersägt. Erst mit handwerklicher Perfektion wagen sich die Arbeiter dann an das strahlende Original.
Für die komplizierten Techniken bieten die bereits abgerissenen Atomkraftwerke – Niederaichbach und Großwelzheim – keinen Vergleich, erklärt Hackel: «Sie waren nur so kurz am Netz, dass ihr Inventar kaum radioaktiv belastet war». Was bleibt, ist der Müll. Die Entscheidung über den Standort für das Endlager ist noch nicht gefallen. Bis 1999 wurde radioaktiver Abfall in das ehemalige Salzbergwerk Morsleben bei Helmstedt geschüttet. Seitdem warten alle gefährlichen Materialien in Zwischenlagern auf ihre Entsorgung. Experten prüfen, ob die ehemalige Eisenerzgrube Konrad bei Salzgitter oder der Salzstock Gorleben im niedersächsischen Wendland als Endlager in Frage kommen.
Teurer Müll
Frank Musiol vom Umweltverbund Nabu hält diese Gruben für wenig geeignet, «viel besser wären Granitböden, wie man sie im Süddeutschen findet». Sicher ist nur, der gefährliche Dreck muss tief unter die Erde, und das wird teuer. Die Atombetreiber rechnen mit rund 13.000 Euro für einen Kubikmeter radioaktiven Abfall. Sorgfältige Mülltrennung spart deshalb am Ende Geld. Aber der Aufwand ist groß, sagt Manfred Meurer, Sprecher der Energiewerke Nord: «Es soll kein Staub fliegen, es dürfen keine Funken spritzen» – die Strahlung könnte tödlich sein. Doch trotz Mülltrennung, das Volumen des hochgiftigen Abfalls bleibt erschreckend groß: nach Hochrechnung von Experten ein Würfel von 65 Metern Kantenlänge – Dimensionen wie bei einem 25-stöckigem Hochhaus.
Und das ist nicht alles. Rund 90 Prozent des anfallenden Mülls werden die Strahlenexperten wohl als unbedenklich einstufen und freigeben. Dieser «jungfräuliche Schrott», sagt Petra Uhlmann, Sprecherin des Energiekonzerns Eon, soll in den üblichen wirtschaftlichen Kreislauf wandern: Stahl auf den Schrottplatz, Schutt in den Straßenbau. So hinterlassen alleine die fünf Meiler in Greifswald nicht weit von der polnischen Grenze 1,8 Millionen Tonnen Müll. 1,2 Millionen Tonnen davon sind Gebäudestrukturen. Ohne den strahlenden Kern hätte die Anlage an der Ostsee «auch einfach eine Marmeladenfabrik sein können», erklärt Werkssprecher Meurer, der sich für Mecklenburg-Vorpommern «eine riesige Autobahn» wünscht: «Dann könnten wir den sauberen Abfall ins Fundament schütten».