Manchmal lässt sein Gedächtnis Schröder im Stich
28.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Wer schreibt, der bleibt! Alte Erfahrung. Und so genießt der Bestseller-Autor Gerhard Schröder sein neues Schriftstellerdasein.
Am Mittwoch schlenderte er mit Familie und Hund in Berlin-Mitte die Wilhelmstraße entlang, blieb vor der Parlamentsbuchhandlung im Haus 68a stehen. Deren Inhaber, Herr Maderspacher, der schon in Bonn neben dem «Langen Eugen» Bücher verkaufte, hatte ein ganzes Schaufenster mit Exemplaren der Schröder-Autobiografie «Entscheidungen - Mein Leben in der Politik» dekoriert.
Ein gefälliges Schmunzeln ging über das Gesicht des Ex-Kanzlers. Nur sein Bordierterrier «Holly» kläffte wütend gegen die Scheibe, weil ihn der Golden Retriever des Buchhändlers in Wallung brachte.
Mit in ganz Deutschland bereits vor der Buchpräsentation 120.000 ausgelieferten Exemplaren versprechen die Schröder-Memoiren ein Hit zu werden. Interessant allein ist schon, welche Themen er aussparte, welche Vorkommnisse er schönte, wen er erwähnte, wenn er verschwieg? Ja, er räumt sogar Fehler ein!
«Ich habe zu spät gesehen, dass die täglich von der Opposition wiederholte Behauptung, Sozialdemokraten könnten bekannterweise nicht mit Geld umgehen, ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlte», schreibt er auf Seite 437. Als seine Regierung von dem ursprünglichen Ziel der Haushaltskonsolidierung abrückte, im Finanzministerium eine Giftliste' zum Subventionsabbau zirkulierte, da hätten er und Hans Eichel sich besser absprechen müssen. «Das habe ich versäumt, und damit war es nicht zuletzt mein Fehler, dass wir diesen Einstieg so öffentlichkeitswirksam verstolpert haben.»
Wiewohl er behauptet, sein Schriftstellerwerk sei keine Abrechnung mit früheren Gegnern - ein paar Sticheleien konnte er sich nicht verkneifen. «Dröhnende Banalitäten des Vorsitzenden der FDP und der komödiantenhafte Auftritt des Bayern Michael Glos», beschreibt er eine Haushaltsdebatte.
Westerwelle und Glos tauchen in seinem Buch überhaupt nur einmal auf, der Oberterrorist Osama Bin Laden dagegen viermal. Seine Ex-Frauen bleiben unerwähnt, nicht dagegen seine vier Geschwister: Gunhild, die sich um seine inzwischen über 90-jährige Mutter Erika kümmert; Heiderose, eine ehemalige Schuhverkäuferin, heute Bürokauffrau; Ilse, eine Sozialpädagogin, und der aus zweiter Ehe seiner Mutter stammende Halbbruder Lothar. «Problematisch wurde es, als er in die Hände gewissenloser Geschäftemacher fiel, die sich als Literaturagenten ausgaben und ihn veranlassten, über mich zu schreiben. Ich musste zu ihm den Kontakt abbrechen.»
Und dann bringt Schwester Ilse noch die Mutter, «die im Leben nie etwas anderes als Sozialdemokraten gewählt hat» (Schröder), dazu, bei einer Kommunalwahl für die Grünen zu stimmen! Sohn Gerd: «Die Menschen in meiner Familie haben es sich und ihren Angehörigen nicht immer einfach gemacht - und das gilt auch für mich.»
Manchmal lässt ihn sein Gedächtnis im Stich. Etwa wenn er ab Seite 373 seine erste Berliner Unterkunft, das Gästehaus der Bundesregierung im vornehmen Berliner Stadtteil Dahlem, Pücklerstraße 14, beschreibt, aber hinzufügt, dass «ein Umzug der Familie nach Berlin nie ernsthaft erwogen worden war»
Tatsache ist, dass er und seine Frau Doris im November 1999 mich durch das 10-Zimmer-Haus, eine Jugendstil-Villa aus dem Jahre 1913 führten («Doris, wie macht man die Terrassentür auf?») und schwärmte: «Hier werde ich nach dem Regierungsumzug mit Familie wohnen.» Wörtlich!
Zugegeben ein Klacks in der Bilanz einer fünfjährigen Kanzlerschaft. Aber trotzdem drängt sich die Frage auf: Stimmt denn alles andere?
«Memoiren sind eine Verleitung, die eigene Nase schöner zu machen», befand einmal sein sozialdemokratischer Amtsvorvorgänger Helmut Schmidt. Er brachte zwar nach dem Ausscheiden gut ein halbes Dutzend Bücher zu Papier - zum Beispiel «Die Mächte der Zukunft» (Siedler), aber keine Memoiren im eigentlichen Sinn!

