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Roberto Bolaño
Gauchos im Morgengrauen
Foto: sololiteratura.com
«Wer könnte mein Entsetzen besser verstehen als Sie?» Die Prosa des Chilenen Roberto Bolaño erinnert an Anton Tschechow. Lakonisch breitet sie die Sorgen und Nöte des Schriftstellertums aus.
 
Von Manuel Karasek

Seit kurzem erst pflegen diese beiden ihren Briefkontakt. Ein junger Mann, Ende 20, und Ich-Erzähler der ersten Geschichte in Roberto Bolaños neuem Erzählband «Telefongespräche». Und der argentinische Schriftsteller Sensini, den man bereits als erfahrenen Schreiber bezeichnen kann. Sensini ist etwa 50 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Regelmäßig beteiligen sich die beiden an Literaturwettbewerben, die sie manchmal gewinnen, was dann bescheidene Preisgelder in der Höhe von zwei Monatsmieten zur Folge hat. Manchmal aber belegen sie auch nur den dritten Platz, dann reicht das Geld für ein Essen. Als Sensini allmählich Vertrauen zu seinem neuen Brieffreund gefasst hat, gesteht er ihm, dass er gelegentlich auch ein und dieselbe Erzählung unter verschiedenen Titeln abschickt.

«Als Beispiel erwähnte er seine Erzählung Im Morgengrauen ... Am ersten und bestdotierten Wettbewerb nahm Im Morgengrauen als Im Morgengrauen teil, dem zweiten Wettbewerb präsentierte er die Erzählung als Die Gauchos, im dritten Wettbewerb trug sie den Titel In der anderen Pampa, und im letzten hieß sie Ohne Reue. Er gewann den zweiten und vierten Wettbewerb.» Sensini empfiehlt seinem jungen Freund dieselbe Methode. Eigentlich müsse man nur darauf achten, dass in der Jury nicht stets die gleichen Leute säßen. Doch selbst darüber brauche man sich keine allzu großen Sorgen zu machen, denn die Jurymitglieder läsen die eingesandten Texte schließlich nur oberflächlich oder gar nicht.

Was ist der Viszeralismus?

Diese Geschichte zweier südamerikanischer Literaten ist typisch für das literarische Universum des Chilenen Roberto Bolaño. Er wuchs in Mexiko auf und verbrachte einen Großteil seines Lebens in Barcelona. Die Figuren, von denen Bolaño erzählt, haben sich zumeist für den Beruf des Schriftstellers oder Dichters entschieden – zumeist handelt es sich um arme Poeten. Manchmal sind es Jungs von gerade einmal 17 Jahren, die von der Schriftstellerei träumen, so der Ich-Erzähler Juan Garcia Madero in dem 1998 erschienenem Roman „Die wilden Detektive“. Für dieses Buch erhielt Bolaño den bedeutendsten Literaturpreis Lateinamerikas, den nach einem venezolanischen Schriftsteller genannten «Premio Romulo Gallegos».

Der Held dieses knapp 800 Seiten langen Epos lernt in Mexiko City eine Gruppe von jungen Dichtern kennen – die meisten von ihnen Studenten, die den «viszeralen Realismus» gegründet haben, eine lyrische Bewegung, die sich vor allem gegen den mexikanischen Literaturnobelpreisträger Octavio Paz richtet. Kein Mensch weiß so recht, was der «Viszeralismus» eigentlich ist, und auch die Mitglieder der Gruppe können dazu keine genauere Auskunft geben. Von hier aus breitet Bolaño ein brillant gewobenes Handlungsnetz aus. Geschickt und temporeich schleust der Autor die Liebesgeschichten seines Protagonisten in den Plot. Bolaños Beischlafszenen sind an Beschreibungslust kaum zu überbieten. Der Leser spürt die jugendliche Erschütterung und die Unbekümmertheit der Figuren, die meisten sind zwischen 17 und 22 Jahren alt.

Lakonie mit doppeltem Bodem

Auf den ersten 200 Seiten dieses umfangreichen Romans wird die Geschichte einer kürzlich verstorbenen Dichterin angerissen – sie wurde gerade einmal 17 Jahre alt. Angeblich war sie die Gründerin des «Viszeralismus». Im zweiten Teil des Romans umkreist Bolaño dieses Mysterium aus verschiedenen Perspektiven, setzt mehrere Ich-Erzähler ein und durchmisst dabei einen Zeitraum von über 30 Jahren. Von 1975 bis 1996 spielt der Roman in Paris, Tel Aviv und Barcelona. Angesichts dieses kühnen literarischen Unterfangens wurde der Schriftsteller von der Kritik mit Julio Cortazar verglichen, der eine Ikone der argentinischen und lateinamerikanischen Literatur ist. Größeres Lob ist in der spanischsprachigen Buchwelt kaum möglich.

Ähnlich wie Cortazar belastet auch Bolaño seine Sprache nicht mit komplizierten Vokabeln oder gewagten Metaphern. «Die Geschichte hat sich in Frankreich abgespielt» – so simpel beginnt eine seiner Erzählungen. Und doch hat diese Schlichtheit stets einen doppelten Boden. In der zweiten Geschichte seines Erzählbandes geht es um Henri Simon Leprince, von dem es heißt: «Natürlich ist er ein gescheiterter Schriftsteller, das heißt, er schlägt sich in der Pariser Boulevardpresse durch und veröffentlicht Gedichte – die die schlechten Dichter schlecht finden und die guten nicht einmal lesen.»

Immer stumm, immer verfügbar

In den Kriegsjahren wird Leprince zum unfreiwilligen Helden. Mutig versteckt er Schriftsteller, die mit der Resistance verbunden sind, vor der Gestapo. Die Ironie dabei ist, dass die meisten Autoren, denen Leprince das Leben rettet, vor dem Krieg erfolgreiche Schriftsteller gewesen waren: «Für letztere stellt Leprince ein Rätsel und eine Überraschung dar. Schriftsteller, die vor der Kapitulation eine gewisse Berühmtheit genossen und für die Leprince gar nicht existiert hatte, treffen jetzt an allen Ecken und Enden mit ihm zusammen, und was schlimmer ist, sie sind bei ihren Fluchtplänen oder ihrem Untertauchen auf ihn angewiesen.»

Mit Leprince zeichnet Bolaño eine zerrissene Figur: «Manchmal macht Leprince in Gedanken sein Gesicht, seine Ausbildung, seine Einstellung, seine Lektüren» für die nahezu unterirdische Reputation seines Werkes verantwortlich. Gespenstischerweise sagt ihm eine junge Autorin: «Sie erinnern mich an den Unsichtbaren, immer stumm, immer verfügbar.» Und später fügt sie unverblümt hinzu, er müsse als Schriftsteller inkognito bleiben und dafür sorgen, dass seine Literatur nicht sein Gesicht reproduziere.

Kriminalbeamte, Models, Pornodarsteller

Darin findet Leprince schließlich seine Erlösung. Nach dem Krieg hat er sein Los «als schlechter Schriftsteller endlich akzeptiert ... Er weiß, dass er, in dem er einigen guten Schriftstellern das Leben rettete, sich verdientermaßen das Recht erworben hat, Manuskriptseiten voll zu kritzeln und sich zu irren.» Man mag diese Art von Literatur, in der es nur um schreibende Menschen geht, als selbstreferentielle Therapie deuten, denn Roberto Bolaños Durchbruch auf dem spanischen Buchmarkt kam spät. Gerade einmal fünf bis sechs Jahre konnte der mit 50 Jahren verstorbene Autor diese Anerkennung genießen. Man kann seine Figuren, diese zahlreichen Schriftsteller, als Alter Egos des Chilenen begreifen – je schlechter sie sind, desto amüsanter werden Bolaños Erzählungen.

Was seine Figuren erleben und wie sie miteinander kommunizieren, all das scheint Bolaño selbst erlebt zu haben, und dennoch wirken seine Erzählungen nicht autobiographisch. Dies ist ein Verdienst seines wunderbaren Erzähltones – von Christian Hansen gekonnt übersetzt. Es ist aber auch der Menschenkenntnis Bolaños zuzuschreiben. Schließlich geht es in dem Erzählband «Telefongespräche» nicht ausschließlich um die Berufsgruppe des Schriftstellers. Es tauchen Kriminalbeamte, ehemalige Models und Pornodarsteller auf. Zwei der schönsten Erzählungen dieses Bandes spielen in Russland, eine davon ist eine hinreißende Liebesgeschichte zwischen einer Hochspringerin und dem Gehilfen eines Mafiabosses. Bolaños Ton, seine absichtliche, aber wohl schwer erarbeitete Schlichtheit, erinnert an Anton Tschechow. Ein Zitat dieses russischen Autors steht dem Buch als Motto voran: «Wer könnte mein Entsetzen besser verstehen als Sie?» So vieldeutig dieser Satz ist, so vieldeutig sind Bolaños’ Erzählungen.

Roberto Bolaño: Telefongespräche. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Carl Hanser Verlag 2004, 235 Seiten. 19, 90 Euro

Roberto Bolaño: Die wilden Detektive. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. DTV 2004, 780 Seiten. 15 Euro


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