Arno Schmidt Gespräche aus der Schweigezelle  | Arno Schmidt in Bargfeld | | Foto: arno-schmidt-stiftung.de |
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Arno Schmidt galt als menschenscheuer Schriftsteller und Monologisierer. Seine Radioessays schlagen einen anderen Weg ein. Erinnerung an eine kulturelle Großtat der ARD.
Von Ronald Düker«Man sollte einen Schriftsteller nie persönlich kennen lernen.» Das lässt der Schriftsteller Arno Schmidt ganz trocken und resigniert vom Sprecher eines Radioessays verkünden, den er 1956 für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart geschrieben hatte. Im Kontext gilt dieser Satz dem Autor Karl May, der sich durch großmäuliges Schwadronieren und Angebereien überall lächerlich gemacht hatte und zu einer Art gesellschaftlichem Ungetüm geworden war. May neigte zur Verbreitung von Ammenmärchen, wie den Plan seiner soundsovielten Reise nach Amerika, wo die Stellung des kürzlich verstorbenen Häuptlings Winnetou vakant geworden sei, und er, Karl May höchstselbst, die Führung über zigtausend Apachenindianer antreten könne – wenn er nur wollte. Arno Schmidt könnte aber, wenn er von einer Bekanntschaft mit Schriftstellern abriet, ebenso gut auch sich selbst gemeint haben. Und zwar nicht nur in dem vordergründigen Sinne, dass der Autor, der in der Abgeschiedenheit der Lüneburger Heide seine uferlosen Lektüren und eine ebenso uferlose literarische Produktion betrieb, sich auf gesellschaftlichem Parkett höchst unwohl fühlte. Denn die Einsamkeit, zu der Schmidt einen Schriftsteller gleichsam von Berufswegen verdammt sieht, hat auch ihr Gutes, sie ist die Bedingung der Möglichkeit großer Literatur. Wenn Schmidt also über May spricht, dann gerät er ihm zum poetologischen Paradefall.
Ungefährlich und unschätzbar Schon die Biografie des sächsischen Romanciers unterfüttert Schmidts These mit wohlfeilem Material. 1842 als Sohn ärmlicher Weber geboren («wenn die Leinenpreise sinken, wird Unkraut von den Schutthalden gekocht») erblindet der mangelernährte Karl May als Kind für ganze vier Jahre. Später fügt er dieser physiologischen Isolationserfahrung eine durch und durch gesellschaftliche hinzu: Aufgrund mehrerer Diebstähle geht May für insgesamt acht Jahre hinter Gitter.
 | Karl May | | Foto: karl-may-stiftung.de |
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«Wichtig für uns», sagt Schmidt, «hier wieder: Dass er erneut viele grässliche Jahre in Lagen geriet, in denen nur die Flucht in extremste, auch räumlich entlegenst lokalisierte Gedankenspiele ihm ein Überleben ermöglichte. Vollkommenheiten, in denen das Leben versagt, muss die Phantasie liefern. In der Einsamkeit der Schweigezelle spaltet sich für immer seine Persönlichkeit. Stundenlang täglich unterhielt er sich halblaut mit seinen Figuren.» Wir haben es hier mit nichts weniger als der Geburt eines Autors zu tun: «Ungefährlich, ja unschätzbar sind solche Typen in der Einsamkeit, wo ihr Überschuss an Bildkraft und Geltungsbedürfnis sich literarisch emanieren kann.»
Die guten Gedanken kommen hinterher Wo es im Falle Karl Mays die Gefängniszelle war, die ihn als Dieb ungefährlich und als Autor unschätzbar machte, war es im Falle Arno Schmidts die Abgeschiedenheit seines Bargfelder Häuschens, in der seine Fiktionen gedeihen konnten und zugleich verhindert wurde, dass der Autor seinen Aggressionen gegen das vermuffte Nachkriegsdeutschland zu anderen als literarischen Abfuhren verhalf. Sein Kurzroman «Schwarze Spiegel», 1951 bei Rowohlt erschienen, lässt sich schließlich auch als Gewaltfantasie gegen die als unerträglich empfundene Heimat lesen. Der Text strotzt vor «Bildkraft und Geltungsbedürfnis» und erzählt von den beiden einzigen Überlebenden eines Atomkriegs in Mitteleuropa: Ausgerechnet in der Lüneburger Heide leben sie in einer von jeder menschlichen Nachbarschaft bereinigten Zone, nur befasst mit sich selbst und ihren Büchern. Auch der Autor dieser morbiden Idylle hatte abgesehen von seiner Frau nur mit wenigen Menschen Kontakt und wollte vor allem seine Ruhe haben.«Diskussionen» schreibt Schmidt in seiner Erzählung «Aus dem Leben eines Fauns», haben «lediglich diesen Wert: dass einem gute Gedanken hinterher einfallen.» So ist es kaum verwunderlich, wenn Schmidts Werk, wie sein Herausgeber Bernd Rauschenbach anmerkt, überwiegend monologischer Natur ist. «Gespräch oder Diskussion als Erkenntnismittel gibt es in Schmidts Romanen und Erzählungen vor ZETTEL'S TRAUM jedenfalls so gut wie nicht.» Die Radioessays, von denen Schmidt in den Jahren 1955 bis 1961 elf Stück produziert hat, stellten in dieser Hinsicht eine Ausnahme oder doch zumindest einen Spezialfall dar.
Inszenierte Selbstgespräche «Nachrichten von Büchern und Menschen. Elf originale Radio-Essays» heißt die CD-Sammlung, mit der das Klassiklabel «cpo-ton» Schmidts Sendungen nun wieder zugänglich gemacht hat. Gegenstand einer jeden Folge ist in der Regel ein einzelner Autor der Weltliteratur: Karl Philipp Moritz, Charles Dickens, Ludwig Tieck, James Joyce, Karl May und andere - eine höchst subjektive Auswahl also, die der große Leser Arno Schmidt anhand seiner persönlichen Lieblingslektüren getroffen hat. Es entsteht dabei eine Art emphatischer Literaturwissenschaft, eine detail- und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk, der anzumerken ist, dass sich Schmidt gleichsam als Kollege für die biographischen und poetologischen Voraussetzungen seiner prominenten Kollegen interessiert. Dabei hält er stets die Balance, niemals spricht Schmidt nur als Philologe, niemals nur als Literat.Es hat vielleicht mit dieser Zwischenstellung, dieser nicht zu Ende entschiedenen Position des Autors zu tun, dass die Radioarbeiten nach einer dialogischen Form geradezu drängten. Zwischen zwei und fünf Sprecher sind an den jeweiligen Produktionen beteiligt. Sie lesen in verteilten Rollen einen Text, der sich mal mehr, mal weniger nach einem Gespräch anhört. Am ehesten handelt es sich wohl um hörspielhaft inszenierte Selbstgespräche, so wie sie auch der arme Karl May in seiner Zelle geführt haben mag. Gleichsam innere Dialoge, die eine Ahnung davon vermitteln, wie vielstimmig dieser große Einzelgänger aus Bargfeld gedacht und phantasiert hat.
Keine Ahnung von F&F&F Schmidt hatte bei all dem eine übergenaue Vorstellung davon, wie seine Manuskripte in ihrer gesendeten Fassung zu klingen hatten. Alfred Andersch, der die Redaktion «Radio Essay» des Süddeutschen Rundfunks leitete und Schmidt im Juni 1955 zum ersten Mal mit einer solchen Produktion betraute, konnte bald ein Lied davon singen. Denn der Autor lieferte nicht nur den nackten Text, sondern auch akribische Sprechanleitungen: Mal sollte eine Stimme «lehrhaft dozierend, professional grämlich» klingen, mal «schwung- und arienhaft». An anderer Stelle wünschte der Autor sich eine «helle, geisterhaft-erstaunte Stimme.» Andersch war bereits pragmatischeres Arbeiten gewohnt und reagierte auf solches Ansinnen dementsprechend entgeistert. Schmidts anschließende Entschuldigung: «Ich verstehe ja an sich gar nichts von Film, Funk und Fernsehen (F&F&F) und habe die verschiedenen 'Stimmen' nur so eingesetzt, wie ich es mir aus der jeweiligen Situation heraus dachte, und wie es vielleicht einer 'idealen' Sendung entspräche.»Dass der Idealist Schmidt das Wort Stimmen in Anführungszeichen setzt und sich auch eine ideale Sendung nur unter solchen vorstellen kann, zeigt das verbliebene Misstrauen ins Medium – wir erinnern uns: «Vollkommenheiten, in denen das Leben versagt, muss die Phantasie liefern.» Von den vielleicht enttäuschten Ansprüchen des ohnehin verschrobenen Schriftstellers aber einmal abgesehen: Diese Funkessays sind ein literarischer Schatz und zugleich ein Dokument einer längst vergangen Epoche des deutschen Kulturradios. Andersch, Heißenbüttel, Lenz, Walser, Enzensberger – allein die Liste, der an den Schmidt-Sendungen beteiligten Redakteure und Regisseure lässt erahnen, wie vorbildlich die ARD in den fünfziger Jahren ihren Kulturauftrag erfüllte. Eine ganze Generation maßgeblicher Autoren wurde damals aus öffentlicher Hand subventioniert. Arno Schmidt: Nachrichten von Büchern und Menschen. Elf originale Radio-Essays, cpo-ton, 12 CDs, 748 Min., 49,50
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