Amos Oz:
Nicht vom Meer geboren
21.10.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Kommentarlos und ohne Vorwarnung erscheint das Foto auf den letzten Seiten des Buchs. Es ist eine Studioaufnahme aus dem Jerusalem der Fünfziger und zeigt das elementare Dreieck Mutter, Vater und Sohn. Der Kopf einer schönen Frau ist leicht nach rechts geneigt, um ihren Mann mit der dunklen Brille und der hohen Stirn zu berühren, der schräg unter ihr sitzt. Den linken Schenkel des Dreiecks bildet ein zwölfjähriges Kind, das ernst und wach dasitzt. Obwohl alle drei in die Kamera schauen, ist ihr jeweiliger Blick in eine je eigene imaginäre Welt gerichtet.
Das Kind heißt Amos Klausner, und ist inzwischen unter dem Namen Amos Oz bekannt. Das familiäre Dreieck bildet die Basis seines eben auf Deutsch erschienenen autobiographischen Romans «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» von 2002. «Wir waren wie drei Verurteilte in einer Zelle. Und gleichzeitig war doch jeder für sich allein,» schreibt er. «Denn was konnten sie und er über die Widerwärtigkeit meine Nächte wissen? Nichts ahnten meine Eltern. Und was wusste mein Vater von ihrer Qual? Was verstand meine Muter von seinem Leid? Tausend Jahre der Finsternis zwischen jedem und jedem.»
Die Ehe der Eltern ist voller Zuneigung, aber auch der verzweifelte Versuch, zwei Seelen und zwei Welten zueinander zu bringen. «Mein Vater hatte eine Schwäche fürs Erhabene, während meine Mutter von Sehnsucht und Verzicht und Verlangen bis zur Selbstaufgabe in Bann geschlagen wurde... Beide hatte es aus den Gefilden des 19. Jahrhunderts nach Jerusalem verschlagen: mein Vater war mit einer gehörigen Portion theatralischer Nationalromantik aufgewachsen. Meine Mutter dagegen lebte nach dem anderen romantischen Kodex, dem introvertierten, melancholischen Menü stiller Einsamkeit.»
Die Leute in ihrer Nachbarschaft waren Menschen im Abseits, die leidenschaftlich über die Notwendigkeit einer jüdischen Revolution und der Rückkehr zu Landwirtschaft und Handwerk sprachen, aber keine Glühbirne wechseln konnten. Am Schabbat besuchten die Eltern oft den berühmten Onkel Joseph und seine Frau Zipora. Sie pilgerten dabei jedes Mal durch das Jerusalem der Vierziger Jahre, das von Menschen aus Russland und Europa bevölkert war. Die vor Pogromen und den Nazis geflüchtet, aber nie wirklich in der Levante angekommen waren und immer Immigranten blieben.
Als er einmal mit seinen Eltern das Haus von Großonkel Joseph verlässt, wird die Familie von dessen großem Rivalen ins Haus gebeten. Es ist J.S. Agnon, einer der wichtigsten Autoren einer Generation, die begann, wieder auf Hebräisch zu schreiben. Er, der einer von Amos Oz' größten Vorbildern bleiben wird, ringt seiner Mutter damals ein Lächeln ab: «Er fasste meinen Vater am Arm und sagte, wenn er sich weigere, das Haus Agnon zu besuchen und das Haus Agnon mit dem Glanz des Gesichts der Dame zu erfreuen, werde es ohne den Glanz des Gesichts der Dame verbleiben.»
Im Alter von acht Jahren hat Amos durch das Lesen von Büchern, die er nicht lesen soll, gelernt, was die Liebe ist. Prompt verliebt er sich in seine Lehrerin Zelda Schneerson, die ihm ein Hebräisch erschließt, «wie ich es noch nie gehört hatte, ein seltsames, anarchisches Hebräisch, von frommen Legenden, chassidischen Geschichten, alle Gesetze brechend, ein nachlässiges oder gar wirres Hebräisch. Aber welche Lebendigkeit war in diesem Geschichten!» All diese Persönlichkeiten und Einflüsse erweckt Oz als tragikomische Geschichten aus einer widersprüchlichen Welt wieder zum Leben. Die Könnerschaft, mit der Oz diese Welt beschreibt, porträtiert stets auch den Autor, der die Gaben nutzen kann, die er von den Beschriebenen erhalten hat.
Im väterlichen Zweig der Familie finden sich Dörfler aus Lita und gelehrte Leute aus Odessa. Großmutter Schlomit, die mit Großvater Alexander an einem heißen Sommertag des Jahres 1933 von Wilna kommend Jerusalem erreicht, verkündet sogleich ihr abschließendes Urteil: «Die Levante ist voller Mikroben.» 25 Jahre später stirbt sie in der Badewanne. Dieser Entschlüsselungsprozess bringt Oz dem Zentrum der Traurigkeit, dem Kern der Trinität, immer näher: Er beschreibt, wie seine Mutter immer tiefer in ihre Depression versinkt und wie die Hilflosigkeit seines Vaters die Mutter nur noch weiter nach innen treibt. Er beschreibt den feinfühligen und vorsichtigen Umgang der Familie miteinander, bis Fania Mussman 1952 in der Wohnung ihrer Schwester ihrem Leben ein Ende macht wenige Wochen vor der Bar-Mizwa-Feier ihres dreizehnjährigen Sohns.
So verließ der Junge, der seine Mutter nicht retten konnte, zwei Jahre nach ihrem Tod sein Zuhause und Jerusalem, und ging in den Kibbutz Hulda, um dort bis 1986 auf den Ruinen zu leben. «Ich notierte mir auf einen Zettel ein paar feste Vorsätze, an denen ich mich unbedingt bewähren wollte: Wenn es mir wirklich gelingen sollte, ein völlig neues Leben anzufangen , musste ich es zunächst schaffen, innerhalb von zwei Wochen so sonnengebräunt zu werden, dass ich wie einer von ihnen aussah, musste das Tagträumen ein für allemal einstellen, meinen Familiennamen ändern, durfte keine Gedichte mehr schreiben und in meinem neuen Zuhause als sehr schweigsamer Mensch auftreten».
Doch diese Generation von Autoren hielt dennoch an der prophetischen und historischen Rolle fest, die sich die älteren zionistischen Autoren gegeben hatten. Lange bevor es neue jüdische Siedlungen gab, hatten sie diese in ihren Geschichten beschrieben. Oz blieb in dieser Tradition ein guter Soldat, der sich selbst für die nationalen Ziele rekrutierte paradoxerweise auch mittels der höchst individualisierten Protagonisten seiner Romane der Sechziger und Siebziger. Seine Tendenz, den gesellschaftlichen Diskurs repräsentieren zu wollen und seine Texte immer auch als nationale Allegorie zu formen, vielleicht ähnlich wie Günter Grass in Deutschland, traf auf ein Publikum, das nach eben solchen Erzählungen verlangte. Es ist bemerkenswert, welche Auswirkungen die Entscheidung des Fünfzehnjährigen noch lange später für den Autor hatte, der die Rolle des Erziehers nie abzulegen schien und außerhalb Israels als Vertreter der «Linken» auftrat.
Diese Passage liest sich wie ein Geständnis: Aha, auch Amos Oz wurde nicht vom Meer geboren. In Kapitel 5, einer Art Handbuch für den Leser, behauptet Oz, alles was er je geschrieben habe und schreiben werde, sei autobiographisch, aber keine Beichte. Doch in diesem autobiographischen Epos, seiner bei weitem längsten Arbeit, hat er etwas getan, was er nie zuvor getan hatte: Oz, der begabte Erzähler schüttelt sein nationales Ich ab, ein Ich, das immer auch ein Wir war. Schicht für Schicht wird abgetragen, um an einem Punkt anzugelangen, an dem sein «Porträt des jungen Künstlers» beginnt. Damit hat er uns den Schlüssel für sein Schreiben erst in die Hand gegeben. Die «Geschichte von Liebe und Finsternis» erzählt uns vielleicht gerade deswegen umso mehr von einer bestimmten historischen Periode und von den ersten beiden Generationen in Israel.
Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Suhrkamp 2004. 765 Seiten, 26,80 Euro.

