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Amos Oz
Nicht vom Meer geboren
Amos Oz
Foto: ddp
Keiner seiner bekannten Romane kam je ohne die nationale Allegorie aus. Doch in seinem neuen autobiographischen Werk spricht Amos Oz nun vom «Ich» statt vom «Wir».
 
Von Tal Sterngast

Kommentarlos und ohne Vorwarnung erscheint das Foto auf den letzten Seiten des Buchs. Es ist eine Studioaufnahme aus dem Jerusalem der Fünfziger und zeigt das elementare Dreieck Mutter, Vater und Sohn. Der Kopf einer schönen Frau ist leicht nach rechts geneigt, um ihren Mann mit der dunklen Brille und der hohen Stirn zu berühren, der schräg unter ihr sitzt. Den linken Schenkel des Dreiecks bildet ein zwölfjähriges Kind, das ernst und wach dasitzt. Obwohl alle drei in die Kamera schauen, ist ihr jeweiliger Blick in eine je eigene imaginäre Welt gerichtet.

Das Kind heißt Amos Klausner, und ist inzwischen unter dem Namen Amos Oz bekannt. Das familiäre Dreieck bildet die Basis seines eben auf Deutsch erschienenen autobiographischen Romans «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» von 2002. «Wir waren wie drei Verurteilte in einer Zelle. Und gleichzeitig war doch jeder für sich allein,» schreibt er. «Denn was konnten sie und er über die Widerwärtigkeit meine Nächte wissen? Nichts ahnten meine Eltern. Und was wusste mein Vater von ihrer Qual? Was verstand meine Muter von seinem Leid? Tausend Jahre der Finsternis zwischen jedem und jedem.»

Zwei Seelen, zwei Welten

Amos Oz' Buch handelt von einer zerbrechlichen Familie und einem einsamen, sensiblen und intelligenten Jungen, der die entwurzelten Erwachsenen um ihn herum nur allzu gut versteht und ihre Erwartungen zu erfüllen und damit ihr Unglücklichsein zu überwinden sucht. Oz' Erzählung nimmt keinen linearen Lauf, er umkreist das familiäre Dreieck und wandert in der Familiengeschichte fünf Generationen zurück, um an jenem Punkt wieder anzukommen, an dem das Dreieck zerbricht und er selbst zum Künstler wird.

Das Schlüsselbild des Buchs, hier auf dem Cover der französischen Ausgabe abgedruckt
Foto: Verlag
Die Familie Klausner lebt in einer kleinen, dunklen und gerade einmal 30 Quadratmetergroßen Wohnung in Kerem Avraham, einem eher armen Viertel in Jerusalem. Das Haus ist voller Bücher und Wörter, der Vater ein Gelehrter der Fächer Literatur und Linguistik. Der Neffe des berühmten Literaturprofessors Joseph Klausner beherrscht zwar 17 Sprachen, fristet jedoch die meiste Zeit seines Arbeitslebens als frustrierter Bibliothekar. Die zärtliche Mutter Fania Mussman studierte Geschichte und Philosophie erst an der Prager Universität dann an der Hebräischen Universität in Jerusalem und gibt später Privatstunden.

Die Ehe der Eltern ist voller Zuneigung, aber auch der verzweifelte Versuch, zwei Seelen und zwei Welten zueinander zu bringen. «Mein Vater hatte eine Schwäche fürs Erhabene, während meine Mutter von Sehnsucht und Verzicht und Verlangen bis zur Selbstaufgabe in Bann geschlagen wurde... Beide hatte es aus den Gefilden des 19. Jahrhunderts nach Jerusalem verschlagen: mein Vater war mit einer gehörigen Portion theatralischer Nationalromantik aufgewachsen. Meine Mutter dagegen lebte nach dem anderen romantischen Kodex, dem introvertierten, melancholischen Menü stiller Einsamkeit.»

Menschen im Abseits

Abgesehen von den großen Schwierigkeiten, ihre Gefühle ausdrücken, hatten Vater Arie Klausner und Mutter Fania Mussman gemeinsam, dass sie aus wohlhabenden Familien aus Osteuropa stammten und für das Leben in Jerusalem – Armut, Krieg, ständige Angst und das Kleinbürgertum ihrer direkten Umgebung – nicht vorbereitet waren. Das Europa, das sie in den Deißigern verlassen hatten, blieb ihnen stets das nun verbotene Gelobte Land. «Kerem Avraham mit seinen Hausierern, Ladenbesitzern und jiddischen Galanteriewarenhändlern, sein psalmodierenden Frommen, seinen Kleinbürgern und Weltverbessern war weder für sie noch für ihn der passende Ort,» schreibt ihr Sohn heute.

Die Leute in ihrer Nachbarschaft waren Menschen im Abseits, die leidenschaftlich über die Notwendigkeit einer jüdischen Revolution und der Rückkehr zu Landwirtschaft und Handwerk sprachen, aber keine Glühbirne wechseln konnten. Am Schabbat besuchten die Eltern oft den berühmten Onkel Joseph und seine Frau Zipora. Sie pilgerten dabei jedes Mal durch das Jerusalem der Vierziger Jahre, das von Menschen aus Russland und Europa bevölkert war. Die vor Pogromen und den Nazis geflüchtet, aber nie wirklich in der Levante angekommen waren und immer Immigranten blieben.

Umgeben von Dichtern

Nicht nur der scharfe Blick, die Einsamkeit und die Liebe zum Lesen machten den jungen Amos später zum Schriftsteller, auch dieses Jerusalem der Immigranten mit seiner unglaublichen Dichte an Dichtern, Forschern und revolutionären Philosophen trug seinen Teil bei. Im Alter von vier Jahren etwa fällt Amos hin und wird von dem großen Poeten Scha'ul Tschernichowski getröstet, der Kinderarzt war.

Als er einmal mit seinen Eltern das Haus von Großonkel Joseph verlässt, wird die Familie von dessen großem Rivalen ins Haus gebeten. Es ist J.S. Agnon, einer der wichtigsten Autoren einer Generation, die begann, wieder auf Hebräisch zu schreiben. Er, der einer von Amos Oz' größten Vorbildern bleiben wird, ringt seiner Mutter damals ein Lächeln ab: «Er fasste meinen Vater am Arm und sagte, wenn er sich weigere, das Haus Agnon zu besuchen und das Haus Agnon mit dem Glanz des Gesichts der Dame zu erfreuen, werde es ohne den Glanz des Gesichts der Dame verbleiben.»

Im Alter von acht Jahren hat Amos durch das Lesen von Büchern, die er nicht lesen soll, gelernt, was die Liebe ist. Prompt verliebt er sich in seine Lehrerin Zelda Schneerson, die ihm ein Hebräisch erschließt, «wie ich es noch nie gehört hatte, ein seltsames, anarchisches Hebräisch, von frommen Legenden, chassidischen Geschichten, alle Gesetze brechend, ein nachlässiges oder gar wirres Hebräisch. Aber welche Lebendigkeit war in diesem Geschichten!» All diese Persönlichkeiten und Einflüsse erweckt Oz als tragikomische Geschichten aus einer widersprüchlichen Welt wieder zum Leben. Die Könnerschaft, mit der Oz diese Welt beschreibt, porträtiert stets auch den Autor, der die Gaben nutzen kann, die er von den Beschriebenen erhalten hat.

Die Levante ist voller Mikroben

Das Ziel seiner Reisen in die Vergangenheit bleibt dabei, das Verhältnis von Vater-Mutter-Kind zu entschlüsseln. Zu diesem Zweck legt Amos Oz einen langen Weg in die Vergangenheit zurück, unter anderem zu Fania Mussmans Familie im ukrainischen Rowno. Oz' Urgroßvater wurde im Alter von 13 Jahren mit einer Zwölfjährigen verheiratet. Zum Entsetzen der Familie bestand der Bräutigam aber darauf, nach der Zeremonie unter der Chuppa nun auch seine ehelichen Pflichten erfüllen zu dürfen. Der Rabbi gab seinen Segen. Sohn Naftali-Herz Mussmann, der Vater von Amos' Mutter, diente im Alter von 16 Jahren einer russischen Prinzessin und brachte es bald zum reichen Müller.

Im väterlichen Zweig der Familie finden sich Dörfler aus Lita und gelehrte Leute aus Odessa. Großmutter Schlomit, die mit Großvater Alexander an einem heißen Sommertag des Jahres 1933 von Wilna kommend Jerusalem erreicht, verkündet sogleich ihr abschließendes Urteil: «Die Levante ist voller Mikroben.» 25 Jahre später stirbt sie in der Badewanne. Dieser Entschlüsselungsprozess bringt Oz dem Zentrum der Traurigkeit, dem Kern der Trinität, immer näher: Er beschreibt, wie seine Mutter immer tiefer in ihre Depression versinkt und wie die Hilflosigkeit seines Vaters die Mutter nur noch weiter nach innen treibt. Er beschreibt den feinfühligen und vorsichtigen Umgang der Familie miteinander, bis Fania Mussman 1952 in der Wohnung ihrer Schwester ihrem Leben ein Ende macht – wenige Wochen vor der Bar-Mizwa-Feier ihres dreizehnjährigen Sohns.

Das neue Leben

Es hat dieses Buch gebraucht und vielleicht 50 Jahre, bis Amos Oz den Wunsch überwunden hat, jemand anders zu sein. Nun hat er den eigenen psychologischen Antrieb zum Schreiben offenbart und ihn in den historischen Kontext gestellt: Die Geschichte «Auf den Ruinen» hat den jungen Amos zutiefst beeinflusst. Dieser zionistische Mythos erzählt die Geschichte eines zerstörten jüdischen Dorfs zur Zeit des zweiten Tempels. Nur die Kinder überleben die Katastrophe und bauen das Dorf wieder auf. Die Vorstellung des Tods aller Erwachsenen hatte ihre eigene Magie, der er nicht widerstehen konnte, schreibt Oz heute.

So verließ der Junge, der seine Mutter nicht retten konnte, zwei Jahre nach ihrem Tod sein Zuhause und Jerusalem, und ging in den Kibbutz Hulda, um dort bis 1986 auf den Ruinen zu leben. «Ich notierte mir auf einen Zettel ein paar feste Vorsätze, an denen ich mich unbedingt bewähren wollte: Wenn es mir wirklich gelingen sollte, ein völlig neues Leben anzufangen , musste ich es zunächst schaffen, innerhalb von zwei Wochen so sonnengebräunt zu werden, dass ich wie einer von ihnen aussah, musste das Tagträumen ein für allemal einstellen, meinen Familiennamen ändern, durfte keine Gedichte mehr schreiben und in meinem neuen Zuhause als sehr schweigsamer Mensch auftreten».

Kein Roman ohne nationale Allegorie

Er nannte sich von Klausner in Oz um und nahm damit einen hebräischen, männlich klingenden Namen an, der wörtlich «Mut» bedeutet. Der Wunsch, alle Eltern tot zu sehen und ganz von vorn zu beginnen, formte auch den jungen Schriftsteller, der sehr schnell zum Repräsentanten einer ganzen Generation wurde, die in Israel den bezeichnenden Namen «Staatsgeneration» trägt. Diese Autoren, die ungefähr zur selben Zeit geboren wurden wie der Staat Israel, sind die Kinder von Einwanderern, die braun gebrannt und tapfer sein wollten und sich aus diesem Grund von ihren aus der Diaspora stammenden Eltern lossagten. Sie brachten die Moderne in die hebräische Literatur und die Figur des Anti-Helden, der isoliert, allein und urban ist.

Doch diese Generation von Autoren hielt dennoch an der prophetischen und historischen Rolle fest, die sich die älteren zionistischen Autoren gegeben hatten. Lange bevor es neue jüdische Siedlungen gab, hatten sie diese in ihren Geschichten beschrieben. Oz blieb in dieser Tradition ein guter Soldat, der sich selbst für die nationalen Ziele rekrutierte – paradoxerweise auch mittels der höchst individualisierten Protagonisten seiner Romane der Sechziger und Siebziger. Seine Tendenz, den gesellschaftlichen Diskurs repräsentieren zu wollen und seine Texte immer auch als nationale Allegorie zu formen, vielleicht ähnlich wie Günter Grass in Deutschland, traf auf ein Publikum, das nach eben solchen Erzählungen verlangte. Es ist bemerkenswert, welche Auswirkungen die Entscheidung des Fünfzehnjährigen noch lange später für den Autor hatte, der die Rolle des Erziehers nie abzulegen schien und außerhalb Israels als Vertreter der «Linken» auftrat.

Das nationale Ich abschütteln

Doch mit den Jahren hat Oz, nicht untypisch für etablierte Autoren, schließlich doch versucht, sich mittels verschiedener literarischer Experimente aus seiner eigenen Position zu befreien. In «Black Box» von 1986 war es die Form des Briefromans, und in «Allein das Meer», seinem vorletzten Buch, die Entscheidung, in Reimen zu schreiben und «Amos Oz aus Arad» als Figur auftreten zu lassen. In seinem neuen Buch aber scheint er endlich gefunden zu haben, was er suchte. Er sagt: «Über meine Mutter habe ich mein Leben lang fast nie gesprochen, bis jetzt, bis zum Schreiben dieser Seiten. Nicht mit meinem Vater, nicht mit meiner Frau, nicht mit meinen Kindern und mit keinem anderen Menschen. Nach dem Tod meines Vaters habe ich auch von ihm kaum je gesprochen. Als wäre ich ein Findelkind.»

Diese Passage liest sich wie ein Geständnis: Aha, auch Amos Oz wurde nicht vom Meer geboren. In Kapitel 5, einer Art Handbuch für den Leser, behauptet Oz, alles was er je geschrieben habe und schreiben werde, sei autobiographisch, aber keine Beichte. Doch in diesem autobiographischen Epos, seiner bei weitem längsten Arbeit, hat er etwas getan, was er nie zuvor getan hatte: Oz, der begabte Erzähler schüttelt sein nationales Ich ab, ein Ich, das immer auch ein Wir war. Schicht für Schicht wird abgetragen, um an einem Punkt anzugelangen, an dem sein «Porträt des jungen Künstlers» beginnt. Damit hat er uns den Schlüssel für sein Schreiben erst in die Hand gegeben. Die «Geschichte von Liebe und Finsternis» erzählt uns vielleicht gerade deswegen umso mehr von einer bestimmten historischen Periode und von den ersten beiden Generationen in Israel.

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Suhrkamp 2004. 765 Seiten, 26,80 Euro.


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