Joe Sacco Keine Helden in Palästina  | Joe Sacco: Selbstportrait | | Foto: Verlag |
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Joe Saccos Comic «Palästina» zeigt die harte Realität des Nahostkonflikts. Zwar sind die Sympathien des Zeichners verteilt, doch fällt er keine Urteile.
Von Andreas BockJoe Sacco zeichnet Schwarz-Weiß-Bilder – ohne dabei Schwarz-Weiß zu zeichnen. Ein Widerspruch? Nein, nur ein Comic, ein politischer Comic, wie es ihn so bislang kaum gegeben hat. Joe Sacco hat mit «Palästina» nämlich nicht nur eine eindrucksvolle Momentaufnahme des israelisch-palästinensischen Konflikts gezeichnet, sondern auch ein neues Genre geschaffen: die Comic-Reportage. Mit Schwarz-Weiß-Bildern, die so nah ran gehen, dass sie buchstäblich das Weiße im Auge der Menschen zeigen und doch keine Stereotypen liefern. 1994 ist der fast 300 Seiten starke Comic «Palestine» in den USA erschienen, 1996 wurde Sacco dafür mit dem renommierten American Book Award ausgezeichnet. Und fast acht Jahre später liegt der Comic jetzt bei Zweitausendeins auch auf deutsch vor. Und er dürfte Staunen auslösen. Ein politischer und, mehr noch, ein realistischer Comic? Sind denn Comics nicht diese Parallelwelten, wo Superhelden oder naive Enten hausen und Probleme sich in kleinen Quadraten abspielen, um sich nach dem Umblättern in Wohlgefallen aufzulösen?
Dauerregen als Plage Art Spiegelman hat Ende der achtziger Jahre mit seinem Comic «Maus» ein ebenso analytisches wie allegorisches Werk vorgelegt, das den völkermörderischen Wahnsinn des Dritten Reichs in einer Welt der Mäuse zu begreifen suchte. Sacco dagegen flieht in keine Parallelwelt, sein Comic orientiert sich an der Realität. Die Geschichten, die er erzählt, sind Geschichten von echten Menschen. In Comicform.
 | Kampf in Hebron | | Foto: Verlag |
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Darum vielleicht auch der nicht enden wollende Regen. Vermutlich hat Sacco ihn so erlebt, als er 1991 und 1992 nach Palästina gereist und durch Wellblechsiedlungen gelaufen ist. In seinen Bildern aber wird der Regen zur existenzialistischen Metapher, zum Sinnbild für Elend, Armut, Einsamkeit und Angst. Der Regen wäscht hier nichts weg, wäscht nicht rein und schafft keinen Platz für die Sonne –, die ohnehin nur schwarz vom Himmel lachen würde. Der Regen ist bei Sacco eine Plage, die aus Straßen Schlammfurchen macht und in die Häuser dringt, durch Wellblech, Plastik oder Pappe.
Bilder ohne Distanz Saccos Sympathie ist dabei stets klar verteilt. Die Berichte von israelischen Übergriffen, von willkürlichen Verhaftungen und Misshandlungen quetscht er in kleine Bilder. Es sind klaustrophobische Arrangements, die die Erzählungen nachfühlbar machen sollen. Wenn es aber um den Widerstand der Palästinenser geht, die Intifada, dann zeichnet er weite Bilder, die auch schon mal über zwei Seiten gehen. Bilder also, die Größe vermitteln. Saccos Bildern fehlt es an Distanz. Sie sind wütend und voller Emotionen. Keine Reportage könnte sich einen solchen Stil erlauben, doch Saccos Comic bezieht gerade daraus seine Energie. Er gewährt unmittelbare Einblicke und lässt den Leser am Alltag der Menschen teilhaben – immer vorausgesetzt, dass das Geschehen durch eine durch und durch subjektive Brille gesehen wird. Sacco erhebt nirgends Anspruch auf Allgemeingültigkeit und darauf, dass die Dinge tatsächlich so sind, wie er sie darstellt.
Kleiner neurotischer Feigling In den USA hat Sacco Journalismus studiert – und ist doch mit dem Berufsethos der objektiven Darstellung nie zurecht gekommen. Was Max Weber vor Jahrzehnten in Deutschland umtrieb, beschäftigt auch den Comiczeichner: Kann es eine «Werturteilsfreiheit» geben? Ist nicht jeder Bericht, allein weil er bestimmte Quellen auswählt und andere weglässt, zwangsläufig parteiisch? Als er den American Book Award erhielt, erklärte Sacco seine Motivation, einen subjektiven und doch politischen Comic über Palästina zu zeichnen: «Es ist doch vermessen zu denken, dass westliche Reporter in einer derartigen Situation objektiv sein können.»Nicht nur, dass Sacco keinen Anspruch auf Objektivität erhebt, auch lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er seiner eigenen Person keine allzu große Bedeutung beimisst. Sich selbst zeichnet er als kleinen, neurotischen Feigling, dem es aufgrund einer dicken, nahezu undurchsichtigen Brille an jedem Durchblick fehlt. Sacco führt damit zugleich den Westen vor (die USA wie Europa), der scheinbar immer ganz genau weiß, wie man zwischen Palästinensern und Israelis vermitteln sollte.
Der Schrecken der Hamas Es hat etwas Entlarvendes, wenn sich Sacco im Gespräch mit zwei israelischen Architektinnen zeichnet – nur um als politischer Vermittler zu scheitern, der versucht zu rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist: dass der palästinensische Kampf unschuldige Opfer fordert.
 | Kopftuch oder Knüppel! | | Foto: Verlag |
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Trotz aller Parteinahme und Sympathie für die Palästinenser zeichnet Sacco keine Bilder vom «hässlichen Juden». Und er zeigt ganz offen die entmenschlichenden Folgen des palästinensischen Widerstands. Den Terror, den die Hamas auch auf Palästinenser ausübt, die allgegenwärtige Korruption und die von Misstrauen beherrschten Menschen. In «Palästina» ist auch zu sehen, dass niemand einschreitet, wenn ein vermeintlicher Kollaborateur auf offener Straße brutal verprügelt und dann erschossen wird.Saccos Comic will provozieren, das ist klar; vor allem durch seine klare Parteinahme für die Palästinenser. Aber er schafft auch, was viele Berichte und Reportagen kaum vermögen: einen Eindruck von der Realität eines scheinbar unlösbaren Konflikts zu geben. Denn seine Schwarz-Weiß-Bilder finden das Graue in einer Realität wieder, in der die Palästinenser nicht einfach die «guten Opfer» und Israelis «böse Täter» sind. Bei Sacco sind Täter immer auch Opfer – und umgekehrt. Joe Sacco: Palästina. Deutsch von Waltraud Götting, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004, 285 Seiten, 17,90 Euro
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