Javier Marias Wer die Gedanken liest, gewinnt den Krieg  | Javier Marias | | Foto: javiermarias.es |
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Javier Marias gibt dem Spionagethriller ein neues Gesicht. Sein neuer Roman handelt vom spanischen Bürgerkrieg, dem britischen Geheimdienst MI 6 und der Fähigkeit des Gedankenlesens.
Von Manuel KarasekDer Spanier Jacques Deza, etwa vierzig Jahre alt, geschieden, zwei Kinder, Dozent in Oxford, lernt den emeritierten Peter Wheeler kennen, der unter Hispanisten und Lusitanisten als Koryphäe gilt. Einer, der über Heinrich den Seefahrer und Cervantes alles weiß. Angesichts der Tatsache, dass Wheeler im Jahr 1913 geboren und die Handlung von Javier Marias neuem Roman «Dein Gesicht morgen» im Sommer 2002 angesiedelt ist, überrascht es, wie rüstig und eloquent dieser Mann noch ist. Die unheimliche, spiralförmige Sogkraft, die von Wheelers Sprache ausgeht, wirft helle Lichter auf seine unübersichtliche Vergangenheit. Nach und nach erfährt der stets neugierige Ich-Erzähler Deza, dass Wheeler am spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hat - aber welche Rolle hatte er dort, als Madrid von Francos Truppen eingeschlossen worden war, nur gespielt? Deza erfährt, dass Wheeler während des Zweiten Weltkrieges für eine Spezialabteilung des englischen Geheimdienstes MI 6 gearbeitet hat. «Aber warum erzählt er mir das?», fragt sich der Spanier. Will sich der Greis durch solche Erzählungen seiner Vergangenheit entledigen, sucht er eine Art Absolution von einem wesentlich jüngeren Zuhörer? Je mehr der Alte berichtet, um so mehr entpuppt er sich als ein wandelndes Geheimnis, ja als ein wandelndes Stück europäischer Geschichte.
Niemals etwas erzählen Das alles – der spanische Bürgerkrieg, die Stimmung der Londoner Bevölkerung während der Bombardierung durch die deutsche Wehrmacht, die Methoden der englischen Geheimdienste – kommt auf den ersten Blick wie ein großer historischer Bilderbogen daher. Doch die Ereignisse, die mit eindrucksvoller Plastizität und nahezu obsessivem Deutungseifer geschildert werden, gehören zum großen und wahrlich gelungenen Verwirrspiel des Javier Marias, der mit «Dein Gesicht morgen» nur den ersten Teil einer Trilogie vorgelegt hat. Würde der 1951 geborene Autor nämlich einer simplen biografischen Chronologie folgen, der Roman würde nicht diesen Thrill erzeugen und über dem Ganzen würde auch nicht dieser dichte Nebel aus Konspiration und Geheimnis hängen.Der Chronist gesteht gleich zu Anfang des Romans: «Meine Gabe oder mein Fluch ist nichts, was nicht von dieser Welt wäre» Durch was aber drückt sich seine Begabung aus? Ist es eine Art von Autorenlogorrhöe und der Erzähler ein nicht zu stoppender Sprechautomat? Gleich zu Beginn heißt es: «Man sollte niemals etwas erzählen». Doch Jacques Deza, der von Wheeler Jacobo genannt wird und bei anderen Gelegenheiten auch Jaime heißt, verschweigt nichts, erzählt alles, das Wort ist Welt, und die Welt ist Wort. Und auch der Greis scheint offenbar nicht zu den Leuten zu gehören, die gerne den Mund halten. Trotzdem: Eine Plaudertasche ist er nicht. Er vertraut sich eigentlich nur Deza an, und was er zu sagen hat, ist wohlüberlegt. Ausführlich berichtet Wheeler über seinen vor kurzem verstorbenen Bruder Toby Rylands. Eine Figur, die bereits in Javier Marias' «Alle Seelen» auftauchte. Und er schließt mit den geheimnisvollen Worten: «Es war Toby, der mir gegenüber bemerkte, dass du wie wir sein könntest.»
Der Röntgenblick des Mr. Tupra Die Fragen, die Jacques in solchen Momenten stellt, könnten auch die des Lesers sein: «In welchem Sinne wie wir? Was heißt das?» Komplette Textteile drehen sich um dieses entscheidende Segment: «Solche Menschen gibt es kaum noch», behauptet Wheeler ein wenig verschwörerisch und erklärt nach einem langen Schweigen: «Hör zu, Jacobo. Toby zufolge hast du die ganz seltene Gabe, bei den Menschen das zu sehen, was nicht einmal sie selbst sehen können.» Diese Fähigkeit wird zum Hauptmotiv des Romans. Alles dreht sich handlungstechnisch und auf allen möglichen Sprachebenen um Jacobos geheimnisvolle Gabe.Auf einer Party, die Wheeler organisiert hat, lernt Deza den charmanten wie geheimnisvollen Mr. Tupra kennen, einen Menschen – und das merkt der Spanier schon von weitem – der sein Gegenüber mit seinem Blick zu röntgen und in seiner Charaktergesamtheit zu erfassen scheint. Mr. Tupra ist seinerseits von der Beobachtungsgabe des Spaniers begeistert und heuert ihn an, bei seiner Firma als Dolmetscher zu arbeiten. Um was es bei der dieser Firma geht, bleibt zunächst im Dunkeln. Der Leser kann nur ahnen, dass in ihren Büros keine regulären Geschäfte abgewickelt werden.
Putschist oder Strohmann? Einmal sitzt ein venezolanischer Militär in Tupras Büro und bittet um eine größere Summe Geld. Dieses, so sagt er, würde für den Surz des Präsidenten Chavez gebraucht. Tupra verweigert die Summe, er ist nicht von diesem Mann überzeugt. Deza, der dem Gespräch als Übersetzer beiwohnt (eine der großartigsten Szenen des Buches), wird, nachdem der Venezolaner sich verabschiedet hat, gefragt, was er denn von dem angeblichen Putschisten hält.Vielleicht ist dieser Mann überhaupt kein venezolanischer Militär? Vielleicht gehört er gar nicht mal zur Opposition? Vielleicht hat sogar Präsident Chavez diesen Typ als Strohmann vorgeschickt, um auszutesten, ob man in England bereit wäre, Geld für mögliche Putschisten auszugeben? Dezas spezifische Fähigkeit kommt in dieser Situation voll zum Tragen. Seine Arbeit besteht darin, Vermutungen anzustellen und zu spekulieren. Er stellt Behauptungen in den Raum, um sie dann anhand anderer Behauptungen zu überprüfen.
Feind hört mit Allmählich bekommt der Leser einen Eindruck von der eigentlichen Tätigkeit dieser Firma. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Tupra der Chef einer Abteilung, die sich auf eben jene Fähigkeit spezialisiert hat, die Wheeler bei Deza konstatiert hatte. Es geht darum, die Motivationen von Menschen zu erahnen: Was werden sie als nächstes tun, wo versagen sie, wo liegen ihre Stärken, und was wissen sie nicht von sich selbst, obwohl wir es schon längst sehen.Langsam wird auch klar, wer Tupra ist: der Nachfolger von Peter Wheeler, der im Krieg eine Abteilung des MI 6 mitbegründet hat. Wheelers Projekt reagierte damals auf eine Plakatkampagne der englischen Regierung, bei der die Bevölkerung dazu aufgerufen wurde, zu bedenken, dass bei jedem Gespräch möglicherweise ein deutscher Spion mithören könne. Und dass er aus diesen Gesprächen vielleicht wichtige Informationen erhalte, die schließlich möglicherweise schwerwiegende Schäden anrichteten: ein Frachtschiff mit kriegswichtigen Waren könnte versenkt, ein geheimer Flugplatz bombardiert werden. Diese Kampagne ging jedoch schief, denn das Reden, die Sprache konnte man den Leuten nicht verbieten.
Literatur und Kombinatorik Also dachte sich der MI 6 folgendes: Wenn man den Menschen die Sprache nicht verbieten kann, dann muss man eben eine Abteilung von Spezialisten schaffen, die den Leuten aufs Maul schauen und so praktisch vorwegnehmen können, wer etwas aus Unvorsichtigkeit verraten wird und wer nicht. Wo sind die undichten Stellen, und wie kann man sie schließen?Die Faszination, die von diesem komplizierten Projekt ausgeht, hat schließlich einiges mit dem Autor Marias zu tun. Seine Sprache ist eben die der Spekulationen, Behauptungen und Verdächtigungen. Die Widersprüchlichkeit fast aller Aussagen, die Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens schlechthin, faszinieren diesen Autor und provozieren ihn zu verbalen Höhenflügen. Dabei gelingt ihm eine einzigartige Kombinatorik, kühne Gedankenverbindungen und Geistessprünge.
Ambler, Fleming und Marias Ein schönes Beispiel: Wheeler erzählt von einem Kommunisten, der in Spanien kämpfte, eine politische Organisation gründete und dann in einem perfiden Spiel und auf Befehl Moskaus von seinen eigenen Leuten verhaftet, gefoltert und ermordet wurde. Dieser hieß Nin mit Nachnamen, genau wie eine Figur aus Ian Flemings Roman «Liebesgrüße aus Moskau», den Deza in der Bibliothek Wheelers entdeckt. Peter Wheeler und Ian Fleming, der auch Geheimdienstler war, kannten sich persönlich und hatten wahrscheinlich beruflich mit dem spanischen Bürgerkrieg zu tun.Auch das macht diesen Roman so bestechend. Er bläst den Staub des Kalten Krieges von den Spionagethrillern Eric Amblers und Ian Flemings. «Dein Gesicht morgen» ist nicht zuletzt ein Beitrag zu diesem ehrwürdigen Genre – aber in einer kühnen und völlig neuen Form. Javier Marias: Dein Gesicht morgen. Klett-Cotta 2004, 490 Seiten, 24,50 Euro
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