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Nicholson Baker
Amerikas verlorener Krieg
Nicholson Baker
Foto: record.wustl.edu
«Das ist kein Scherzchen»: Jay will den Präsidenten, diesen «nicht gewählten betrunkenen Ölmann», ermorden. Nicholson Bakers neuer Roman hat in den USA bereits für einen Skandal gesorgt.
 
Von Manuel Karasek

Wenn ein Schriftsteller ein fiktionales Werk zu einem hochaktuellen politischen Thema schreibt, ist Skepsis angebracht. Die Intentionen des Literaten könnten dubioser Natur sein: Geldgier oder Geltungsdrang und die Spekulation auf einen medialen Hurrikan.

Politische Aktualität in einen literarischen Text einzuarbeiten, erfreute sich vor allem bei deutschen Autoren der letzten Jahrzehnte großer Beliebtheit – auch in Frankreich war es von Zeit zu Zeit zu beobachten. Günter Grass verfasste Ende der sechziger Jahre Texte über den Wahlkampf der SPD, und Heinrich Böll publizierte Mitte der Siebziger die Erzählung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», ein Buch über die demagogische Macht des Boulevardjournalismus.

Stell das ab

Jetzt sind zwei Bücher erschienen, die sich mit aktuellen politischen Themen beschäftigen: Dorothea Dieckmanns «Guantánamo» und Nicholson Bakers «Checkpoint». In Dieckmanns Roman geht es um die Haftbedingungen auf Guantánamo, an einem Einzelbeispiel werden die Leiden der Häftlinge demonstriert. Bei Baker treffen sich zwei Männer, freie Amerikaner, in einem Washingtoner Hotelzimmer, und einer von ihnen beabsichtigt, ein Attentat auf den derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten auszuüben.

Mit einer schon in seinem berühmten Roman «Vox» angewandten Dialogtechnik – es fehlt ein jeglicher Kommentar des Erzählers – hält der Amerikaner ein ziemlich aufregendes Gespräch zwischen seinen Protagonisten fest. «Jay: Hm, tja. Wo anfangen?/ Ben: Offenbar liegt dir etwas auf der Seele./ Ja: Das stimmt./ Ben: Fang doch mal damit an./ Jay: O.K. Ähm, ich werde - okay, ich sag`s einfach. Ähm./ Ben: Was denn?/ Jay: Ich werde den Präsidenten ermorden./ Ben: Wie meinst du das, ermorden?/ Jay: Ihn ums Leben bringen./ Ben: Willst du mich verarschen?/ Jay: Nein./ Ben: Sag, dass das eins von deinen Scherzchen ist./ Jay: Das ist kein Scherzchen./ Ben: Komm, Jay. Das ist kein - stell das ab.»

Mark 77

Jederzeit steht dieser rasante Dialog, den Jay mit einem Kassettenrekorder aufnimmt, auf einer emotionalen Kippe. Der eine ist davon überzeugt, den Mord verüben zu müssen, «zum Wohle der Menschheit», wie er behauptet; der andere versucht ihn, von der Wahnsinnstat abzubringen, ist aber – erst unterschwellig, dann sehr deutlich mit dem Freund einer Meinung. (Trotzdem wird Ben Jay seinen Plan ausreden.)

Baker verzichtet in seinem Buch auf jegliche Form der Logik und Argumentation. Jays anklagende Rede folgt ganz dem weltweit aufgeheizten Politklima, und sie bezieht sich zunächst auf die vermeintliche militärische Praxis: Im Irak würde wie einst in Vietnam Napalm eingesetzt, nur dass es jetzt anders heiße: Mark 77, ein verbessertes Brandgel, das ziemlich schwer zu löschen sei. Kriegsschiffe würden vor der irakischen Küste ihre Granaten verschießen, nur um das Munitionsdepot zu leeren, dass dann mit neuen, technisch verbesserten Raketen aufgefüllt werden solle. Solche Behauptungen sind stets begleitet von der maßlosen und unersättlichen Empörung Jays, in der er George W. Bush als «Pimmelficker» bezeichnet oder zu dergleichen Tiraden ansetzt: «Und dann hast du dieses Arschloch, diesen nicht gewählten betrunkenen Ölmann, der dort in dem Haus hockt. Jeden Morgen in sein Gebetbuch murmelt.»

Diese ganze scheußliche Kunst

Es ist nicht zu übersehen: Baker geht es weder um schlüssige Argumentation noch um eine durchdachte Polemik. Was ihn interessiert, ist das moralisch aufgebrachte Pamphlet. Und stets ist es etwas Karikaturhaftes, das dieser verzerrten Schmähung ihre Wucht verleiht. Bakers Roman lebt davon, dass sich Jay der Welt stets aus seiner Befangenheit und Wut nähert: «Das Verteidigungsministerium liegt auf der anderen Seite des Flusses in dieser gewaltigen Festung, die einem das Hirn verdreht», schimpft er. «Fünf Seiten. Als wäre es bewusst so gebaut, damit man allein schon beim Gedanken daran durchdreht.» Und die CIA, da ist Jay sich sicher, «war ein Magnet für jeden Alk und jeden paranoiden, durchgeknallten Spinner.»

Wenn Bakers Roman vergnüglich zu lesen ist, dann gerade weil er keine ausgewogenen Argumente zu bieten hat. Denn Jay hält diese «ganzen total irren Verschwörungstheorien» für wahr: Präsident Roosevelt war über den bevorstehenden Angriff auf Pearl Harbor informiert, hat ihn aber nicht verhindert. Aids wurde «im Zuge von Experimenten mit bakterieller Kriegsführung in Afrika» entwickelt und kam durch entflohene Affen in die Welt. Paranoia und Ressentiment liegen nah beieinander – so entzündet sich Jays Zorn mit unverminderter Kraft auch an der abstrakten Malerei, «die von Spukgestalten in der Bundesregierung gefördert» wird, «als Beweis dafür, wie tolerant unsere Demokratie gegenüber hässlichen Dingen ist. Diese ganze scheußliche Kunst, bei der man schon unkontrolliert kotzt, wenn man mit ihr in einem Raum ist.»

Geisteskrank oder schwächlich

Zu subtil ordnet Baker sein literarisches Psychogramm, als dass man den Autor einfach mit der Stimme seines Protagonisten verwechseln dürfte. Daher ist «Checkpoint» auch keinesfalls – wie amerikanische Kritiker monierten – als Aufruf zum Präsidentenmord zu verstehen. Und auch nicht als ideeller Schulterschluss mit dem Filmemacher Michael Moore. Baker genügen einige Perspektivwechsel im witzigen Dialog zwischen Ben und Jay, um nicht einfach als Wahlkämpfer für John Kerry missverstanden werden zu können. Schließlich hätten alle amerikanische Präsidenten der letzten fünfzig Jahre das Volk belogen und die Welt bedroht. Auch ein Supermann wie Kennedy sei nur ein wandelndes Grinsen gewesen und privat ein armer Kerl. Jays Lamento über die amerikanische Monokultur und den Anblick von «Wal-Mart-Supermärkten» schließt das ganze Land mit ein.

Ein wenig erinnert Jay an den römischen Senator und Historiker Tacitus, der über den Verlust politischer Tugenden unter selbstherrlichen römischen Kaisern geklagt hatte. Letztlich seien alle Imperatoren auf ihre Weise unfähig gewesen: Caligula und Nero geisteskrank, Tiberius ein gefährlicher Misanthrop und Claudius ein schwächlicher Charakter, der von der Mutter Neros, Agrippina, dominiert wurde. Sie alle, so schreibt Tacitus, hätten den römischen Staat ins Unglück geführt, in der die Bürger gelernt hätten, Korruption und maßlose Bereicherung für eine Selbstverständlichkeit zu halten.

Zweiten Weltkrieg verloren

Tacitus' Kritik am Staat, von dem er wünschte, er würde zur Republik zurückkehren, wurzelte in einer uralten römischen Tradition. Jahrhunderte lang hatte das patrizische Großbürgertum auf die Einheit von Stadt und Land gepocht: einem Gleichgewicht, das Vergil zur augustinischen Zeit noch besungen hatte. Ein Blick auf Nicholson Bakers letztes Buch, «Eine Schachtel Streichhölzer», lässt erkennen, dass es auch dem Amerikaner um das Gleichgewicht zwischen Städtischem und Ländlichem geht. Wie sein Vorläufer Henry David Thoreau sucht Baker in der Natur die Ursprünge des Nation. Eine amerikanische Wesenheit, die aus der Einheit mit der Natur entstanden und den Pionieren, die ihre Kultur unter größten Opfern der Wildnis abtrotzen mussten, zu verdanken ist.

In dieser Einschätzung ist Baker seinem Protagonisten Jay offenbar ziemlich nah: Mit seinem Aufstieg zur Weltmacht hat sich Amerika von seinen Ursprüngen und Absichten, die noch in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 festgehalten waren, weit entfernt. So weit, dass das Land nur mehr als weltbedrohende Macht dasteht, die ihr Handeln vor niemandem mehr rechtfertigen muss. Dies ist dann mehr noch als eine durchdachte Analyse ein emotionaler Befund. Und als Leser kann man dazu stehen, wie man will. Wenn Jay sagt, dass die USA den Zweiten Weltkrieg in Wirklichkeit verloren hätten, da ja die japanische Industrie lauter nützliche Dinge produziere, während die Amerikaner nur noch im Waffensektor dominierend seien, dann spürt man Resignation und Zorn zugleich. Das ist nicht langweilig.

Nicholson Baker: Checkpoint. Rowohlt 2004, 140 Seiten, 12,90 Euro

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