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Kafkas amtliche Schriften
Das Lachen in der Amtsstube
Franz Kafka in jungen Jahren
Foto: S. Fischer
Angeblich war es ein «schreckliches Doppelleben», das Franz Kafka in der Versicherungsanstalt verbrachte. Seine «Amtlichen Schriften» zeigen aber, dass Kafka erst im Büro zu jenem Autor wurde, der die Bürokratie wie kein anderer durchleuchtete.
 
Von Burkhardt Wolf

Im Jahr 1910 wurde Franz Kafka zusammen mit zwei seiner Kollegen zum Präsidenten der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (AUVA) gerufen, um feierlich in einen höheren Dienstrang erhoben zu werden. Dieses Zeremoniell sollte, wie Kafka später an seine Verlobte Felice Bauer schrieb, gewöhnlichen Anstaltsbeamten «das Gefühl einer Zusammenkunft mit dem Kaiser» verschaffen. Doch Kafka selbst reizte das majestätische Auftreten dieses Oberen und das weihevolle Gebaren seiner Untergebenen immer wieder zu kleinen Lachanfällen, die er anfangs noch als Hustanfälle kaschieren konnte.

Doch als der Präsident «seine Rede anfing, wieder diese übliche, längst vorher bekannte, kaiserlich schematische, von schweren Brusttönen begleitete, ganz und gar sinnlose und unbegründete Rede», und einer von Kafkas Kollegen daraufhin zu einer so unerwarteten wie unsinnigen Ansprache anhob, gab es kein Halten mehr – Kafka lachte so laut und rücksichtslos, wie es allenfalls einem Volksschüler zukommen konnte. Die festliche Gesellschaft erstarrte vor Schreck, der Präsident aber musste, um dem Ganzen «irgendeine menschliche Erklärung» zu geben, eine Anspielung auf einen seiner früheren Späße vermuten, ehe er die Beförderten rasch entließ.

Vorzügliche Konzeptionskraft

Dieser Vorfall, der Kafka nach seinen eigenen Worten «in der Anstalt als Legende» überleben sollte, nötigte ihn zu allerlei Entschuldigungen und Besänftigungsmaßnahmen, «gänzliche Verzeihung habe ich natürlich nie erlangt und werde sie auch nie erlangen.» Schließlich hatte er durch sein abgründiges Lachen mit dem Anstaltszeremoniell auch dessen Anlass desavouiert: seine Ernennung zum «Oberkoncipisten».

Von Anfang an war seinen Vorgesetzen Kafkas «vorzügliche Konzeptionskraft» aufgefallen: seine rasche Übersicht über die Aktenlage, seine genaue Kenntnis aller Vorschriften, die Klarheit seiner Argumente und schließlich seine stilistische Gewandtheit. Ob dieser Eigenschaften wurde er bald zum bevorzugten «Anstaltsautor»: zum Verfasser amtlicher Schriften, der die Behörde zwar sachlich vertritt, die Autorisierung mittels Unterschrift aber seinen Vorgesetzten zu überlassen hat. In dieser Funktion war Kafka gerade kein Schriftsteller. In der heiteren Betrachtung seiner «grundlosen» Weihen wurde er aber zu einem solchen – das Amt war nicht der Ursprung, wohl aber der Abgrund des literarischen Autors Kafka.

Vor dem Gesetz

Die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt war 1889 durch Verordnung des österreichischen Innenministeriums als halbstaatliche Einrichtung gegründet worden. Der Selbstverwaltungskörper mit Beamten und gesetzlich geregelten Dienstabläufen sollte eine Art Pufferfunktion zwischen Arbeit und Kapital ausüben. Die beiden ersten Jahrzehnte ihres Bestehens erwirtschaftete sie noch durchgehend Defizite, weil die zwangsversicherten Unternehmer systematisch ihre Lohnlisten fälschten und immer wieder überzogene Ansprüche geltend machten. Erst nachdem 1909 gesetzlich der Lohnlistenzwang eingeführt und der AUVA Einsicht in die Krankenakten gewährt worden war, schrieb sie schwarze Zahlen.

Kafkas Aufgabe bestand zunächst darin, für die korrekte Einreihung der Betriebe in die versicherungstechnische «Gefahrenklasse» zu sorgen und die Widersprüche der Unternehmer zu bearbeiten. Gerade hierbei wurde Kafka zum Analytiker des Aktenvorgangs: Weniger die politische Kritik als die kommunikative Optimierung der Amtswege interessierte ihn. Er propagierte die «Vision einer 'lebendigen' Verwaltung», in der auch die von Amts wegen unterdrückten oder unartikulierten Stimmen Gehör bekommen konnten.

Beklagte sich einer der Unternehmer also etwa über das unflexible «Gesetzt», so begriff Kafka diesen Einwand nicht als Schreibfehler, sondern nahm ihn beim Wort: Das eherne Gesetz oder gesatzte Recht produzierte in Kafkas Augen weniger Gerechtigkeit als Schuld. Wie sein eigenes Lachen vor dem Präsidenten fasste er die Verfehlungen der Beteiligten als Ordnungswidrigkeiten auf, denen mit prä-juridischen, in der AUVA also mit versicherungstechnischen Mitteln zu begegnen sei. Damit eröffnete Kafka nicht erst in seinem Roman «Der Prozess», sondern bereits im «Bureau» eine Sphäre «vor dem Gesetz».

Im Bureau

1909 wurde Kafka in die Unfallabteilung versetzt. Durch das neue österreichische Unfallversicherungsgesetz wurden Investitionen in die Sicherheit der Arbeitenden belohnt: Die Unternehmer, die ihre Betriebe nach den neuesten Standards zur Verhütung von Arbeitsunfällen ausstatteten, wurden auch entsprechend günstiger eingestuft. Die AUVA sollte dabei nicht nur Gesetze umsetzen, sondern ihrerseits eine praktische Vorreiterrolle einnehmen.

Kafka kümmerte sich deswegen nicht nur um den Erlass geeigneter Vorschriften oder um Aufklärungskampagnen zur betrieblichen Unfallverhütung. Als wichtigster Anstaltsautor propagierte er in verschiedenen Publikationen darüber hinaus die zeitgemäße Lösung der drängendsten sozialpolitischen Fragen der Zeit: nämlich «die möglichste Verallgemeinerung der Versicherung», also die Einführung des Versicherungsprinzips als neuen Sozialvertrag. Nicht zuletzt machte er sich um die statistische Aufbereitung von Unfällen verdient. Denn wenn es zu Spätzeiten der Donaumonarchie ein absolut gültiges und unbezweifelbares Gesetz geben konnte, dann war es nicht das einer im Verborgenen waltenden Obrigkeit, sondern vielmehr das abstraktere der «großen Zahl».

Bürokratischer Patriotismus

Dies zeigte sich noch in den letzten Stunden des Kaiserreichs, als der «Große Krieg» die heimische Industrie desorganisierte und zahlreiche Arbeitskräfte verbrauchte. Allzu oft wurden sie hernach als «Kriegskrüppel» wieder nach Hause geschickt. In der sozialpolitischen Publizistik der Zeit wurde der Krieg als Kehrseite des Versicherungsstaates und Probierstein der deutsch-österreichischen Pionierrolle betrachtet, so dass auch hier eine methodisch wohlüberlegte Bearbeitung von «Schadensfällen» angezeigt war. Umgekehrt folgerte Kafka, dass der hochindustrialisierte Staat auch zu Friedenszeiten einen «Krieg der Nerven» führe.

Deshalb verfasste er halb agitatorische, halb amtlich klingende Aufrufe zur Unterstützung der Beschädigtenfürsorge, denn: «Was jetzt als patriotische Tat gelten muss, eine Nervenheilanstalt für nervenkranke Krieger zu errichten, wird nach Friedensschluss immer mehr eine große soziale Wohltat werden.» Für diesen Akt eines bürokratisch fundierten Patriotismus wurde Kafka ein Verdienstorden in Aussicht gestellt, in den Wirren der letzten Kriegswochen aber nicht mehr verliehen. Stattdessen hatte sich Kafka auf die neuen Machtverhältnisse in Prag und in der AUVA einzustellen. Nach Kriegsende wurde das Deutsche als Amtsprache abgeschafft, und etliche Deutsche, die vormals unbegründet den Tschechen vorgezogen worden waren, wurden nun einfach ihres Amtes enthoben. Kafka, der sich zwar eher der deutschen Volksgruppe zugeordnet gefühlt, nie aber prodeutsch exponiert hatte, wurde nach seinen eigenen Worten als «Paradejude» geduldet, zum Obersekretär ernannt und aufgrund langwieriger Erkrankung 1922 endlich pensioniert.

Zwischen Büro und heimischem Schreibtisch

Nachdem Max Brod bereits 1928 auf Kafkas amtliche Tätigkeit hingewiesen und seinen Aufsatz zur «Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen» bekannt gemacht hatte, erarbeitete Klaus Hermsdorf erst 1984 eine erste Ausgabe zu Kafkas «amtlichen Schriften», die er nun zusammen mit Benno Wagner erheblich erweitert, kritisch bearbeitet und vorzüglich kommentiert hat. Anders als in den «amtlichen Schriften» Goethes verschafft sich, wie die Herausgeber konstatieren, hier weniger eine «Persönlichkeit» als eine Rechtsbehörde und ein ganzes Verwaltungssystem Ausdruck: Wo Kafka als Autor zeichnete, war er zumeist nicht der Verfasser, wo sein Vorgesetzter autorisierte, war fast immer Kafka am Werke. Diesem «Bereich der Pseudonyme, Kryptonyme, Allonyme, der Decknamen und falschen Fährten» werde, so Hermsdorf und Wagner, aus editorischer Sicht nur ein «Indizien-Prozess» gerecht – eine geradezu kriminalistische Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf die kleinsten Spuren und Details.

Der Gewerbeinspektor als Vorbild

Mit dem Gesetz des Diskurses war, wie Wagner und Hermsdorf betonen, Kafka als Beamter unablässig konfrontiert. Weil sie zur Betriebsbesichtigung nicht berechtigt war, beschränkte sich der Wahrnehmungsapparat der AUVA auf ihre Schrift- und Datensätze. Als Agentin des Gesetzes geriet sie mit der konkreten und realistischen Anschauung der betroffenen Parteien naturgemäß immer wieder in Widerstreit. Von daher darf man vermuten, dass die staatlich eingesetzten Gewerbeinspektoren als Vermittlungsinstanzen Vorbild wurden für etliche Figuren aus Kafkas literarischem Werk. Es sind Figuren, deren Wissensstand zugleich übermächtig und defizitär, deren Wahrnehmung protokollarisch und doch spekulativ erscheint. Sie personifizieren nur einen Amtstitel oder ein bloßes «Man» und gleichzeitig doch auch ganz konkrete Belange. Sie üben sich immerzu in Hypothesen und haben doch nichts als Vermittlungsdienste zu erfüllen.

Kafkas Erzählen selbst verzichtet auf die Obersicht einer «auktorialen» und allwissenden Instanz. Nach dem Muster des bürokratischen Vorgangs wird jede Feststellung in ein Konditionalgefüge gebracht und fortlaufenden Korrekturen unterworfen. So liefert das Erzählen im Präteritum keinen abschließenden Bericht über Vergangenes zutage, vielmehr ereignet sich im Erzählen selbst das Berichtete nochmals in einer Art nachträglichen Gegenwärtigkeit. Zahlreich sind deshalb die «Schreibformen», die Wagner und Hermsdorf als gemeinsamen Nenner von Kafkas literarischen und amtlichen Schriften zutage gefördert haben. Zuletzt stellen sie fest, «dass sich nicht nur die literarischen Schriften Kafkas vor dem Hintergrund seiner beruflichen lesen lassen, sondern auch umgekehrt.» Darin mag man einen Aufruf an eine ganze Generation künftiger Kafka-Forscher hören – oder aber auch das Gelächter, das durch all die Bescheide, Gutachten und Schriftsätze hindurch noch heute aus der Prager Amtsstube tönt.

Franz Kafkas Amtliche Schriften, hg. von Klaus Hermsdorf und Benno Wagner, sind (zusammen mit 900 Seiten Materialien auf CD-ROM) zum Abschluss der Kritischen Ausgabe der «Schriften Tagebücher Briefe» bei S. Fischer, Frankfurt am Main, erschienen. 1024 Seiten, 178 Euro.


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