24.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Rita Hayworth, eine Protagonistin in Franklin Flyer
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wüste Schlägereien und wilder Sex. «Franklin Flyer», der neue Roman von Nicholas Christopher, kopiert den Stil von Groschenheften und träumt zugleich von einem besseren Amerika.
Von Manuel KarasekEin junger Mann steht auf dem Dach eines pharaonisch anmutenden Wolkenkratzers und wirft, weil ihm gerade der Sinn danach steht, seinen Filzhut hinab. Dieser trudelt zwischen den vielfenstrigen Häuserschluchten, bis ihn eine Böe erfasst. In inspirierter Stimmung pustet der Wind die Kopfbedeckung schließlich durch ein offenes Bürofenster im 60. Stockwerk. Franklin Flyer, der junge Mann und Held des gleichnamigen neuen Romans von Nicholas Christopher, eilt in jenes Büro, das zu seiner Überraschung leer steht.
Auf dem verlassenen Schreibtisch liegt sein von den New Yorker Brisen geschüttelter Filzhut sowie ein Foto von einer ihm unbekannten, mysteriösen Frau. An einer späteren Stelle des Romans wird der Protagonist dieses Büro noch einmal betreten, außerdem wird er mehrere Frauen treffen, die ihn an jene auf dem Foto erinnern.
Unsterblicher FranklinDiese auf 394 Seiten aufgerollte Vita beginnt eigentlich mit einem entgleisten Zug. Am 1. Mai 1907 schluckt eine zornige Windhose eine Lokomotive, die sich Franklin Flyer nennt. Die Lok stürzt ins Meer, und die Waggons purzeln in die Sanddünen. Die Bilanz: 16 Tote und 51 Verletzte. Wie manche Romane braucht auch dieser ein Wunder, damit seine Geschichte in Gang kommt: Eine Mutter gebiert just in diesem Unglücksaugenblick ein Kind. Sie wird sterben und der Bengel leben. Er bekommt den Namen der Lok.
Nun rast Christopher mitsamt seinem von keinem Abenteuer zu ermattenden Helden durch die Kapitel, denen die jeweilige Jahreszahl voransteht: Die Saga des unverwüstlichen Heroen beginnt am 29. Oktober 1929 als nicht nur Franklins Hut, sondern auch die Börsenkurse nach unten segeln und endet zwei Monate nach der japanischen Attacke auf Pearl Harbor, Ende Januar 1942. Den Abschluss bildet ein Kapitel, das in der Zukunft spielt, nämlich 2007, da wirft ein Greis, der auf dem Dach eines Hochhauses steht, seinen Hut erneut in die schwindelerregenden Lüfte. Franklin ist nicht nur hundert Jahre alt geworden, sondern auch unsterblich.
Unterwegs in geheimer MissionDafür tut er aber auch viel: Er begleitet ein paar Nazi-Finsterlinge, die nach einem Metall namens «Zilium» suchen, in die argentinische Pampa und verprügelt einen whiskeytrunkenen Vater, der regelmäßig seine Tochter vergewaltigt. Er rettet einem Schwarzen das Leben, verliebt sich in eine aufregende Bluessängerin und tritt wie sein großer Namensvetter Benjamin Franklin als Erfinder in Erscheinung: er entwickelt eine Farbenmischmaschine und einen Autoreifen, der sich bei Beschädigung selbst repariert, und ist am Ende des Romans auch an der Weiterentwicklung des Fernsehens nicht ganz unbeteiligt. Franklin Flyers Leben verläuft wie der Flug einer Rakete.
Aber der rote Faden von Christophers unterhaltsamer Geschichte ist die Suche nach dem «Zilium»: dieser Stoff macht faschistischen Panzerwagenstahl noch härter als Kruppstahl, während Wehrmachtssoldaten durch ihre Ziliumwesten zu unverletzbaren Siegfrieds werden. Immer wieder begegnet Franklin diesen Gestalten aus dem Nazischattenreich, wieder und wieder muss er deren Pläne durchkreuzen und gerät schließlich immer tiefer in die Sümpfe der Geheimdienste. Im letzten Drittel des Romans, während Nazitruppen siegestrunken quer durch Europa trampeln, ist Franklin in geheimer Mission in Athen und Mailand unterwegs, als Agent des OSS, der Vorgängerorganisation des CIA.
Helden mit Hut und DurchblickSo quirlig das alles auch ist, der Literaturfreund wird sich an den allzu braven Personenbeschreibungen stoßen. So sind Nazigangster und ihre Sympathisanten schon von weitem an ihrem sinistren Panzerknacker-Grinsen zu erkennen, die Frauenfiguren allesamt mysteriöse Vamps, hungrig nach echten Männern und durstig nach noch echteren Gefahren. Auf der anderen Seite die Helden: wahrheitsliebende Menschen, für die Freundschaft noch etwas bedeutet. «Franklin Flyer» ist ein Buch so richtig für den Männergeschmack: wüste Schlägereien, verwüstete Visagen, wilder Sex. Der Scherenschnittcharakter ist allerdings kein Mangel, sondern Absicht Christopher hat einen Trivialroman geschrieben, der seinen Stoff direkt von der Unterhaltungsindustrie bezieht.
Deutlich wird dies in der Mitte des Buches, wo Franklin zufälligerweise erneut das Büro betritt, in das Jahre zuvor sein Hut geflogen war. Inzwischen sitzt dort eine Firma, die wöchentlich erscheinende Comics produziert: diese präsentieren Helden mit Hut und Durchblick, Männer wie Franklin Flyer, die unlösbare Fälle lösen, während Frauen, deren Anblick die Hormone in Wallung bringt, Gangster hopsgehen lassen. Nicholas Christopher kopiert die Abenteuergeschichten jener Groschenhefte, und der Stoff beherrscht seinen Schöpfer zuweilen derart, dass sein eklektischer Roman kaum zu unterscheiden ist von den Kolportageromanen der dreißiger Jahre.
Lauter tolle FrauenFranklin, dieser Nobody, der zum millionenschweren Verleger avanciert einst ein Abenteurer, und nun bedeutender Geheimagent ist der Prototyp des amerikanischen Traums. Einer, der mit einem Zehn-Cent-Stück seine Karriere beginnt und schließlich wie «Uncle Scrooge», alias Dagobert Duck, im Geldspeicher badet. Die Geschichte ist zugleich nicht frei von einer ideologischen Vision. Politisch steht Franklin Flyer eindeutig links: Als Impresario respektiert er die Gewerkschaften, zahlt seinen Angestellten anständige Gehälter und kennt keine Rassenvorurteile. Ein Demokrat und Individualist durch und durch, die Verkörperung eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Von einem solchen Amerikaner träumt Nicholas Christopher Franklyn Flyer ist die Verkörperung eines guten Amerikas. Der Roman ist von der schlichten Idee durchdrungen, dass Helden wie Franklyn Flyer die Welt retten könnten. Und dass Amerika eine friedliche Macht sein könnte und so gar nicht das aggressive Land, das sich derzeit auf der Weltbühne präsentiert.
Ein Typ wie Franklin Flyer lernt viele Frauen kennen: eine begabte schwarze Jazzsängerin mit großem Alkoholdurst, eine Liebhaberin altägyptischer Kunst, eine atemberaubende Brünette mit rotem Mantel und unglücklicher Kindheit, eine aufregende blonde Agentin und schließlich, ja: die Schauspielerin Rita Hayworth. Am Ende des Romans glaubt Franklin in der Fotografie jener Unbekannten alle Frauen, die er in seinem Leben kennen gelernt hatte, wiederzuerkennen: Sie ist nicht weniger als das transzendente Substrat des «Ewig-weiblichen». Manche finden ja so etwas schwülstig. Nun ja. Eins ist Christopher eindeutig gelungen: Franklin Flyer ist ein cooler Typ.
Nicholas Christopher: Franklin Flyer. Roman. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004. 395 Seiten. 24,00 Euro