Ein Gedicht über Schmerzen der Reflexion  |  Cover-Ausschnitt | | Foto: PR |
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Ausgehend von Schelling geht der Literaturwissenschaftler Steiner der Frage nach, warum dem Denken stets Traurigkeit anhaftet - und schafft damit ein «metaphysisches Gedicht» zu einem wesentlichen Aspekt seines Lebenswerks.
Von Franziska ZwergIn der 1809 erschienenen Schrift «Über das Wesen der menschlichen Freiheit» beklagt Friedrich Schelling die «allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit», den «Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet» sei und die «tiefe, unzerstörliche Melancholie alles Lebens». Für den Philosophen des deutschen Idealismus ist die Schwermut der «dunkle» Grund der Erkenntnis und des Bewusstseins und zudem Voraussetzung für den schöpferischen Akt.
Variationen über ein vertrautes Thema Der Kulturkritiker, Literaturprofessor und Schriftsteller George Steiner, in dessen Werk die tristitia oder tristesse stets Thema war, hat dieses Zitat aus seinem Zusammenhang gerissen, um auf seiner Grundlage zu klären, warum das Denken untrennbar mit einer steten Traurigkeit verbunden ist. Steiner ist sich dessen bewusst, dass der Versuch, das «Denken zu denken» selbstreferenziell ausfallen muss und in einer Spirale mündet. Doch möchte er zumindest nach Gründen dafür suchen, «warum das menschliche Denken nicht Freude sein sollte». Zu Recht klassifiziert Durs Grünbein in seinem hervorragenden Nachwort den Steinerschen Essay als ein Stück «Gedankenmusik». Der Text ist komponiert als eine Serie von Variationen über die Traurigkeit menschlichen Denkens – in zehn Abschnitten entwickelt Steiner je einen Aspekt dieser Problematik, diese münden jeweils in eine Reprise, die den Grundgedanken wieder aufnimmt.
Ich denke, also bin ich Das Denken ist unkontrolliert, immerfort klopft es im Hintergrund des Bewusstseins ziellos, formlos, nutzlos. Einstein behauptete gar, er habe in seinem Leben nur «zwei Ideen» gehabt. Konzentriertes Denken über einen langen Zeitraum hingegen bleibt Meistern der Meditation und anderen wenigen vorbehalten, die in absoluter Konzentration trainiert sind. Und selbst bei ihnen kann es keinen unmittelbaren kausalen Einfluss auf Veränderungen in der Materie nehmen – zwischen Gedanken und ihrer Verwirklichung klafft stets ein Abgrund. Das Denken lässt den Menschen vereinsamen, die Gedanken eines anderen bleiben für ihn unlesbar. Gedanken werden durch Sprache mitgeteilt, die nicht originär von dem einzelnen Denkenden geschaffen wurde, sondern sich langerprobter Formen und eines festen Repertoires an Ausdruckweisen und Metaphern bedient, was allerdings Missverständnisse in der Kommunikation nicht verhindern kann. Weil subjektives Denken nicht verifizierbar ist, muss ein Streben nach objektiver Wahrheit zum Scheitern verurteilt sein. Das Denken lässt sich aber nicht anhalten – genauso wenig wie das Atmen. «Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein Fall ins Denken», wie Steiner es ausdrückt. Es führt außerdem nie zu unmittelbarem Erkennen, sondern verhüllt stets mehr, als es enthüllen kann.
Denken entfremdet Das menschliche Denken hat das Sein und das Nichts, den Tod, zum immerwährenden Thema. Doch obwohl das Denken unermesslich ist, kann es den letzten Dingen nicht auf den Grund gehen und die Frage nicht endgültig beantworten, ob der Tod endgültig ist und ob es Gott gibt oder nicht. Darin liegt schließlich für Steiner die «dem Leben anklebende zehnfache Traurigkeit»: Der Mensch beherrscht als einziges Lebewesen das Denken, das ihn jedoch sich selbst und der Welt gegenüber entfremdet. Das sind einige wesentliche Thesen aus dem Essay von George Steiner mit dem überaus einladenden Titel «Warum Denken traurig macht». Doch wie betrüblich das Ergebnis seiner Untersuchung auch sein mag – dieser Essay ist zu lesen als ein Fazit dessen, was sich für George Steiner über Jahrzehnte seines Denkens als Ergebnis herauskristallisiert hat. Beeindruckend sind sowohl Form seiner Schrift als auch seine Gedankenführung, die gekonnten Zitateinschübe, die den gelehrten Literaturwissenschaftler verraten, der geübt ist in der Deutung der menschlichen Existenz in literarischen Gleichnissen.
Ein «metaphysisches Gedicht» Man mag Steiners Argumentation folgen, die schon im Ansatz keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebt und in ihrer Ausführung bereits die Unvollkommenheit und Traurigkeit erkennen lässt, die sie dem Denken selbst zuschreibt. Es bleibt trotz allem ein «metaphysisches Gedicht», eine Art persönliche Quintessenz der intellektuellen Erfahrungen George Steiners und ein Anknüpfen an sein in früheren Schriften artikuliertes Entsetzen darüber, dass das geistige Potenzial des Menschen gegen die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts nichts auszurichten vermochte.
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George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Aus dem Englischen von Nicolaus Bornhorn Mit einem Nachwort von Durs Grünbein Frankfurt: Suhrkamp 2006 89 Seiten, 14,80 Euro
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