Oswald Spengler war einmal ein echter Modephilosoph. Man kann beinahe bei jedem intellektuell ambitionierten Deutschen der zwanziger Jahre voraussetzen, dass er Spenglers Hauptwerk «Der Untergang des Abendlandes», von dem der zweite Band im Jahr 1922 erschien, gelesen hat. Alleine der Titel dieses umfangreichen Werkes wurde zum geflügelten Wort, traf er doch die pessimistische Grundstimmung eines Landes, in dem nach einem verlorenen Weltkrieg buchstäblich die Lichter ausgegangen waren. Auf einen bloßen Pessimismus wollte Spengler sein Werk aber nicht reduziert sehen.
Wenn er von «Untergang» sprach, dann sollte das nicht mit dem «Untergang eines Ozeandampfers» verwechselt werden. Vielmehr ging es ihm um ein zyklisches Modell historischer Epochen, die sich mit einer Gesetzmäßigkeit, die sonst nur in den morpholgischen Erscheinungen der Natur anzutreffen sei, abwechselten und jeweils eine Aufstiegs-, Blüte- und Verfallsphase beinhalteten.
Spengler war in den Zwanzigern von einem Nimbus umgeben, den man heute mit dem eines Zukunftsforschers vergleichen könnte. Bezeichnend dafür ist wohl das Ansinnen einer älteren Dame, die dem Philosoph gegenüber zugab, sein Buch gar nicht gelesen zu haben, ihn aber trotzdem darum bat, ihr einen guten Anlagetipp für ihre Wertpapiere zu geben.
Frank Lissons einführende Darstellung «Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals» widmet sich den biografischen und werkgeschichtlichen Aspekten eines Denkers, von dem Theodor W. Adorno einmal voller Respekt sagte: «Spengler hat kaum einen Gegner gefunden, der sich ihm gewachsen gezeigt hätte: das Vergessen wirkt als Ausflucht. (nz)