Geh nach Hause. Und werde Journalist  |  Cover-Ausschnitt | | Foto: PR |
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Der Schriftsteller Timmerberg ist den Lesern seit langem als Globetrotter bekannt, der seine Erlebnisse in kurzweilige Geschichten zu verpacken weiß. In «Shiva Moon» entdeckt er sein ultimatives Indien-Erlebnis.
Von Franziska ZwergBücher über Pilgerreisen gibt es mittlerweile viele. Das Geheimnis, auf einer Pilgerreise unter widrigen äußeren Umständen auf sich selbst angewiesen zu sein und dabei etwas Neues und Wesentliches über sich zu erfahren, ist alt, der christliche Pilgerweg des Jacobus scheint gerade deswegen eine Renaissance zu erleben. Doch machen sich Bewohner des Abendlandes schon seit einigen Jahrzehnten zu eben diesem Zweck nach Indien auf, der Einfluss meditativer Praktiken und körperlicher Übungen des Yoga ist mithin gewaltig, auch wenn man sich sicher immer noch besser mit den hauseigenen Heiligen auskennt als im indischen Götterhimmel von Shiva, Vishnu und Krishna. «Shiva Moon» von Helge Timmerberg ist nicht nur ein Reisebuch, es ist auch ein persönliches Erkenntnisbuch, das seine Erfahrungen mit diesem Land über dreißig Jahre einbezieht.
Krishna und Bukowski Indien war für Timmerberg auch das Land, in dem er zu wesentlichen Erkenntnissen gelangte. Als er 1968 nach einem LSD-Trip und der Lektüre von Hermann Hesse nach Indien ging und beschloss, in einem Ashram zu bleiben, um zu «transzendieren» und nie wieder in den Westen zurückzukehren, war es seine innere Stimme, die ihm deutlich vernehmbar das Gegenteil empfahl: Geh nach Hause. Und werde Journalist. Er hat sich nicht verloren, seine Persönlichkeit nicht aufgelöst. Er hat in Indien einfach nur das wahrgenommen, was ihm im Inneren entspricht. Doch die Reise ließ ihn ein Stück weiterkommen auf der Suche nach Erklärungen zu den wichtigen Fragen des eigenen Lebens, und zwar nur deshalb, weil er es geschafft hat, sich selbst auf dieser Reise zu begegnen. Daher gleichen sich für ihn auch die messages, auf die man hier oder dort stößt: «'Wer gleich sich bleibt, bei Freud und Leid, der reift für die Unendlichkeit', sagt Krishna zu Arjuna. 'Kipp noch n'Bierchen, es geht sowieso alles den Bach runter', würde Bukowski sagen.»
XXL-divine Genau das ist es, was seine Beschreibungen von Indien faszinierend und amüsant zugleich erscheinen lässt: Er bleibt er selbst, egal wie esoterisch es um ihn herum zugeht. Seine Reise führt entlang des Ganges, von der Quelle bis zur Mündung. Und da passiert es auch dem nüchternen Nicht-Esoteriker, dass er einen erhabenen Moment erlebt angesichts der Schönheit der Landschaft oder im Bewusstsein um die Bedeutung des Ortes. In den nahe gelegenen Pilgerorten, in denen sich Geistheiler und Reinkarnations-Theoretiker wiederum tummeln wie Fische im Wasser, gibt es allerdings wie in einem Kurort ein breites Angebot an spirituellen Anwendungen, die natürlich alle göttlich sind – wobei wir erfahren, dass dieses Wort sogar noch steigerbar ist: super-divine, XXL-divine, special-rate-divine, two-divine-for-the price-of-one divine. Ebenso blüht der Handel mit allerlei Krimskram, dem übermächtige Wirkung nachgesagt wird, ähnlich den Devotionalien in Touristenshops in abendländischen Pilgerorten. Doch lässt sich der Autor nicht von seinen liebgewordenen Gewohnheiten abbringen und erlangt seine persönliche Erleuchtung zunächst vor allem durch den Konsum von Haschisch.
Dienstleistungsgesellschaft Natürlich kommen auch Beschreibungen von den Unbilden dieser Reise nicht zu kurz. Als Ausländer in Indien ist man, auch wenn man das Land zuvor schon bereist hat, auf die Einheimischen und ihre Dienstleistungen angewiesen, sei es die Rikscha oder der Guide, ohne den das Erreichen der Reiseziele kaum möglich ist. Stets muss der Preis verhandelt werden, und man kann trotzdem gewiss sein, dass man für landesübliche Verhältnisse übers Ohr gehauen wird. Doch ist die Armut so unverhältnismäßig groß, dass das eigentlich keine Rolle spielt. Nur ist Armut auch lästig. Zum Beispiel beim so genannten «Bettler-Spießrutenlauf», bei dem man sich der aufgehaltenen Hände kaum erwehren kann. Dass die indischen Bettler dabei trotzdem nie ihre Würde verlieren, ist vielleicht die großartigste und unfassbarste Eigenschaft, welche sie von einem Clochard unterscheidet. Dass eine Fahrt mit der Rikscha auch bleibende Schäden hinterlassen kann, erfährt Timmerberg bei seinem Ausflug nach Kalkutta zu Mutter Theresas Haus, wo er einen Zahn verliert, als der Wagen unsanft über einen Hubbel fährt.
Irgendetwas stört immer Und so ist der erhabene Augenblick der Erkenntnis, die er aus dieser Reise zieht, begleitet von physischen Schmerzen: «Ich bin gegen tausend innere Widerstände (…) dem Ganges von der Quelle bis zur Mündung gefolgt. Und es war sinnvoll, obwohl ich genau das die meiste Zeit bezweifelt habe. Ich habe keine Heiligen getroffen, wie das früher mal der Fall war, auch nicht den Tod oder die Liebe, nicht mal die kleine, aber unvergessliche Affäre traf ich am Wegesrand. Ich traf nur mich. Endlich. Das macht die Reise zur besten meines Lebens. Aber ich kann mich nicht freuen. Ich kann mir nur noch die Backe halten.»
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Helge Timmerberg: Shiva Moon. Eine Reise durch Indien. Berlin: Rowohlt 2006 256 Seiten, 17,90 Euro
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