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Folke Havekost, Volker Stahl
Fußballweltmeisterschaft 1974
Deutsche Weltmeistermannschaft von 1974
Foto: dfb.de
Rückblicke auf vergangene Fußball-Weltmeisterschaften haben derzeit Hochkonjunktur. Dabei hat das 50-jährige Jubiläum des «Wunders von Bern» dem zweiten deutschen WM-Titel fast völlig den Rang abgelaufen.
 
Oh je, schon wieder ein WM-Rückblick, möchte man angesichts der in Deutschland vorherrschenden Euphorie um das 50-jährige Jubiläum des «Wunders von Bern» meinen. Doch nicht nur der erste WM-Titel begeht 2004 ein Jubiläum. Fast vergessen ist, dass auch für die zweite WM der deutschen Nationalmannschaft dieses Jahr ein Jubiläum ansteht. Am 7. Juli 1974 gewann Deutschland in München mit 2:1 im Endspiel gegen die Niederlande.

Die beiden freien Hamburger Journalisten Folke Havekost und Volker Stahl haben nun zum 30. Jahrestag einen aktualisierten Rückblick veröffentlicht. Neben den altbekannten Geschichten um die Regenschlacht von Frankfurt sowie allen Spielen und allen Toren samt eingehender Statistik und Aufgeboten der teilnehmenden Mannschaften versuchen Havekost und Stahl, dem Mythos der besseren niederländischen Elf im Finale gegen Deutschland entgegen zu treten.

Mit Hilfe des niederländischen Autors Auke Kok, der ebenfalls zum 30. Jahrestag dem Finale gleich ein ganzes Buch widmete («Wir waren die Besten»), wird der niederländische Mythos entzaubert. Die Niederlande hätten zwar eine höhere Spielkultur gehabt, diese aber im Finale nicht umsetzen konnten. Nach dem verlorenen Endspiel hatte damals auch die niederländische Presse über einen Mangel an «Disziplin» geklagt.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet fast selbstverständlich das einzige Länderspiel der DFB-Auswahl gegen die DDR. Ein obligatorisches Interview mit dem Schützen Jürgen Sparwasser fehlt hier ebenso wenig wie die Affäre um den Mannschaftsbus der DDR, der zwar schwarz-rot-gold durch die Straßen fuhr, aber ohne Hammer und Zirkel ausstaffiert war, und so ebenso zum Politikum wurde wie der spätere 1:0-Erfolg über den Klassenfeind aus dem Westen.

Interessant ist dabei das Interview mit Klaus Huhn, einem von zwei Reportern des «Neuen Deutschland» bei der WM. Der nach der Wiedervereinigung vom Verband der Sportjournalisten ausgeschlossene Berichterstatter dementiert, dass die Begegnung in der DDR als «Klassenkampf» dargestellt wurde. Mit dieser Ansicht steht der Journalist aber wohl in Ost und West allein. Leider hat Huhn einen größten Teil seines Archivs verbrannt, als er sein Haus in Kleinmachnow verlassen musste.

Neben den politischen Aspekten erfreuen Stahl und Havekost den Leser aber auch noch mit Kuriositäten am Rande der WM. So erzählen die Autoren die Geschichte des Brasilianers Waldir de Carvalho, dessen Vater eine Reise zur WM gewonnen und sie an den Sohn abgetreten hatte. Dem Sohn gefiel es in Deutschland so gut, dass er bald in Frankfurt sesshaft wurde.

Gerade die Mischung zwischen Altbekanntem und neuen Erkenntnissen über die WM 1974 macht den zehnten Band des Kasseler Agon-Verlags in der Reihe «WM-Geschichte» so lesenswert. Es war eine Weltmeisterschaft, die vor dem Hintergrund des vieldiskutierten ersten WM-Titels zu einem gleichsam «vergessenen Triumph» geworden ist.

Foto: Verlag
Folke Havekost, Volker Stahl:
Fußballweltmeisterschaft 1974
Agon Sportverlag 2004,
160 Seiten,
24,00 Euro

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