Die Suppe wird kalt  |  Coverausschnitt | | Foto: PR |
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Der Autor und Dokumentarfilmer Charles Nicholl studierte viele Jahre die Skizzenbücher und Manuskripte Leonardo da Vincis. Basierend auf seiner Analyse hat er eine Biographie über ihn geschrieben.
Von Franziska ZwergWelche Spuren kann ein Mensch hinterlassen, wenn sein Tod 500 Jahre zurückliegt? Sind die Zeugnisse, die von ihm bleiben, wirklich aussagekräftig genug, um sich ein Bild seines Lebens zu machen, das annähernd der damaligen Realität entspricht? Und müssen nicht mangelnde Vorstellungen von seiner Zeit und die Einschränkungen, die die Quellen gebieten, ein adäquates Nachempfinden dieser Existenz unmöglich machen?
Bilder wie eine Steuererklärung Leonardo da Vinci ist bis heute vor allem als Maler bekannt, kaum jemand wird den Louvre besuchen, ohne dabei sein berühmtestes Gemälde Mona Lisa zu besichtigen. Er hat ein umfangreiches bildnerisches Werk hinterlassen, das es erlaubt, die Spuren seines Lebens teilweise nachzeichnen. Zu seiner Zeit war es üblicherweise die catasto-Erklärung, also gewissermaßen die Steuererklärung, die darüber Auskunft gibt, ob jemand existierte und wo er lebte, indem sie ihn als abzugsfähigen bocca aufweist. Wer Leonardos Leben nachzeichnen will, kann jedoch abgesehen von seinem bildnerischen Werk auf zahlreiche Skizzen und Notizen zurückgreifen. Dennoch bleibt es ein Puzzlespiel mit vielen offenen Fragen. Das letzte kleine Teilchen dieses Spiels aus Leonardos Hand ist seine letzte Notiz aus dem Jahre 1518, ein Jahr vor seinem Tod. Unter einigen Diagrammen steht: perche la minestra si fredda – sein Schreiben wurde offensichtlich durch den Ruf seiner Haushälterin unterbrochen, die ihn mahnte, dass die Suppe kalt werde.
Maler und Militär Leonardo da Vinci war zeit seines Lebens bekanntlich auf vielen Gebieten tätig, er war nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Philosoph - und das, obwohl er sich selbst als «Mann ohne Gelehrsamkeit» bezeichnete, da er nie eine Universität besucht hatte. Zeitweise hat er seine Fähigkeiten nicht in erster Linie als Maler gesehen, sondern als Architekt oder gar als Konstrukteur von Panzern und Kanonen. Das hat sicher nicht nur mit einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten zu tun, sondern auch mit den politischen Gegebenheiten seiner Zeit: Stets war er von seinen Auftraggebern finanziell abhängig, und im Mailand der Sforza beispielsweise waren zu seiner Zeit militärische Fragen an der Tagesordnung. Auch für Cesare Borgia war er als Ingenieur tätig und bot in dieser Eigenschaft sogar Sultan Bejazet in Istanbul seine Dienste an. Am Hofe war er zudem oft gefragt für die Gestaltung von Festen, Hochzeiten und Jubiläen, denn man schätzte ihn als Meister von Bühneneffekten. Auch kirchliche Orden waren seine Auftraggeber, doch war sein Verhältnis zur katholischen Kirche insgesamt problematisch, denn er lief als Anatom, der auch Leichen sezierte und schon damals die Frage stellte, ob ein Embryo als eigenständiges Wesen mit einer eigenen Seele angesehen werden kann, ständig Gefahr, der Häresie bezichtigt zu werden.
Späte Realisierungen Seine Wirkung als Anatom ist allerdings bedeutender als das Werk, das er als Ingenieur, Erfinder und Architekt hinterlassen hat. Dennoch hat auch Leonardo schon über die Möglichkeit der Nutzung von Sonnenenergie nachgedacht. Besonders bemerkenswert sind zwei Projekte, die von ihm inspiriert erst fünf Jahrhunderte später realisiert wurden: Im Jahr 2000 erprobte Adrian Nicholas Leonardos pyramidenförmigen Fallschirm erfolgreich bei einem Sprung aus 3000 Metern Höhe im Kruger Nationalpark in Südafrika, und 2001 wurde in Aas, südlich von Oslo, eine Brücke eröffnet, die nach seinem Entwurf von 1503 in verkleinerter Form gebaut worden war.
Vasari und Freud Charles Nicholl greift für seine Biographie neben den Primärquellen auch auf die frühe Gesamtdarstellung von Giorgio Vasari von 1550 zurück, die er allerdings kritisch behandelt genauso wie die Untersuchungen von Sigmund Freud, mit deren Hilfe er Leonardos Leben psychologischen Deutungsansätzen unterzieht. Leonardo da Vinci war ein uneheliches Kind, was sich zunächst wie auch seine mutmaßliche Homosexualität nachteilig auf seinen gesellschaftlichen Status ausgeübt haben dürfte, ihm aber langfristig die Möglichkeit bot, sich den Erwartungen und Traditionen seiner Familie zu entziehen und das Leben zu führen, das seinen Interessen entsprach. Alle diese Erklärungshilfen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Biographie eine Annäherung an das zu betrachtende Leben bleibt. Charles Nicholl ist diesem Ansatz mit seiner Art des Abwägens sich widersprechender historischer Überlieferungen und Details sowie deren Interpretationen, die er in großer Fülle präsentiert, gerecht geworden. Und er vermeidet tunlichst das Wort «Genie», obwohl Umfang und Vielfalt des Schaffens Leonardo da Vincis auch nach der Lektüre seiner Biographie genau diesen Schluss nahe legen.
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Charles Nicholl: Leonardo da Vinci. Eine Biographie. Fischer: Frankfurt 2006 751 Seiten, 29,90 Euro
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