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Ab in die Mitte - die Innenstadt auf dem Vormarsch
Blick über die Berliner Innenstadt
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Foto: dpa
Vor allem in den Großstädten zieht es junge Menschen und Familien wieder verstärkt in die Innenstadt. Zwei neue Publikationen untersuchen den Trend zur Mitte und dessen historische Wurzeln.
 
Von Andreas Barz

Nachdem die Stadtentwicklung in den Industrieländern bis in die 90er-Jahre von Stadtflucht und Zersiedelung geprägt war, ist seit einigen Jahren und vor allem in den durch Kriegszerstörungen und Nachkriegsarchitektur geprägten Großstädten eine Besinnung auf zentrale Quartiere und die Vorteile stadtnahen Wohnens festzustellen. So rücken bislang vernachlässigte Viertel, Industriebrachen und Verkehrsflächen zunehmend ins Interesse von Projektentwicklern und Stadtplanern.

Vor allem in Berlin und London mit ihren unzähligen insbesondere durch Zerstörung im Zweiten Weltkrieg geschundenen Stadtflächen lässt sich diese Entwicklung eindrucksvoll beobachten. Freilich stellt Berlin dabei einen Sonderfall dar: Dort verkamen nach Teilung und Mauerbau nicht wenige Innenstadtbereiche zur Peripherie, aus einstmals pulsierenden Quartieren oder noblen Wohnvierteln wurden Orte des Stillstands und der Leere.

Planerische Rolle rückwärts

So genannte Bremer Häuser
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Foto: dpa
Nicht umsonst lässt sich die Renaissance der Innenstädte deshalb in Berlin besonders gut beobachten: Mit dem Planwerk Innenstadt startete der inzwischen pensionierte Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann mit großer Geste eine planerische Rolle rückwärts und überformte überdimensionierte Verkehrsachsen, Kriegslücken und Nachkriegsarchitekturen mit einem engmaschigen Netz aus Parzellen, Blöcken und historischen Straßenrastern. Gemeinsam mit dem Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm und dem Büro Ortner und Ortner wurde der Selbstbesinnung Berlins auf die europäische Stadt im Sinne Camilo Sittes und auf dessen städtebauliche Grundsätze der Boden bereitet.

Den Planern kam gelegen, dass zugleich eine wachsende Mittelschicht zunehmend in innerstädtischen Lagen familiengerechtes Wohnen nachfragt. Der Wegzug junger Familien in ruhige Wohnquartiere und Einfamilienhaussiedlungen war spätestens mit dem Gründerboom Ende der 90er-Jahre vorbei - zumal es die Profiteure der High-Tech-Blase noch nie ins Grüne zog. Die Akteure des Neuen Marktes zog es mit rasanter Geschwindigkeit in die Innenstädte zurück. Das Townhouse war als städtebaulicher Kompromiss geboren und greift damit die Idee eines kleinteiligen Stadthauses auf schmaler Parzelle und mit privaten Gartenzonen auf, wie sie heute noch in Bremen, Lübeck und in vielen britischen und niederländischen Städten zu finden sind. Neu oder gar revolutionär ist das indes auch in Berlin nicht: Dort standen schon das alte und nach dem Krieg abgebrochene Hansa- und Tiergartenviertel in dieser Tradition.

Zurück in die Zukunft

Es verwundert daher nicht, dass sich die Autoren des Buches «Renaissance der Mitte» zunächst den historischen Ursprüngen des Berliner, aber auch des Londoner Städtebaus nähern und aus der Geschichte heraus den Drang zur Mitte zu erklären versuchen. New Urbanism, Urban Design und Kritische Rekonstruktion sollen den vernachlässigten öffentlichen Flächen neues Leben einhauchen und somit verhindern, dass Innenstadt nicht nur den sozialen Randgruppen und Migranten überlassen bleibt.

Auch das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) fragt in dem Band «Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance?» nach den Ursachen und Bedingungen für den Bedeutungswandel der Innenstadt und für das zunehmende Interesse junger Familien am innerstädtischen Wohnen. Im Fokus der Betrachtung stehen das Revitalisierungsprojekt Hamburger Hafencity sowie eine stadtsoziologische Untersuchung des Leipziger Stadtteils Schleußig und des Gärtnerplatzviertels in München.

Sonderfall Ostdeutschland

Ob die dargestellten innerstädtischen Angebote tatsächlich eine nachhaltige Renaissance der Mitte bedeuten, bleibt abzuwarten – aber noch gibt es hinreichend planerische Spielfläche. Vor allem in ostdeutschen Städten führt die Abwanderung junger und erwerbsfähiger Menschen eher zur Veralterung und Verwaisung innerstädtischer Bereiche. Doch sind die Planer erfinderisch in der Bildung neuer Begrifflichkeiten – die perforierte und aufgelockerte Stadt verspricht auch hier ein tragfähiges Leitbild für die Zukunft. Wie tragfähig das ist, bleibt abzuwarten.

Foto: Verlag
Harald Bodenschatz (Hrsg.)
Renaissance der Mitte. Zentrumsbau in Berlin und London.
Verlagshaus Braun.
Berlin: 2005
461 Seiten, 98 Euro

Mehr im Internet:

Foto: Difu
Hasso Brühl, Claus-Peter Echter, Franciska Fröhlich von Bodelschwingh und Gregor Jekel:
Wohnen in der Innenstadt – eine Renaissance? Difu-Beiträge zur Stadtforschung. Bd. 41.
Berlin: 2005.
336 Seiten, 29,00 Euro.

Mehr im Internet:


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