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Wie Leipzig die Kunst entrümpelte
Leipziger Buntgarnwerk
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Foto: dpa
Dass Leipzig als Stadt des Jugendstils bezeichnet werden darf, ist kaum bekannt. Dabei kann sich die Stadt an der Pleiße durchaus mit den Jugendstilarchitekturen in Riga messen, wie ein gelungener Bildband zeigt.
 
Von Andreas Barz

Leipzigs Aufstieg begann erst spät: Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die weit gehend barock geprägte Bürgerstadt zur Industriemetropole. Der Industrialisierungsprozess vollzog jedoch sich rasant, so dass die Stadt bereits mit Gründung des Kaiserreiches 1871 zu den sechs führenden deutschen Großstädten zählte: Im Hinblick auf die Zahl der industriellen Großunternehmen nahm Leipzig bis 1913 unter den deutschen Städten den zweiten Platz ein und wurde nur von Berlin übertroffen, seine Einwohnerzahl betrug über 600.000.

Das schnelle Wachstum hatte nicht nur gravierende bauliche Folgen, sondern führte auch dazu, dass zahlreiche Menschen vom Land in die Stadt zogen, da sie nur dort Arbeit fanden. Im Zuge dieser Entwicklung bildeten sich gewaltige Arbeiterviertel und große Industriestandorte wie beispielsweise die Industrie- und Wohnquartiere in Lindenau und in Plagwitz.

Ende des 19. Jahrhunderts wird Leipzig zudem Sitz des deutschen Reichsgerichtes und avancierte in dessen Folge zum Zentrum der Gerichtsbarkeit im Kaiserreich. Der 1895 eingeweihte und vom Berliner Architekten Ludwig Hoffmann errichtete historisierende Monumentalbau am jüngst freigelegten Pleissegraben ist hierfür bis heute ein fulminantes Zeugnis.

Protest gegen den Historismus

Leipziger Bundesverwaltungsgericht
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Foto: dpa
Gegen den weit verbreiteten Historismus, aber auch gegen eine zunehmend erstarrte akademische Formensprache wenden sich die überall in Europa entstehenden Künstlersezessionen. Unter dem Titel «Entrümpelung der Kunst» veröffentlicht Henry van der Velde 1894 eine kunsttheoretische Skizze, die als Kriegserklärung an jegliche historisierende Architektur verstanden werden kann. In Leipzig gründete sich die Sezessionsbewegung um den international renommierten Bildhauer Max Klinger, der 1897 eine Professur in seiner Heimatstadt annahm und als geistiger Begründer der Leipziger Jugendstilbewegung gilt.

Die Wandel der Leipziger Messe von einer reinen Waren- zur Musterschau und der damit verbundene Aufstieg Leipzigs zum führenden Handelsplatz des Reiches hatte ein enormes Baugeschehen in der Innenstadt zur Folge. Zeitgleich entstehen zahlreiche repräsentative Paläste und Geschäftshäuser, von denen inzwischen die meisten Gebäude aufwendig erneuert und zum Teil vollständig rekonstruiert wurden. So zieren die Fassade des mit Jugendstilmosaiken ausgeschmückten Riquethauses wieder zwei aus Kupfer getriebene Elefantenköpfe, der im Krieg beschädigte Turm wurde gleichfalls wieder rekonstruiert. Vom Grau der DDR-Zeit befreit sind auch Mädlerpassagen mit Auerbachskeller und Specks Hof. Das wohl imposanteste Gebäude dieser Epoche in der Innenstadt ist bis heute der jüngst umgebaute Hauptbahnhof, wenngleich durch den Einbau einer Shoppingmall erhebliche Denkmalsubstanz verloren ging.

Prächtiger Jugendstil außerhalb der Innenstadt

Aber nicht nur in der Innenstadt lassen sich Jugendstilzeugnisse finden. Besonders prächtige Bauten finden sich im Waldstraßenviertel. In kaum einer anderen Stadt – von der Görlitzer Neustadt einmal abgesehen – ist die gründerzeitliche Bausubstanz so gut erhalten wie hier. Mit gut inszenierten Fotografien dokumentiert ein Bildband von Peter Guth und Bernd Sikora die Leipziger Architektur um 1900 und die Sanierungsfortschritte der letzten zehn Jahre. Das Buch zeigt auch, wie viel Bausubstanz erhalten geblieben ist, was andernorts dem Hass auf alles Wilhelminische und einer autogerechten Stadt weichen musste.

Die Rettung der Leipziger Gründerzeit und damit vieler herausragender Bauzeugnisse des Jugendstils kam wie anderswo auch mit der politischen Wende 1989. Viele der Gebäude waren im Laufe der Jahre und durch mangelnde Instandhaltung unbewohnbar geworden und sollten nach dem Willen der politischen Führung durch preiswerte Plattenbauten ersetzt werden. In der westlichen Innenstadt und ganz in der Nähe des Dittrich-Rings wurde bereits flächendeckend wertvolle Bausubstanz abgerissen und durch Typenbauten ersetzt.

Abriss geht weiter

Doch auch heute noch sind die umfangreichen gründerzeitlichen Baubestände gefährdet. Der gravierende Einwohnerverlust macht der selbsternannten Boomstadt zu schaffen. Einen Ausweg sieht das abrissfreudige Baudezernat im Leitbild der perforierten Stadt und gibt, ähnlich der Vorwendezeit, selbst ganze Straßenzüge preis. Welches städtebauliche Entwicklungsziel damit verfolgt werden soll, bleibt abzuwarten. Auch wenn die Stadtverwaltung nur schwer ihr Entwicklungsziel begründen kann, werden wohl auch künftig eine Vielzahl von Gründerzeitbauten weichen müssen, da es an kreativen Ideen im Umgang mit ungenutzter Bausubstanz mangelt. Jüngstes Beispiel ist das aufgrund seines üppigen Fassadenschmucks als Märchenhaus berühmt gewordenes gründerzeitliche Wohnhaus in der Friedrich-Ebert-Straße.

Bleibt zu hoffen, dass der Verlag den Mut für einen zweiten Band findet, um die gefährdeten Bauten aus der wohl produktivsten Leipziger Bauepoche vor ihrem endgültigen Vergessen zu bewahren. Denn der «Tanz der Abrissbirnen», wie der Publizist Arnold Bartetzky einmal treffend formulierte, wird weitergehen.

Foto: Verlag
Peter Guth
Jugendstil & Werkkunst: Architektur um 1900 in Leipzig.
Leipzig: 2006.
160 Seiten, 29,90 Euro

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